Artikel: Racheplan mit Herzschlag

Racheplan mit Herzschlag
Der Regen hatte um zwei Uhr aufgehört, aber die Gasse hinter dem Grauen Drachen erinnerte sich noch daran. Magenta und Cyan tropften aus den Neonröhren des Nachbarhauses in die Pfützen und lösten sich dort in einer Art auf, die nach billiger Elektrizität und altem Öl roch. Nora Takahashi stand vor der schwarz lackierten Stahltür, die Kapuze halb ins Gesicht gezogen, und zählte den Rhythmus ihres eigenen Atems, wie sie es früher vor jedem Einbruch in ein Serverzentrum getan hatte. Vier ein, sechs aus. Vier ein, sechs aus. Das Messer im Stiefelschaft war ein zusätzlicher Wirbel in ihrem Rückgrat, kein Trost, nur ein Fakt.
Der Türsteher, ein breiter Mann mit einer schlecht verheilten Narbe entlang der Kieferlinie, hatte sie mit einem Nicken durchgelassen. Er hatte nach ihrem Namen gefragt, sie hatte Aiko Mori gesagt, und der Name war ihr so glatt über die Zähne gerutscht, als hätte sie ihn ein Leben lang getragen. In gewisser Weise stimmte das. Sie hatte ihn seit drei Jahren geübt. Seit dem Tag, an dem sie Kenjis Leiche im gekühlten Vorzimmer der Präfekturpolizei identifiziert hatte, das Laken bis zum Kinn hochgezogen, damit sie den Strick nicht sehen musste, den er sich aus dem eigenen Hemd gedreht hatte.
Der Hintereingang führte in einen schmalen Vorraum, in dem es nach Zigarettenrauch und nassem Beton roch. Ein Aquarium summte irgendwo, blau und einsam. Nora drückte den Rücken gegen die Wand, ordnete die gefälschten Papiere im inneren Fach ihrer Jacke und ging weiter, den kurzen Gang entlang, an einer Küche vorbei, in der jemand Nudeln aufwärmte, bis sie in den eigentlichen Club trat.
Der Graue Drache war kein Ort für Menschen, die Antworten suchten. Er war für die gemacht, die vergessen wollten. Niedrige Decke, schwarzer Marmor, ein Tresen aus gebürstetem Stahl, hinter dem eine Wand aus Whiskyflaschen wie eine Ikonostase leuchtete. Die Musik war tief, ein japanischer Deep-House-Track mit einer Frauenstimme, die auf Englisch etwas über Hände sang, die niemand mehr halten wollte. Es waren um diese Uhrzeit vielleicht dreißig Gäste da, Männer in Anzügen ohne Krawatten, Frauen mit müden Augen und teurem Haar. Alle sahen aus, als hätten sie zu spät begriffen, wo sie gelandet waren, und zu wenig Kraft, um zu gehen.
„Aiko.“
Die Stimme kam aus ihrem Rücken, ruhig, tief, nicht laut. Sie drehte sich langsam, weil sie schon vor drei Sekunden gewusst hatte, wer es sein würde.
Ryō Metzger stand zwei Schritte entfernt. Er war größer, als die Fotos aus den Akten hatten vermuten lassen. Schwarzes Hemd, offen am Kragen, die Ärmel bis zu den Ellenbogen gerollt, sodass die untere Kante eines Tattoos sichtbar wurde, das sich an seinem Unterarm entlangzog: eine Reihe Kanji, zu klein, um sie im Licht zu entziffern. Sein Haar war zu lang für einen Geschäftsmann und zu kurz für einen Rebellen. Aber die Augen. Die Augen waren das, was ihre Vorbereitung nicht überlebt hatte. Grau mit einem braunen Ring um die Pupille, und diese Müdigkeit darin, die sich nicht durch Schlaf heilen ließ.
„Metzger-san“, sagte sie und verbeugte sich einen halben Grad zu tief. Das war einstudiert. Frauen, die etwas zu verbergen haben, verbeugen sich immer zu tief.
Er nickte, ohne den Kopf zu senken. „Komm mit.“
Er führte sie hinter den Tresen, durch den Vorhang aus geöltem Leinen, in die Kühle des Hinterraums.
Der Hinterraum roch nach kaltem Rauch und einem Parfum, das jemand vor Stunden getragen hatte. Ryō schloss die Tür mit der flachen Hand, so leise, dass Nora es mehr an der Luft spürte als hörte. Er ging um den Schreibtisch, ohne sich zu setzen, und sah sie an, während er ein Glas mit Wasser füllte. Er trank nicht davon. Er stellte es zwischen sie beide auf die Platte, als wäre es eine Nachricht.
„Du hast in der Nachricht geschrieben, du kannst mir die Kellyberg-Konten aufbrechen“, sagte er.
„Ich schrieb, dass ich sie schon aufgebrochen habe.“
Er hob eine Augenbraue. Es war die erste Bewegung in seinem Gesicht, seit sie den Raum betreten hatten. „Dann warum brauchst du mich?“
„Weil das Aufbrechen der leichte Teil war.“ Sie legte die Hände flach auf den Tisch, spreizte die Finger und ließ ihn die Farbe an den Kuppen sehen. Ein blasses Türkis, das ihr geblieben war, seit sie ein Kabel gefärbt hatte, um es in einem Serverraum zu markieren. „Der schwere Teil ist, drin zu bleiben.“
Er sah auf ihre Hände. Sein Blick verweilte länger, als sie berechnet hatte. Dann nickte er, einmal, und griff nach dem Wasser, das er nicht getrunken hatte.
„Morgen um neun“, sagte er. „Ich schicke dir die Adresse.“
Die Adresse führte in den fünften Stock eines schmalen Gebäudes im Dogenzaka-Viertel, drei Straßen abseits der Kreuzung, an der Shibuya nachts kocht und morgens ausatmet. Nora stieg die Treppe hoch, weil Aufzüge Kameras haben. An der Tür lag ein Schlüssel unter der Fußmatte. Sie hätte darüber lachen können. Ein Mann, der eine Bar mit Yakuza-Schulden führt, versteckt seinen Schlüssel wie ein Vorstadtdad.
Das Apartment war so leer, dass es sie zuerst wütend machte. Ein Futon, sorgfältig gefaltet. Ein niedriger Tisch. Ein Regal mit Büchern auf Deutsch, Japanisch, ein einziges auf Englisch, ein zerfledderter Auden. Die Glasfront ging über die ganze Wand, und dahinter lag Shibuya in einem grauen Wintervormittag, die Kreuzung ein Ameisenhaufen aus Regenschirmen und Atemwolken.
Der Laptop stand offen auf dem Tisch. Er hatte sie hierher geführt, ohne ihr Anweisungen zu geben. Das allein hätte sie warnen müssen.
Sie setzte sich im Schneidersitz vor den Tisch, öffnete ihre eigene Hardware, koppelte den Sniffer, ließ die ersten Skripte laufen. Dreißig Minuten später hatte sie den Zugang zu seinem verschlüsselten Server, weitere zwanzig, und sie war in dem Ordner, den sie seit drei Jahren suchte. Kenjis Name in einer Betreffzeile. Ein Datum, sechs Tage vor seinem Tod.
Sie klickte darauf.
Und die Welt kippte einen Grad zur Seite.
Es war keine Denunziation. Es war eine Warnung, geschrieben von Ryō an Kenji, in einem verschlüsselten Kanal, den keiner von ihnen hätte knacken sollen: *Sie wissen, dass du an den Fonds ranwillst. Verschwinde für zwei Wochen. Ich kann dich in Sapporo unterbringen. Antworte nicht per Handy.* Darunter, drei Tage später, unbeantwortet, ein zweites Fragment: *Kenji. Bitte.* Dann Stille.
Und dann, ganz unten im Ordner, der Screenshot einer Nachricht, die jemand anderes verfasst hatte. Ein Name, den Nora kannte. Ein Freund von Kenji. Ein Bruder fast. Er hatte Kenji verraten, für einen Betrag, der auf dem Kontoauszug stand, den Ryō daneben abgelegt hatte, wie ein Anwalt, der Beweise s ortiert.
Haruki
Nora blieb sitzen, den Zeigefinger über dem Trackpad, und der Bildschirm brannte kalt auf ihre Netzhaut. Der Name war Haruki. Haruki, der auf Kenjis Hochzeit die Rede gehalten hatte, so betrunken, dass er auf halber Strecke ins Weinen gekippt war. Haruki, der auf der Beerdigung neben ihr gestanden und ihr die Hand gehalten hatte, bis sich seine Fingernägel in ihren Handrücken gedrückt hatten. Der Betrag stand da wie eine Zahl, die man in einer Klausur unterstreicht. Zwölf Millionen Yen. Der Preis eines Bruders.
Sie schloss den Laptop leiser, als sie sich zutraute. Ihre Finger zitterten, und das machte sie wütender als alles andere. Drei Jahre. Drei Jahre lang hatte sie ein Gesicht in ihrem Kopf gebaut, in das sie das Messer aus dem Stiefelschaft würde stoßen können, wenn die Zeit reif war, und dieses Gesicht war Ryōs Gesicht gewesen. Jetzt bröckelte es weg, und darunter kam etwas zum Vorschein, das sie nicht ausgesprochen hatte, seit sie sechzehn war: Sie hatte sich geirrt.
Die Tür ging auf, ohne dass sie es hatte kommen hören.
Ryō stand im Rahmen, den Mantel noch an, Regen auf den Schultern. Er sah auf den geschlossenen Laptop, dann auf ihre Hände, die immer noch flach auf dem Tisch lagen, und dann in ihr Gesicht. Er zog den Mantel aus, hängte ihn ordentlich über den Haken neben der Tür, und diese Ordentlichkeit war das, was ihr die Tränen in den Hals trieb.
„Du hast es gefunden“, sagte er.
„Du hast gewusst, dass ich es finden würde.“
„Ich habe es dort abgelegt, wo du es finden würdest.“
Sie stand auf, langsam, weil ihre Knie nicht mehr sicher waren. „Warum?“
Er ging bis zur Glasfront, blieb mit dem Rücken zu ihr stehen, und Shibuya draußen war eine graue Suppe aus Regen und Leuchtschriften. „Weil ich seit drei Jahren weiß, dass eine Frau namens Nora Takahashi mich für Kenjis Tod verantwortlich macht, und weil ich seit drei Jahren gewartet habe, bis sie klug genug ist, in mein Zimmer zu kommen und es selbst nachzulesen.“
Sie ging auf ihn zu, und mit jedem Schritt wurde das Messer im Stiefelschaft leichter, bis es fast nicht mehr da war. Sie blieb hinter ihm stehen, so nah, dass sie den Regen an seinem Kragen riechen konnte, und legte die Stirn zwischen seine Schulterblätter. Sein Hemd war kalt vom Wetter, und darunter war er warm, und dieser Kontrast brach etwas in ihr auf, dem sie seit Kenji zusammengehalten hatte.
„Ich wollte dich töten“, sagte sie in den Stoff hinein.
„Ich weiß.“
„Und jetzt?“
Er drehte sich um. Er tat es langsam, weil er ihr den Raum ließ, zurückzutreten. Sie trat nicht zurück. Sie sah in diese grauen Augen mit dem braunen Ring und begriff, dass die Müdigkeit darin ihre eigene war, gespiegelt, seit drei Jahren.
Er hob eine Hand, legte sie an ihren Kiefer, und der Daumen strich einmal über die Stelle unter ihrem Ohr, an der ihr Puls saß. „Jetzt entscheidest du.“
Sie küsste ihn, weil das die einzige Antwort war, die keine Lüge war. Sein Mund war überrascht, dann nicht mehr, und die Hand an ihrem Kiefer wanderte in ihren Nacken und zog sie enger. Sie zerrte an den Knöpfen seines Hemdes, ihre Finger noch türkis, und er ließ sie machen, ohne sich zu bewegen, bis das Hemd offen war und sie die Kanji an seinem Unterarm im vollen Licht sah. *Vergib dir.* Die zwei Zeichen, die er wie einen Befehl an sich selbst in die Haut hatte stechen lassen.
Sie las die Zeichen mit den Fingerkuppen, bevor sie sie mit den Lippen las. Zwei Striche, Tinte, die unter seiner Haut zu einer Narbe geworden war, die er selbst gewählt hatte. Ryō atmete aus, als sie den Mund an die Innenseite seines Unterarms legte, und dieser Atem war das erste Geräusch, das ihn verriet.
Er hob sie hoch, weil sie zu still geworden war, und trug sie die drei Schritte zum Futon, den er selbst am Morgen gefaltet hatte. Sie zog ihn mit sich, ihre Beine um seine Hüften, und die Nüchternheit des Raums, in dem nichts stand außer dem, was er brauchte, wurde plötzlich der einzig richtige Ort, an dem das hier passieren konnte.
Sein Mund auf ihrem Hals. Ihre Bluse, die er nicht zerriss, sondern Knopf für Knopf öffnete, langsamer als sie ertragen konnte. „Sag es noch mal“, murmelte er an ihrem Schlüsselbein. Sie wusste, was er meinte. Sie sagte ihren richtigen Namen in seine Haut, Nora, und er wiederholte ihn, einmal, wie eine Absolution, die er sich seit drei Jahren nicht mehr traute auszusprechen.
Sie zog ihn aus dem offenen Hemd, und als seine Erektion sich gegen ihren Bauch drückte, spürte sie, wie ihr eigener Körper sich öffnete, feucht und ungeduldig, bevor ihr Verstand mitkam. Er küsste sie zwischen den Brüsten, nahm eine Brustwarze in den Mund, saugte, bis sie den Rücken hob, und seine Hand glitt zwischen ihre Schenkel, zwei Finger, die den Kitzler fanden und dort blieben, ruhig, quälend präzise. Sie kam schon beim ersten Mal, kaum, dass er drei Kreise gezogen hatte, und ihr Auflachen darüber war halb Scham, halb Erlösung.
„Das war für die drei Jahre“, sagte er in ihre Stirn.
„Und was ist das hier?“
Er glitt in sie hinein, langsam, ganz, und sie hielt den Atem an, bis er sich in ihr bewegte, tief, gemessen, jedes Stoßen eine Frage, die sie mit den Hüften beantwortete. Ihre Nägel in seinem Rücken. Sein Puls unter ihrer Zunge, an der Stelle am Hals, wo sein Tattoo endete. Sie kam ein zweites Mal, als er die Hand unter ihren Rücken schob und sie auf sich zog, und er folgte ihr, den Namen Nora zwischen den Zähnen, sein Beben lang und still.
Sie lagen später auf dem Futon, ihre Beine ineinander verhakt, ihr Herz in seinem Ohr. Regen lief an der Glasfront hinab, und Shibuya war ein verschwommener Puls jenseits davon.
„Haruki“, sagte sie irgendwann.
„Ich weiß, wo er ist.“
„Wir gehen zusammen.“
Ryō drehte den Kopf zu ihr. Grau mit dem braunen Ring, jetzt ohne die Müdigkeit, die sie am ersten Abend gesehen hatte. Er nickte einmal, so wie er im Grauen Drachen genickt hatte, als sie ihm die türkisen Fingerspitzen gezeigt hatte.
Nora Takahashi zog das Messer aus dem Stiefelschaft, der neben dem Futon lag, und legte es auf den niedrigen Tisch, so, dass die Klinge zu ihnen beiden zeigte und zu keinem von ihnen. Ryō Metzger legte seine Hand über ihre, und beide ließen die Finger dort, wo die Waffe sich in etwas verwandelt hatte, das sie zusammen tragen würden.

