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Narrabelle – Stories of Love

Artikel: Kethara-9: Was im Maschinendeck erwacht

Kethara-9: Was im Maschinendeck erwacht

Kethara-9: Was im Maschinendeck erwacht

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Schließ die Augen und fang an zu träumen.

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Das Brummen der Reaktoren war Saskia Brenners konstanteste Begleiterin.

Kupferfarben und warm, die Röhren des Maschinendecks verkleidet mit Riffelblech, das seit den frühen Kolonisierungsjahren niemand ausgetauscht hatte. Keine Stimmen, kein Rauschen des Kommunikationsnetzwerks, das die oberen Decks von Kethara-9 verband. Hier unten sprachen die Maschinen. Die analogen Druckmesser zitterten leicht in ihren Fassungen, ihre Zeiger wiesen auf Zahlen, die nur Saskia in Sekundenschnelle las. Sie bewegte sich durch den Unterbauch der Station wie jemand, der seinen eigenen Körper kennt: ohne Karte, ohne Zögern, mit dem Fingerspitzengefühl einer Frau, die zwölf Jahre lang jede Fehlfunktion dieser Maschinen persönlich gehört hatte, bevor sie zum Problem wurde.

Der Wartungstunnel B-7 roch nach Maschinenöl und der spezifischen Hitze, die Metallwände abgaben, wenn die Reaktoren im dritten Leistungsschub liefen. Saskia hockte auf dem Boden, das linke Knie auf einem gefalteten Sicherheitsmantel, das Wartungspad auf dem Oberschenkel. Routineprüfung, dritter Monat in Folge. Sie pflegte diese Momente wie andere Menschen Atemübungen pflegten: als etwas Unveräußerliches.

Der erste Alarm kam als Flüstern.

Eine Diskrepanz im Navigationsdaten-Log. Präzise, miniaturistisch, so subtil, dass ein anderes System es als Kalibrierungsfehler hätte verbuchen können, als statisches Rauschen in den Übertragungsprotokollen. Saskia starrte auf die Zeilen, ließ ihre Augen dreimal darüber gleiten, und etwas in ihr, das sehr ruhig war und sehr kalt, sagte: Das war kein Fehler.

Jemand hatte die Navigationsdaten manipuliert.

Die Eingriffe waren miniaturistisch, in den Intervallen eingebettet, die zwischen zwei automatischen Protokollabfragen lagen. Insider-Wissen. Das Wissen von jemandem, der wusste, wie Wartungsrhythmen aussahen. Wie Sicherheitsscans liefen. Wann das Auge der Station kurz blind war.

Saskia schloss das Wartungspad, stand auf und klopfte einmal mit dem Knöchel gegen die Kupferröhre neben ihr, ein unbewusstes Ritual, das sie seit Jahren begleitete. Dann hörte sie ihr Kommunikationsgerät vibrieren.

Der Stationsrat wollte sie sprechen.

Der Sitzungsraum auf Deck Drei roch nach Konferenzkaffee und künstlichem Komfort. Vier Mitglieder des Rats, drei davon mit dem Gesichtsausdruck von Männern, die unangenehme Nachrichten in bürokratische Formulierungen verpackten. Das vierte Mitglied sah aus wie jemand, dem das gesamte Setting sichtlich zu klein war.

Jorik Malander stand nicht. Er saß, leicht seitlich, den Arm über die Stuhllehne gelegt, und als Saskia den Raum betrat, schaute er sie an wie jemand, der bereits die Antwort kennt und gespannt ist, wie lange es dauert, bis die andere Person die Frage stellt.

Achtunddreißig. Quadratischer Kiefer, dunklere Haut, als das Stationslicht eigentlich zuließ. Er trug die Kleidung von jemandem, der weiß, dass er keine Uniform braucht, um Gewicht zu haben: dunkle Hose, weißes Hemd, die Manschetten hochgerollt. Sein Lächeln, als der Ratsvorsitzende ihn als Sicherheitsberater vorstellte, war das Lächeln von jemandem, der sehr genau weiß, was dieses Lächeln tut.

Saskia hörte zu. Nickte an den richtigen Stellen. Als der Vorsitzende erläuterte, dass Malander per Direkterlass für die nächsten sechs Monate als externer Berater fungieren würde, mit uneingeschränktem Zugang zu allen Systemen außer den militärischen Protokollen, ließ sie sich nichts anmerken.

Ihr Blick streifte kurz das offene Hemd, die hochgerollten Manschetten, dann wanderte er zurück zu seinen Augen.

Er wusste, dass sie es wusste.

Er lächelte breiter.

Saskia trat nach dem Meeting in den Korridor, öffnete die Protokollmaske auf ihrem Pad und tippte seinen Namen in die laufende Akte: Jorik Malander. Darunter ein einziges Wort, das sie mit einer Sicherheitssperre belegte, die nur ihre biometrischen Daten öffneten.

Verdacht.

Der Panoramagang auf Deck Zwei war der einzige Ort auf Kethara-9, der nicht nach Funktion roch. Hier gab es kein Maschinenöl, keinen Konferenzkaffee, keine Sicherheitsluft. Nur das Glas, gewölbt wie eine Rippe, und dahinter der Asteroidenring, der in dieser Quadrantenposition immer ein Spektakel war: Brocken in allen Größen, manche so langsam rotierend, dass man ihre Achsen mit bloßem Auge erkennen konnte, manche mit einem Glitzerfilm aus Eis, der das Licht des nächsten Sterns in scharfe Splitter brach.

Saskia kam jeden Abend. Sie hatte das nie als Ritual bezeichnet, aber es war eines.

Sie kam früher als sonst.

Die Rotation des Asteroidenrings stand in diesem Teil des Umlaufzyklus fast still; manche Brocken hingen so reglos, als hätte jemand die Physik pausiert. Saskia lehnte die Stirn nicht gegen das Glas, das hatte sie noch nie getan, aber heute stand sie näher als gewöhnlich, nahe genug, dass ihr Atem den Schutzfilm beschlug und für Sekunden die Sicht trübte. Die Sterne dahinter verschwammen, wurden zu weichen Lichtpunkten, dann schärften sie sich wieder.

Jorik Malanders Datenspur war in dieser Stunde vollständig in ihrem Kopf kartiert.

Sie hatte nicht gewartet, bis sie sicher war. Sie war nie sicher, wenn es um jemanden wie ihn ging, und das wusste sie. Aber der Beweis, den sie in den letzten achtzehn Stunden zusammengezogen hatte, war wasserdicht und schwer, und sie trug ihn wie man ein Werkzeug trägt: mit Zweck.

Deck 7 roch anders als die Ebenen darüber. Weniger Lüftung, wärmere Luft, die sich in den engen Gängen sammelte, die noch aus dem ursprünglichen Bauplan stammten, als Kethara-9 nur eine Relaisstation für Minenlieferketten gewesen war. Die Wandlampen hier waren messingfarben und alt, ihr Licht warm statt klar, und die Türen waren breiter als nötig, weil früher Fracht durchbewegt werden musste. Joriks Quartier war das letzte links. Ein einzelnes Schild mit seiner Kammer-ID. Kein Namensschild.

Sie klopfte einmal.

Die Tür öffnete sich nach acht Sekunden, sie zählte sie, er war also nicht nah daran gewesen.

Er trug kein Hemd.

Das war eine Information, keine Einladung. Das sagte sie sich. Aber ihr Blick registrierte trotzdem: breite Schultern, dunkle Haut, die im Messing-Licht aus dem Korridor kupfern wirkte, eine Narbe quer über die linke Rippe, alt genug, um glatt zu sein. Er sah sie an, und sein Gesicht machte etwas Schwer-Benennenbarens: eine Art Ankunft. Als hätte er gewusst, dass dieser Moment kommen würde, und als wäre er froh, dass das Warten jetzt vorbei war.

„Brenner."

„Ich brauche zehn Minuten", sagte sie.

Er trat einen Schritt zurück. Sie trat ein.

Das Quartier war so klein, dass drei Schritte den Raum maßen. Das klappbare Schreibpult an der linken Wand, aufgeklappt, mit einem offenen Datenschirm darauf. Das schmale Bett, mit einer dunkelgrauen Decke, die ordentlicher lag, als sie erwartet hatte. Das Bullauge rechts vom Bett, nicht größer als ein Teller, darin das Sternendrift, sehr langsam, sehr still. Ein Becher mit kaltem Kaffee auf der Fensterbank. Keine Dekoration. Keine persönlichen Gegenstände, die sichtbar waren.

Saskia ließ ihr Pad auf das Schreibpult gleiten.

„Du hast die Navigationsdaten manipuliert", sagte sie. Ihre Stimme war eben, die Formulierung direkt, kein Aufbau, kein Drama. „Drei Eingriffe, eingebettet in Wartungsintervalle. Das letzte vor sieben Wochen." Sie tippte auf das Pad. Die Protokollzeilen wurden sichtbar. „Ich weiß, wie du es getan hast. Die Frage, auf die ich keine Antwort habe, ist warum."

Jorik sah auf das Pad. Dann sah er sie an.

Er verschränkte die Arme, lehnte sich gegen die Wand, und sein Gesicht verlor das Lächeln vollständig. Darunter war etwas anderes: nichts Berechnetes, nichts Geschmeidiges. Müdigkeit, vielleicht. Die Art Müdigkeit, die sich in jemandem ansammelt, der zu lange eine Version von sich selbst aufrechterhalten hat, die er selbst nicht glaubt.

„Du kennst das Syndikat", sagte er. Keine Frage.

„Ich kenne den Anschlag", sagte sie. Ihre rechte Hand wanderte, unbewusst, zur Kehle. Stoppte.

„Ja." Er sah die Bewegung. Sein Blick blieb dort eine Sekunde zu lang. „Bevor ich meinen Posten hier antrat, war ich noch aktiv. Ich hatte Zugang zu Kommunikationen, die Kethara-9 als Ziel nannten. Einen Einschlagspfad, der als Navigations-Routinekorridor getarnt war. Sie hätten die Station in einem Sektor getroffen, den deine Systeme als toten Winkel abgetan hätten, weil das Signal als internes Kalibrierungsecho angezeigt worden wäre." Eine kurze Pause. „Ich habe den Pfad umgeleitet. Drei Korrekturen, tief genug, dass die ursprüngliche Route spurlos überschrieben wurde."

Saskia hörte ihm zu und spürte, wie sich die Geometrie der letzten sechs Wochen in ihrem Kopf verschob.

„Warum hast du niemanden informiert?"

„Weil mein Name auf der Abschussliste stand." Er sagte es ohne Bitterkeit, fast sachlich. „Wer auch immer ich dem Rat gemeldet hätte, hätte zwei Minuten später gewusst, wie tief ich noch in Syndikats-Strukturen steckte. Ich hatte keine saubere Legende mehr. Ich hatte nur eine Lücke zwischen dem Angriff und meiner eigenen Identität, und ich habe sie genutzt, um zu verschwinden, bevor jemand anfing, die richtigen Fragen zu stellen."

Die Stille, die auf seine Worte folgte, war nicht leer. Sie hatte Gewicht.

Saskia ließ das Pad auf dem Schreibpult liegen. Sie sah ihn an, diesen Mann, der in ihrem Kopf seit sechs Wochen eine bestimmte Gestalt gehabt hatte: kalkuliert, glatt, jemand, dem die Wahrheit eine Ressource war und kein Zustand. Was sie jetzt sah, entzog sich dieser Einordnung. Er stand an der Wand seines winzigen Quartiers, ohne Hemd, mit einer Narbe, die das Messinglicht streichelte, und sah aus wie jemand, der sich gerade entschieden hatte, etwas abzulegen, ohne zu wissen, was an seiner Stelle kommen würde.

Sie fragte sich, ob er wusste, wie gefährlich das war.

„Du hättest es mir sagen können", sagte sie. „Nachdem du deinen Posten angetreten hast. Als du wusstest, dass ich die Systeme kenne."

„Ich kannte dich nicht."

„Du kennst mich jetzt auch kaum."

„Nein." Er sah kurz auf die Narbe an ihrer Kehle. Nur eine Sekunde, dann wanderten seine Augen wieder zu ihren. „Aber ich weiß, wie du durch ein Tunnel-System gehst, als wärst du ein Teil davon. Ich weiß, dass du jeden Abend auf Deck Zwei stehst und den Asteroidenring ansiehst, als wärst du wütend auf ihn. Ich weiß, dass du auf diesem Pad das Wort ‚Verdacht' notiert hast, und dass der Unterschied zu ‚Täter' dir wichtig ist."

Irgendwo in ihrem Bauch löste sich eine Klammer. Die Anspannung, die seit Wochen auf niedriger Frequenz in ihr gesessen hatte, verlor ihre Form.

„Das sind Beobachtungen", sagte sie.

„Ja." Er schob sich von der Wand ab, sehr langsam, und blieb stehen. Keine Bewegung auf sie zu, kein Manöver. Nur die Tatsache, dass er jetzt mitten im Raum stand, und dass der Raum sehr klein war. „Ich habe meinen Job als Manipulator so lange gemacht, dass ich nicht mehr wusste, wo er aufhört und ich anfange. Aber ich erkenne, wenn jemand versucht, das Gleiche mit sich selbst zu tun."

Das traf.

Sie ließ es treffen, das war die Überraschung, die sie an sich selbst hatte: Sie wich nicht aus.

Zwischen ihnen lagen vielleicht zwei Meter. Das Messinglicht vom Korridor fiel schräg durch die halboffene Tür, und das Bullauge rechts vom Bett fasste das Sternendrift in einen weichen Rahmen. Sie spürte die Wärme der schlecht belüfteten Luft auf ihrer Haut, das spezifische Gewicht der Stille, und sie dachte: Wenn ich jetzt einen Schritt vorwärts tue, gibt es kein sauberes Zurück.

Sie tat ihn.

Jorik hob die Hand, langsam, und seine Finger berührten die Seite ihres Halses, knapp unterhalb des Ohrs. Kein Griff, keine Behauptung. Eine Frage. Sein Daumen strich, einmal, den Rand der Narbe entlang, und sie hörte ihn Luft holen, ganz kurz, als hätte das einen Schmerz verursacht, den er nicht erwartet hatte.

„Dieser Anschlag", sagte er leise.

„Ja."

„Du warst die Einzige."

„Ja."

Er sah sie an, und das war der Moment, in dem das Kalkulierte in seinem Gesicht vollständig verschwand. Was blieb, war etwas Rohes. Sie kannte diesen Ausdruck, hatte ihn bei sich selbst im Reflexionsglas gesehen, in den Nächten, in denen die Kühlung nicht funktioniert hatte. Der Ausdruck von jemandem, dem etwas etwas bedeutet.

Sie schloss die restlichen Zentimeter zwischen ihnen.

Der Kuss war kein Ausbruch. Er war ein Eingeständnis. Seine Lippen auf ihren, warm und sehr still zunächst, dann tiefer, als sie die Hand an seine Brust legte und seinen Herzschlag unter der Handfläche spürte: zu schnell für jemanden, der so ruhig aussah. Er schmeckte nach kaltem Kaffee und nach dem spezifischen Moment, in dem jemand seit Wochen etwas zurückgehalten hat und plötzlich damit aufgehört hat.

Seine Hände glitten an ihren Seiten herab, fanden ihre Hüften, zogen sie näher, und sie ließ es zu, ließ ihn spüren, dass sie zulässt, was sie seit dem ersten Abend auf Deck Zwei gespürt hatte. Ihre Finger fanden seinen Nacken, sein Haar, und er machte einen Laut tief im Hals: ein Aufatmen, das zugleich eine Ankunft war.

Das Bett war nah. Sie wusste es, er wusste es.

Er hob sie nicht. Er trat zurück, zog sie mit, und als ihre Knie das Bett trafen und sie zusammen auf die schmale Matratze sanken, war es das Gegenteil von Hast: präzise, bewusst, jeder Schritt eine Entscheidung.

Er legte sich über sie, das Gewicht an seinen Unterarmen abgefangen, und sah sie an. Wartete. Das war die eigentliche Machtverschiebung, die in diesem Raum stattfand: er wartete auf sie.

„Jorik."

„Mm."

„Hör auf, mich anzusehen, als wärst du kurz davor, etwas zu zerbrechen."

Er lachte leise, und das war das erste Mal, dass sie ihn lachen hörte: kurz, ein wenig rau, als hätte er das Lachen lange nicht benutzt und es sitze noch nicht wieder ganz richtig.

„Ich zerbreche nichts", sagte er, und seine Stimme war sehr nah jetzt, das Messinglicht der Tür warf seinen Schatten schräg über ihr Gesicht. „Ich sehe dich an, weil ich seit sechs Wochen darüber nachgedacht habe, wie es wäre."

„Und?"

„Besser."

Sie zog ihn zu sich hinunter.

Was folgte, hatte keine Hast. Seine Hände arbeiteten sich durch die Verschlüsse ihres Arbeitshemds, präzise, ohne Aufhebens, und ihre Hände fanden seinen Rücken, die Muskulatur darunter, die glatte alte Narbe an der Rippe, die sich unter ihren Fingerkuppen anders anfühlte als normale Haut: dichter, ohne Wärme auf den ersten Millimetern, dann sehr warm darunter. Er küsste ihre Kehle, die Narbe dort, und sie ließ es zu, ließ seinen Mund auf diesem Streifen verweiltem Schmerz verweilen, und spürte, wie etwas in ihr, das sie für unberührbar gehalten hatte, nachgab.

Sein Gewicht auf ihr war präzise und geerdet. Er bewegte sich mit ihr und sie mit ihm, und jedes Mal, wenn sie glaubte, die nächste Grenze zu kennen, verschob er sie, langsam, mit der Ruhe von jemandem, der verstanden hatte, dass das hier nichts war, was man überstürzen musste. Ihre Finger griffen in sein Haar, als er tiefer in sie drang und sie ein kurzes, scharfes Ausatmen nicht zurückhalten konnte. Er hob den Kopf, sah sie an.

„Saskia."

Ihr Name in seinem Mund war eine andere Sache als alles, was sie je mit diesem Namen verbunden hatte.

Sie zog ihn zurück zu sich.

Der Höhepunkt kam leise.

Saskia rollte sich unter ihm hervor und drückte ihn mit beiden Händen gegen das Schreibpult, das schmal und hart in ihrem Rücken gewesen war und jetzt in seinem war. Er ließ es zu, ohne Widerstand, ohne Kalkül, die Hände offen an seinen Seiten, und dieser Moment, diese vollständige Aufgabe, traf sie tiefer als alles, was sie erwartet hatte. Sie presste sich gegen ihn und spürte seine Erektion gegen ihre Hüfte, fest, klar, unzweideutig, und etwas in ihr öffnete sich warm und groß.

Ihre Finger arbeiteten sich durch die letzten Verschlüsse ihres Hemds, zogen es von den Schultern, und seine Hände fanden sofort ihre Brüste, die Handflächen groß und heiß gegen ihre Haut. Er strich mit dem Daumen über ihre Brustwarzen, und sie spürte, wie ihr Atem kürzer wurde, wie die Feuchtigkeit zwischen ihren Schenkeln zunahm und ihr bestätigte, was ihr Kopf bereits wusste. Er bog sich zu ihr herunter, nahm eine Brustwarze in den Mund, saugte, und sie ließ das Geräusch, das er ihr entlockte, nicht zurück. Ihre Hand griff in sein Haar, hielt ihn fest, gab ihm den Druck zurück, den er ihr gab.

„Jorik." Sein Name kam rau, kaum formbar.

Er hob den Kopf, sah sie an, dieser Mann, der seit sechs Wochen ein Rätsel gewesen war und jetzt keins mehr war, zumindest nicht auf diese Weise, und sie schob ihre Hände in den Bund seiner Hose, zog ihn auf, ließ ihn fallen. Sein Glied lag schwer in ihrer Hand, warm, die Haut seidig über der Härte darunter, und als sie ihn umschloss und die Hand langsam bewegte, schloss er die Augen, den Kiefer zusammengebissen. Das erste Mal, dass sie ihn die Kontrolle verlieren sah.

Sie ließ ihn los. Schob das eigene Beinkleid herunter, trat heraus, und bevor er sich neu orientieren konnte, zog sie ihn vom Schreibpult weg, rückwärts, bis ihre Knie das schmale Bett trafen. Sie setzte sich, zog ihn über sich, griff nach ihm, führte ihn zu sich, und als er in sie eindrang, langsam, tief, ließ sie das Einatmen zu, das spitz und vollständig war.

Er blieb still einen Moment. Beide blieben still. Das Bullauge warf das Sternendrift wie einen Atem durch den Raum.

Dann begann er sich zu bewegen, und sie bewegte sich mit ihm, ohne Zögern: er stieß tief und gleichmäßig, sie hob die Hüften ihm entgegen, ihr Körper schloss sich um ihn, und das Gewicht, das seit Wochen in ihr gesessen hatte, löste sich Schicht für Schicht. Sein Mund fand ihre Kehle, die Narbe dort, und er küsste sie, ließ die Lippen dort verweilen, als wolle er den Schmerz, den diese Stelle gespeichert hatte, mit Wärme überschreiben. Sie zog ihn fester heran.

Er änderte den Winkel, und sie spürte seine Hand zwischen ihnen, den Daumen, der ihren Kitzler suchte und fand, und das trieb ihr die Luft aus der Lunge. Sie krallte die Finger in seinen Rücken, über die alte Narbe an der Rippe, und er stieß tiefer, das Bett schmal und widerstandslos unter ihnen. Der erste Höhepunkt kam wie ein System, das die kritische Schwelle überschreitet: ein Beben, das sich vom Bauch nach oben zog, ihre Schenkel pressten sich gegen seine Hüften, sie hörte sich seinen Namen sagen und hörte ihn antworten, rau und nah an ihrem Ohr.

Er kam kurz nach ihr, mit einem tiefen Laut in ihrer Schulterbeuge, die Bewegungen länger werdend, dann träge, dann still. Sein Gewicht sank auf sie, abgefangen an den Unterarmen, aber nicht ganz, und sie ließ es zu, dieses Gewicht, das konkret und warm und lebendig war.

Danach lagen sie nebeneinander in dem schmalen Bett, das dafür eigentlich zu klein war. Das Bullauge zeigte das Sternendrift, sehr langsam, sehr still. Joriks Hand lag auf ihrer, die Finger leicht ineinandergeschlungen, und er schlief nicht, das wusste sie, weil sein Atem nicht gleichmäßig genug war.

„Du gibst deinen Posten nicht auf", sagte sie. Das war keine Frage.

„Nein."

„Und deine Akte bleibt offen." Sie meinte ihre eigene, die auf dem Schreibpult lag, das Wort darunter, das sie irgendwann löschen würde.

„Das sollte sie", sagte er. „Vertrauen ist kein Zustand. Es ist eine Entscheidung, die man jeden Tag neu trifft."

Sie hob die Hand, drehte sie, legte ihre Finger über seine. Das Sternendrift im Bullauge verschob sich ganz langsam; ein großer Brocken rotierte auf seiner stillen Achse, das Eis an seiner Oberfläche streute das Licht des fernen Sterns in feine Linien, die für Sekunden durch das Glas auf die Decke fielen und wieder verschwanden.

Saskia Brenner und Jorik Malander lagen in der Wärme dieser schlecht belüfteten Kammer, und sie löschte das Wort auf dem Pad, das letzte, das zwischen ihnen gestanden hatte, und schrieb nichts an seine Stelle: weil manche Dinge keinen Namen mehr brauchten.

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