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Narrabelle – Stories of Love

Artikel: Zwischen Porto und Lyon

Zwischen Porto und Lyon
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Schließ die Augen und fang an zu träumen.

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Die Laborluft in Porto roch nach Kaffee und sterilen Handschuhen. Amara stand am Fenster des Forschungsgebäudes und betrachtete den Atlantik, der sich grau und gleichgültig bis zum Horizont erstreckte. Hinter ihr summten die Zentrifugen. Das Geräusch war ihr zur zweiten Stille geworden – eine Konstante in den vergangenen acht Monaten.

 

Eine Wissenschaftlerin steht in einem hellen Labor vor einem großen Fenster mit Meerblick und schaut konzentriert in ein Mikroskop.

 

Sie hatte sich an vieles gewöhnt. An die salzige Feuchtigkeit, die selbst durch geschlossene Fenster drang. An die portugiesische Höflichkeit ihrer Kollegen, die niemals aufdringlich wurde. An die langen Abende in der kleinen Wohnung über der Apotheke, wo das Licht immer etwas zu gelb war und die Wände die Stimmen der Nachbarn trugen wie ein leises Radio.

Aber an die Abwesenheit hatte sie sich nicht gewöhnt.

Sein letzter Brief lag in ihrer Handtasche, der Umschlag bereits weich von den vielen Malen, die sie ihn herausgenommen, gefaltet und wieder weggelegt hatte. Sie kannte jedes Wort. Die Art, wie er „Liebste" schrieb – mit einem kleinen Bogen beim L, als würde das Wort atmen. Die Zeile über den Schnee, der in Lyon gefallen war. *Es ist noch zu früh für Winter*, hatte er geschrieben, *aber die Stadt scheint es nicht zu wissen.*

Amara schloss die Augen und versuchte, sich Lyon vorzustellen. Die schmalen Gassen der Altstadt. Das Licht auf der Saône am späten Nachmittag. Die kleine Brasserie, in der sie sich zum ersten Mal geküsst hatten – zwischen zwei Gläsern Rotwein und dem Gelächter fremder Menschen.

 

Nahaufnahme einer Frau im Profil, der eine einzelne Träne über die Wange läuft, während sie einen Briefumschlag an ihren Hals hält.

 

„Amara?" Sie drehte sich um. Ihre Kollegin Inês stand in der Tür, eine Mappe unter dem Arm. „Die Ergebnisse sind da", sagte Inês. „Alles ist bereit für die Präsentation morgen." Amara nickte. Morgen würde sie vor dem Forschungsrat stehen und die Daten der letzten Monate zusammenfassen. Dann würde sie ihre Koffer packen. Dann würde sie gehen. „Danke", sagte sie leise. Inês musterte sie einen Moment länger als nötig. „Du freust dich, oder?" Amara lächelte – ein kleines, unsicheres Lächeln, das mehr preisgab, als sie wollte. „Ja." „Dann geh. Das hier kann warten."

Aber das stimmte nicht. Das hier konnte nie warten. Die Forschung hatte ihren eigenen Rhythmus, ihre eigenen Forderungen. Amara hatte acht Monate lang in diesem Rhythmus gelebt, sich darin aufgelöst, hatte die Stunden gezählt und dann aufgehört zu zählen, weil das Zählen wehtat.

Sie blieb noch eine Stunde. Dann zwei. Als sie das Gebäude verließ, war der Himmel bereits dunkel, und der Wind trug den Geruch von Salz und nassem Stein.

In ihrer Wohnung packte sie methodisch. Kleidung, Bücher, die kleinen Gegenstände, die ein Leben in der Fremde erträglich machten. Sie faltete seine Briefe zusammen – sieben insgesamt – und legte sie zwischen die Seiten ihres Notizbuchs. Dann setzte sie sich ans Fenster und wartete auf den Morgen.

 

Eine Frau sitzt nachts allein an einem kleinen Holztisch, schreibt in ein Notizbuch und hat eine dampfende Tasse Tee neben sich.

 

Der Flug war pünktlich. Amara saß am Fenster und beobachtete, wie die Küste Portugals unter ihr verschwand. Sie hatte nicht geschlafen. Ihre Hände lagen gefaltet im Schoß, die Finger verschränkt, als hielten sie ein Geheimnis fest. Eine Frau neben ihr – älter, elegant, mit silbernem Haar – lächelte sie an. „Erste Reise?" „Nein", sagte Amara. „Heimkehr."

Das Wort klang seltsam in ihrem Mund. Lyon war nicht ihre Heimat. Sie war in Bordeaux geboren, hatte in Paris studiert, war nach Lyon gezogen, weil dort eine Stelle frei gewesen war. Aber irgendwann war Lyon zur Heimat geworden – nicht durch den Ort selbst, sondern durch ihn. Durch die Art, wie er morgens Kaffee kochte, ohne zu fragen, ob sie welchen wollte. Durch die Art, wie er ihr zuhörte, selbst wenn sie über Dinge sprach, die ihn nicht interessieren konnten. Durch die Art, wie er ihren Namen sagte – langsam, als koste er ihn.

Das Flugzeug stieg höher. Die Wolken unter ihnen sahen aus wie gefrorene Wellen. „Er holt dich ab?", fragte die Frau. Amara sah sie an. „Woher wissen Sie—" Die Frau lächelte wieder. „Man sieht es." Amara schwieg. Sie wusste nicht, was die Frau sah. Nervosität vielleicht. Oder die Art, wie sie alle paar Minuten auf ihr Telefon schaute, obwohl keine Nachricht kommen konnte, nicht hier oben. „Es ist lange her", sagte Amara schließlich. „Acht Monate." Amara nickte. „Das ist keine Ewigkeit." „Manchmal fühlt es sich so an." Die Frau lehnte sich zurück und schloss die Augen. „Wenn es richtig ist, spielt die Zeit keine Rolle."

Amara wollte widersprechen. Wollte sagen, dass Zeit immer eine Rolle spielte, dass sie Dinge veränderte, dass sie Menschen entfernte, selbst wenn sie physisch zurückkehrten. Aber sie sagte nichts. Sie sah aus dem Fenster und versuchte, die Angst zu benennen, die seit Tagen in ihrer Brust saß wie ein Vogel, der nicht losfliegen konnte. Was, wenn er anders war? Was, wenn *sie* anders war?

 

Seitenprofil einer Frau, die während eines Fluges nachdenklich aus dem Flugzeugfenster in den bewölkten Himmel schaut.

 

Lyon-Saint-Exupéry war grau und kühl. Amara trug ihren Mantel über dem Arm und folgte der Menschenmenge durch die Ankunftshalle. Ihr Koffer hatte ein kaputtes Rad, und das Rattern hallte in ihren Ohren wie ein Herzschlag.

Sie sah ihn, bevor er sie sah. Er stand neben der Absperrung, die Hände in den Taschen seiner dunklen Jacke, den Blick auf die Ankunftstafel gerichtet. Sein Haar war länger als im Sommer. Seine Schultern wirkten schmaler, oder vielleicht war es nur der Schnitt der Jacke. Amara blieb stehen.

Sie hatte sich diesen Moment so oft vorgestellt. Hatte sich ausgemalt, wie sie laufen würde, wie sie lächeln würde, wie alles leicht und selbstverständlich sein würde. Aber jetzt, da er nur wenige Meter entfernt stand, konnte sie sich nicht bewegen.

Dann drehte er den Kopf. Ihre Blicke trafen sich. Die Welt wurde still.

Er lächelte nicht sofort. Stattdessen sah er sie an, als müsste er sich vergewissern, dass sie wirklich da war. Dann löste sich etwas in seinem Gesicht – eine Anspannung, die sie nicht bemerkt hatte, bis sie verschwand. Er kam auf sie zu. Nicht schnell, nicht langsam. Nur stetig.

Amara ließ den Koffer los. Er blieb schief stehen, aber sie kümmerte sich nicht darum. „Hallo", sagte er. Seine Stimme war tiefer, als sie sich erinnert hatte. Oder vielleicht hatte sie sie vergessen und gerade erst wiederentdeckt. „Hallo", sagte sie.

Sie standen sich gegenüber. Zu nah und zu weit zugleich. Sein Geruch war vertraut – Seife und etwas, das sie nie benennen konnte, etwas, das nur ihm gehörte. „Du bist zurück", sagte er leise. „Ich bin zurück." Er hob die Hand, zögerte, ließ sie wieder sinken. „Ich—" „Ich weiß."

Dann umarmte er sie. Nicht vorsichtig. Nicht höflich. Er zog sie an sich, als hätte er Angst, sie könnte verschwinden, wenn er nicht fest genug hielt. Sein Kinn ruhte auf ihrem Scheitel, und sie spürte, wie er ausatmete – ein langer, zitternder Atemzug, der sich anfühlte wie Erleichterung.

Amara schloss die Augen. Ihre Arme lagen um seine Taille, und sie vergrub ihr Gesicht in seiner Jacke. Sie roch Kälte und Lyon und ihn. „Acht Monate", murmelte er in ihr Haar. „Zu lange." „Viel zu lange."

 

Ein Paar in Wintermänteln steht sich in einer Flughafenhalle gegenüber, hält sich an den Händen und blickt sich tief in die Augen.

 

Sie blieben stehen, während um sie herum Menschen gingen, Koffer rollten, Stimmen sich kreuzten. Es war ihnen egal. Als sie sich schließlich lösten, nahm er ihr Gesicht in beide Hände und sah sie an. Seine Daumen strichen über ihre Wangenknochen, eine kleine, automatische Geste, die sie fast vergessen hatte. „Du siehst müde aus", sagte er. „Du auch." Er lächelte. „Ich hab nicht geschlafen." „Ich auch nicht." „Dann sollten wir nach Hause gehen."

Nach Hause. Das Wort klang wie ein Versprechen.

 

 

Draußen schneite es. Große, langsame Flocken, die sich in der Luft drehten, bevor sie den Boden berührten. Der Parkplatz war weiß, die Autos trugen Hauben aus Schnee, und die Luft war so kalt, dass Amara ihren eigenen Atem sehen konnte. „Du hast recht gehabt", sagte sie. „Es ist zu früh für Winter." „Die Stadt weiß es nicht", erwiderte er und öffnete den Kofferraum.

Sie stiegen ein. Der Wagen war warm. Auf dem Armaturenbrett lag eine zerknitterte Karte, und auf dem Beifahrersitz – ihrem Sitz – lag eine kleine Papiertüte. „Was ist das?", fragte sie. „Öffne es." Amara nahm die Tüte und faltete sie auf. Darin lagen zwei Pains au chocolat, noch warm. Sie sah ihn an. „Ich dachte, du hast vielleicht Hunger", sagte er leise.

Etwas in ihrer Brust brach. Nicht schmerzhaft. Nur sanft, wie Eis, das im Frühling schmilzt. „Danke", flüsterte sie. Er streckte die Hand aus und legte sie auf ihre. „Ich hab dich vermisst." „Ich dich auch."

Sie fuhren durch die verschneite Stadt. Lyon sah aus wie eine Zeichnung – die Gebäude weich konturiert, die Straßen still, die Lichter der Cafés warm hinter beschlagenen Fenstern. Amara aß ihr Pain au chocolat und beobachtete die Welt draußen. Alles fühlte sich unwirklich an, wie ein Traum, in dem man nicht sicher ist, ob man wach wird oder weiterschläft. „Wie war es?", fragte er nach einer Weile. „Einsam", sagte sie ehrlich. Er nickte. „Hier auch." „Wirklich?" „Jede Nacht."

Sie sah ihn an. Sein Profil im Licht der Straßenlaternen – die gerade Nase, die Linie seines Kiefers, die Art, wie sich seine Lippen leicht öffneten, bevor er sprach. „Ich dachte, du hättest dich daran gewöhnt", sagte sie leise. „An was?" „An meine Abwesenheit." Er hielt an einer roten Ampel und drehte sich zu ihr. „Niemals."

Das Rot der Ampel warf Schatten auf sein Gesicht. Seine Augen waren dunkel, ernst. „Ich habe jeden Tag an dich gedacht", sagte er. „Morgens beim Kaffee. Abends, wenn ich nach Hause kam und die Wohnung leer war. Nachts, wenn ich nicht schlafen konnte." Amara spürte, wie ihre Kehle eng wurde. „Ich auch", flüsterte sie.

Die Ampel wurde grün. Sie fuhren weiter.

 

Die Wohnung war genau, wie sie sie verlassen hatte. Die gleichen Möbel, die gleichen Bücher im Regal, das gleiche sanfte Licht der Stehlampe in der Ecke. Aber etwas war anders. Es dauerte einen Moment, bis Amara erkannte, was es war: Blumen. Auf dem Tisch, am Fenster, sogar auf der Anrichte in der Küche. „Du hast—" „Ich wollte, dass es schön ist", unterbrach er sie leise.

Amara stellte ihren Koffer ab. Sie ging zum Tisch und berührte eine der Blüten – eine weiße Rose, deren Blätter sich gerade öffneten. „Es ist schön", sagte sie. Er kam näher. Stand hinter ihr, nah genug, dass sie seine Wärme spürte, aber ohne sie zu berühren. „Ich hatte Angst", sagte er leise. „Wovor?" „Dass du dich verändert hast. Dass ich mich verändert habe. Dass wir—" Er brach ab.

Amara drehte sich um. Sie standen sich gegenüber, nur einen Atemzug entfernt. „Dass wir was?", fragte sie. „Dass wir nicht mehr passen."

Die Worte hingen in der Luft wie Schnee, der noch nicht gefallen war. Amara hob die Hand und legte sie gegen seine Brust. Sein Herz schlug schnell, unregelmäßig. „Wir passen noch", sagte sie leise. „Woher weißt du das?" „Weil ich dich noch immer so ansehen kann." „Wie?" „Als wärst du das Einzige, das zählt."

Er atmete aus. Dann legte er seine Hände um ihre Taille und zog sie näher. Sie legte die Arme um seinen Nacken, und ihre Stirn berührte seine. „Ich habe mir das so oft vorgestellt", murmelte er. „Ich auch." „War es so?" „Nein." Sie lächelte. „Es ist besser."

Er küsste sie. Sanft zuerst, fast vorsichtig, als müssten sie sich neu kennenlernen. Dann tiefer, hungriger, als hätten acht Monate Sehnsucht eine Sprache gefunden, die keine Worte brauchte. Amara spürte, wie ihre Knie nachgaben, aber er hielt sie fest. Seine Hände lagen auf ihrem Rücken, seine Lippen auf ihren, und die Welt draußen verschwand – der Schnee, die Stadt, die Zeit.

Als sie sich lösten, waren sie beide atemlos. „Komm", sagte er leise und nahm ihre Hand. Er führte sie zum Sofa. Sie ließen sich fallen, ineinander verschlungen, und Amara legte ihren Kopf an seine Schulter. Seine Finger spielten mit ihren, eine kleine, rhythmische Bewegung, die sie beruhigte. „Ich will nie wieder so lange weg sein", sagte sie. „Versprochen?" „Versprochen."

 

Eine brennende Kerze steht scharf im Vordergrund auf einem Tisch, während im unscharfen Hintergrund ein Paar innig auf dem Sofa kuschelt.

 

Er küsste ihr Haar. „Ich liebe dich." Die Worte waren einfach, aber sie trafen sie mit der Wucht eines Geständnisses. „Ich liebe dich auch", flüsterte sie.

Sie blieben so liegen, während draußen der Schnee fiel. Die Stadt wurde still, die Nacht wurde tief, aber in der Wohnung war es warm. Warm und sicher und ganz. Amara schloss die Augen und spürte, wie die Erschöpfung der letzten Monate von ihr abfiel. Nicht auf einmal. Aber Schicht für Schicht. „Schläfst du?", fragte er nach einer Weile. „Fast." „Gut."

Seine Stimme war sanft. Sie spürte, wie seine Hand über ihren Rücken strich, langsam, gleichmäßig, wie ein Herzschlag. „Ich bin froh, dass du da bist", sagte er leise. „Ich auch." „Wir schaffen das." „Ja", flüsterte sie. „Wir schaffen das."

Und zum ersten Mal seit acht Monaten glaubte sie es wirklich.

 

 

Als sie aufwachte, war es noch dunkel. Sie lag auf dem Sofa, zugedeckt mit einer Decke, die nach ihm roch. Er saß am Fenster, den Blick auf die verschneite Straße gerichtet. „Kannst du nicht schlafen?", fragte sie leise. Er drehte sich um und lächelte. „Ich wollte sichergehen, dass du wirklich da bist." Amara streckte die Hand aus. Er kam zu ihr, setzte sich auf den Rand des Sofas und nahm ihre Hand. „Ich bin da", sagte sie. „Ich weiß." „Dann komm zurück."

Er legte sich neben sie, und sie drehte sich zu ihm, ihr Gesicht so nah an seinem, dass sie seinen Atem spüren konnte. „Guten Morgen", flüsterte er. „Guten Morgen." Er küsste sie wieder, diesmal langsamer, als hätten sie alle Zeit der Welt. Seine Hand lag auf ihrer Wange, sein Daumen strich über ihre Lippen, und sie öffnete die Augen, nur um ihn anzusehen – die Art, wie er sie ansah, als wäre sie das Wertvollste, das er je gehalten hatte. „Ich will nicht mehr ohne dich sein", sagte sie leise. „Dann bleib." „Für immer?" „Für immer." Sie lächelte. „Das ist eine lange Zeit." „Ich habe Zeit."

Draußen wurde der Himmel langsam heller. Der Schnee fiel nicht mehr, aber die Straßen waren still weiß, und die Stadt erwachte langsam, als zögerte sie, den Zauber zu brechen. Amara kuschelte sich enger an ihn, und er legte die Arme um sie, fest und warm. „Danke", flüsterte sie. „Wofür?" „Dass du gewartet hast." „Ich hätte ewig gewartet."

Sie glaubte ihm. Und in diesem Moment, in der Stille der Wohnung, im sanften Licht der Dämmerung, im warmen Kreis seiner Arme, wusste Amara, dass sie angekommen war. Nicht nur in Lyon. Sondern bei ihm.

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