
Die Maske aus Licht
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Der Palazzo war ein Labyrinth aus Spiegeln und Schatten, als Laila durch die hohe Pforte trat. Venedig im November – die Stadt roch nach kaltem Stein und Wasser, nach Salz und verrottendem Holz, nach etwas, das sich gleichzeitig wie Verfall und Ewigkeit anfühlte. Sie hatte die Einladung drei Mal gelesen, bevor sie glaubte, dass sie echt war. Schwere Büttenpapier, handgeschriebene Kalligraphie, kein Absender. Nur eine Adresse und eine Zeit.
Jetzt stand sie hier, in einem Kleid aus mitternachtsblauem Samt, das sie in Mailand hatte anfertigen lassen, weil sie wusste: Man kommt nicht zum ersten Mal zum Maskenball von Palazzo Contarini, ohne verstanden zu haben, dass Schönheit hier eine Sprache war. Der Samt schmiegte sich an ihre Hüften, glitt über ihre Rippen bei jedem Atemzug.
Die Maske – handgefertigt, eine Arbeit aus Perlmutt und schwarzem Lack – lag kühl gegen ihre Wangen. Sie hatte Stunden gebraucht, um sie auszuwählen. Nicht zu theatralisch. Nicht zu zurückhaltend. Eine Maske, die verbarg, ohne zu lügen.
Sie atmete ein. Die Luft im Palazzo schmeckte nach Bienenwachs und Amber, nach Weihrauch und etwas Süßem, Verborgenem – Jasmin vielleicht, oder Tuberose, schwer und betäubend.
Ein Diener, selbst maskiert, neigte den Kopf und führte sie durch einen Korridor, dessen Wände mit verblichenen Fresken bedeckt waren. Engel, deren Gesichter in der Dunkelheit verschwammen. Blumen, die aussahen, als würden sie atmen. Ihre Fingerspitzen streiften die kalten Steinwände.
Dann öffnete sich eine Tür.
Der Ballsaal war eine Kathedrale aus Licht und Bewegung. Kerzen – Hunderte, Tausende – flackerten in Kronleuchtern aus Muranoglas, die wie gefrorene Träume von der Decke hingen. Die Hitze der Flammen mischte sich mit der Kühle des Steins, ließ die Luft vibrieren. Die Musik war keine Musik, wie sie sie kannte: ein Cello, tief und langsam, begleitet von etwas, das wie menschliche Stimmen klang, aber keine Worte formte. Nur Klang, der unter der Haut blieb, der in der Magengrube pulsierte.

Die Menschen hier trugen keine Masken. Sie waren Masken.
Ein Mann in Weiß, vom Hals bis zu den Füßen in Seide gehüllt, das Gesicht bedeckt von einer Maske, die wie ein Mond aussah. Eine Frau in Rot, mit einem Federkleid, das bei jeder Bewegung rauschte, als wäre sie ein Vogel auf dem Weg zurück in den Himmel, der Duft von Rosen und etwas Moschusartigem folgte ihr wie ein Schatten. Ein Paar, beide in Gold, die Masken identisch – zwei Hälften eines Gesichts, das nur zusammen vollständig war.
Laila spürte, wie ihr Puls schneller wurde, wie sich ihre Handflächen feucht anfühlten. Nicht aus Angst. Aus etwas anderem. Etwas, das sich wie Hunger anfühlte, aber tiefer saß.
Sie bewegte sich durch den Raum wie durch Wasser. Niemand sprach mit ihr, aber sie spürte Blicke. Blicke, die nicht fragten, sondern wussten. Die über ihre Schultern glitten, die Linie ihres Halses hinab, verweilten an der Stelle, wo das Kleid ihre Haut freigab.
Am Rand des Saals, neben einem hohen Fenster, das auf den Kanal hinausging, stand ein Tisch. Champagner in Kristallgläsern, die das Licht brachen, als wäre es flüssig geworden. Sie nahm ein Glas. Der Champagner war eiskalt, aber er brannte, prickelte auf ihrer Zunge, glitt ihre Kehle hinunter.
„Sie sind neu."
Die Stimme kam von links. Laila drehte sich um.
Die Frau war vielleicht Mitte dreißig, in einem Kleid aus schwarzer Spitze, das wie eine zweite Haut wirkte. Ihre Maske war aus weißem Porzellan, glatt und ohne Verzierung, aber die Augen darunter – dunkel, fast schwarz – funkelten wie lebendige Dinge. Sie roch nach Sandelholz und Vanille, nach etwas Warmem, das an Haut erinnerte. Ihr Haar war zu einem tiefen Schwarz gefärbt, das im Kerzenlicht bläulich schimmerte, hochgesteckt, sodass ihr Nacken – blass, elegant – entblößt war.

„Woher wissen Sie das?", fragte Laila. Ihre eigene Stimme klang heiser.
Die Frau lächelte. Ihre Lippen waren voll, bemalt in einem dunklen Weinrot, das fast schwarz wirkte. „Man sieht es. Wie Sie sich bewegen. Wie Sie atmen." Ihre Augen glitten über Lailas Körper, nicht prüfend, sondern anerkennend.
Laila wollte etwas erwidern, aber die Frau war bereits weg, verschwunden in der Menge wie ein Schatten, der sich selbst vergessen hatte. Ihr Duft blieb zurück – Sandelholz, Vanille, und etwas Animalisches, das Lailas Atem stocken ließ.
Die Musik wurde lauter. Tiefer. Das Cello klang jetzt wie ein Herzschlag. Lailas eigenes Herz versuchte, sich dem Rhythmus anzupassen.
Und dann sah sie ihn.
Er stand auf der anderen Seite des Saals, neben einer Säule, die mit vergoldetem Efeu umrankt war. Groß – über eins achtzig sicher –, die Schultern breit unter einem dunklen Mantel, der aussah, als wäre er aus Samt und Nacht gewebt. Seine Maske war einfach – schwarzes Leder, das nur die obere Hälfte seines Gesichts bedeckte – aber darunter: ein Mund, fest und voll, zu ernst, um schön zu sein, und doch. Die Kieferlinie scharf. Der Schatten von Bartstoppeln, dunkel gegen helle Haut.
Er sah sie an.

Nicht beiläufig. Nicht höflich. Er sah sie an, als hätte er auf sie gewartet. Seine Augen – auch hinter der Maske sichtbar – waren hell, durchdringend.
Laila spürte, wie sich ihr Magen zusammenzog, wie Wärme in ihrem Unterleib aufflammte. Sie wandte den Blick ab, trank, aber das Glas war leer. Sie stellte es ab. Ihre Handfläche blieb feucht. Ihr Herzschlag hämmerte in ihren Ohren.
Als sie wieder hinübersah, war er näher.
Nicht laufend. Nur näher, als hätte sich der Raum um ihn herum zusammengezogen. Sie roch ihn, bevor er sprach – Zedernholz und Leder, etwas Würziges, Männliches, das ihr die Luft nahm.
Die Musik veränderte sich. Langsamer. Ein Walzer, aber einer, der wie ein Abschied klang.
Er streckte die Hand aus.

Keine Worte. Nur die Hand, geöffnet, wartend. Die Finger lang, elegant, die Handfläche breit.
Laila zögerte. Das war der Moment, in dem man Nein sagen konnte. Der Moment, in dem Kontrolle noch möglich war. Ihr Atem ging schneller. Ihre Brustwarzen zogen sich unter dem Samt zusammen.
Sie legte ihre Hand in seine.
Seine Finger schlossen sich um ihre. Warm. Fest, aber nicht besitzergreifend. Rau an den Stellen, wo Haut auf Haut traf. Er führte sie zur Mitte des Saals, wo andere bereits tanzten – Paare, die sich bewegten, als wären sie eine einzige Kreatur mit vielen Körpern.
Er legte eine Hand auf ihre Taille. Sie spürte das Gewicht durch den Samt, spürte die Wärme seiner Handfläche, die sich in ihren Körper brannte. Spürte, wie ihre eigene Hand auf seiner Schulter zitterte, wie fest der Muskel darunter war.
„Haben Sie einen Namen?", fragte sie, weil Stille plötzlich zu schwer wurde, weil sie etwas sagen musste, um nicht zu vergessen, wie man atmet.
„Hier nicht", sagte er. Seine Stimme war tief, rau an den Rändern. „Hier hat niemand einen."
„Und was hat man stattdessen?"
„Zeit."
Sie begannen zu tanzen. Langsam, im Rhythmus der Musik, die jetzt wie ein Flüstern klang. Sein Körper führte ihren, aber es fühlte sich nicht an wie Führung. Es fühlte sich an wie Dialog. Wie ein Gespräch, das keine Worte brauchte. Seine Brust berührte fast ihre bei jedem Schritt. Sie spürte seinen Atem an ihrer Schläfe, warm, regelmäßig.
„Warum sind Sie hier?", fragte er nach einer Weile. Seine Lippen waren so nah an ihrem Ohr, dass sie die Bewegung spürte.
„Ich wurde eingeladen."
„Das beantwortet die Frage nicht."
Laila atmete aus, ein zittriger Atemzug, der ihre Rippen heben und senken ließ. „Ich weiß nicht. Neugier. Vielleicht Einsamkeit."
Seine Hand auf ihrer Taille zog sie minimal näher. Jetzt berührten sich ihre Körper. Sie spürte die Härte seiner Brust, die Festigkeit seiner Oberschenkel. „Und? Haben Sie gefunden, was Sie gesucht haben?"
„Ich weiß noch nicht, was ich gesucht habe."
Er lächelte nicht, aber etwas in seinem Gesicht veränderte sich. Seine Augen wurden weicher. „Gut. Dann sind Sie ehrlich."
Die Musik schwoll an. Dann brach sie ab.
Die Stille im Saal war dicker als Luft. Die Tänzer verharrten. Dann, einer nach dem anderen, begannen sie sich aufzulösen – zurück an die Ränder, in die Schatten, durch Türen, die Laila vorher nicht bemerkt hatte.
Der Mann ließ ihre Hand los. Aber er ging nicht. Seine Nähe blieb – der Duft von Zedernholz, die Wärme, die von seinem Körper ausging.
„Es gibt Räume", sagte er, „die man nur findet, wenn man sucht. Und nur betritt, wenn man bereit ist."
„Bereit wofür?"
„Das entscheidet man nicht vorher."
Laila spürte, wie ihr Herz schneller schlug, wie sich etwas tief in ihrem Bauch zusammenzog. „Sie reden in Rätseln."
„Nein. Ich rede in Wahrheiten, die Sie noch nicht kennen."
Er drehte sich um und ging. Nicht schnell. Nicht dramatisch. Einfach weg, durch eine Tür links, die in einen Korridor führte, dessen Ende im Dunkeln lag.
Laila blieb stehen. Sie konnte gehen. Jetzt. Zurück durch die Eingangshalle, zurück ins Hotel, zurück in ihr Leben, das sicher und verstehbar war. Ihr ganzer Körper vibrierte. Ihre Haut fühlte sich zu eng an.
Aber sie ging nicht.
Sie folgte ihm.

Der Korridor war schmal, die Wände bedeckt mit Samt, der unter ihren Fingern wie Haut vibrierte, warm und lebendig. Kerzen in Wandhaltern warfen Schatten, die sich bewegten, obwohl nichts sie berührte. Die Luft hier war dichter, schwerer, gesättigt mit Weihrauch und etwas anderem – Moschus vielleicht, oder Ambra, etwas Uraltem, das an Schweiß und Begehren erinnerte.
Vor ihr: eine offene Tür.
Sie trat hindurch.
Der Raum war klein. Intim. Ein Kamin, in dem Feuer brannte, aber leise, als würde es nicht wagen, laut zu sein. Die Hitze schlug ihr entgegen, ließ ihre Wangen glühen. Ein Sofa aus dunkelgrünem Samt. Zwei Sessel. Ein Tisch mit Gläsern und einer Karaffe, gefüllt mit etwas, das wie Bernstein aussah.
Und zwei Menschen.
Der Mann. Und die Frau in Schwarz.
Beide ohne Masken.
Laila erstarrte. Ihr Atem stockte. Ihr erster Instinkt war, sich umzudrehen, zu gehen, aber die Frau lächelte. „Sie sind gekommen."
Ohne die Maske war die Frau atemberaubend. Ihr Gesicht war schmal, die Wangenknochen hoch und aristokratisch, die Haut makellos blass. Ihre Lippen – noch immer in diesem dunklen Weinrot – bildeten einen Kontrast, der an Blut erinnerte. Ihre Augen waren mandelförmig, umrahmt von dichten schwarzen Wimpern. Sie war schön auf eine Weise, die wehtat.
„Ich—" Laila suchte nach Worten. „Ich wusste nicht—"
„Niemand weiß", sagte der Mann. Er saß im Sessel, entspannt, aber aufmerksam. Sein Gesicht war jetzt vollständig sichtbar – kantiger, als sie gedacht hatte, mit einer geraden Nase und einer kleinen Narbe über der linken Augenbraue. Seine Augen waren grau, fast silbern im Feuerschein, umgeben von dunklen Wimpern. Sein Haar – dunkelbraun, leicht gewellt – fiel ihm in die Stirn. Älter, vielleicht Anfang vierzig. Die Schläfen waren bereits von Silber durchzogen.
Die Frau erhob sich. Sie bewegte sich wie Wasser – fließend, mühelos. Das schwarze Spitzenkleid umschmiegte jeden Zentimeter ihres Körpers, betonte schmale Hüften, kleine, feste Brüste. „Setzen Sie sich", sagte sie. Ihre Stimme war leise, aber bestimmt. „Sie sind nicht in Gefahr."
„Was ist das hier?"
„Eine Einladung", sagte der Mann. „Nichts mehr. Nichts weniger."
Laila blieb stehen. Ihre Maske fühlte sich plötzlich schwer an. Ihre Hände zitterten. Ihr ganzer Körper war angespannt, jeder Muskel unter Strom.
Die Frau trat näher. Jetzt sah Laila die feinen Details – den Puls an ihrem Hals, schnell und sichtbar. Die Art, wie ihre Pupillen sich weiteten. Der Duft von Sandelholz wurde stärker, vermischte sich mit etwas anderem – dem natürlichen Geruch ihrer Haut, warm und leicht salzig. „Darf ich?", fragte sie und hob die Hände zu Lailas Gesicht.

Laila nickte. Sie wusste nicht warum. Ihr Herz hämmerte so laut, dass sie sicher war, die anderen konnten es hören.
Die Frau löste die Bänder der Maske. Langsam. Vorsichtig. Ihre Finger streiften Lailas Wangen, kühl und geschickt. Dann hob sie sie ab.
Die Luft war kühler gegen Lailas Haut. Sie spürte, wie ihr Gesicht sich öffnete, als wäre die Maske nicht nur aus Perlmutt gewesen, sondern aus Gewohnheit. Sie atmete tiefer ein, nahm die Düfte des Raums auf – Feuer und Holz, Sandelholz und Zedernholz, und darunter etwas Menschliches, Intimes.
Die Frau legte die Maske auf den Tisch. „Besser", sagte sie leise. Ihre Augen glitten über Lailas Gesicht, verweilten an ihren Lippen, an der Linie ihres Kinns.
Laila sah zu dem Mann. Auch er hatte seine Maske abgelegt. Seine Augen – grau, fast silbern – sahen sie an, als würde er etwas in ihr erkennen, das sie selbst vergessen hatte. Sein Blick war nicht fordernd, aber intensiv. Sie spürte ihn auf ihrer Haut wie eine Berührung.
„Warum ich?", fragte sie. Ihre Stimme war kaum mehr als ein Flüstern.
„Weil Sie gefragt haben", sagte die Frau. „Die meisten Menschen fragen nicht. Sie nehmen, oder sie fliehen. Sie haben gefragt."
Der Mann schenkte drei Gläser ein. Er stand auf, kam näher, und Laila konnte seine volle Größe einschätzen. Er überragte sie um einen Kopf. Seine Schultern waren breit, die Arme muskulös unter dem Hemd, das jetzt ohne Mantel sichtbar war. Er reichte Laila ein Glas. Seine Finger streiften ihre, warm und fest. „Trinken Sie. Es hilft."
Laila trank. Der Geschmack war süß und scharf zugleich, wie Honig, der in Feuer getaucht worden war. Er brannte in ihrer Kehle, breitete sich als Wärme in ihrer Brust aus, sank tiefer, bis sie ihn in ihrem Bauch spürte.
„Setzen Sie sich", sagte die Frau wieder, und diesmal gehorchte Laila.
Sie sank auf das Sofa. Der Samt war weich unter ihren Handflächen, warm vom Feuer. Die Frau setzte sich neben sie, nicht zu nah, aber nah genug, dass Laila ihre Wärme spürte, ihren Duft einatmete. Der Mann blieb zunächst stehen, lehnte sich gegen die Kamineinfassung, beobachtete sie beide mit einem Blick, der weder besitzergreifend noch gleichgültig war. Nur da.
„Was passiert jetzt?", fragte Laila. Ihre Stimme klang kleiner, als sie wollte. Ihr Mund war trocken.
„Was immer Sie wollen", sagte die Frau. Sie hob eine Hand, ließ sie schweben, bevor sie Lailas Handgelenk berührte. Nur leicht. Ihre Fingerspitzen waren kühl gegen Lailas erhitzte Haut. „Wir sind keine Raubtiere. Wir sind nur Menschen, die entschieden haben, ehrlich zu sein."
„Ehrlich worüber?"
„Über das, was man im Licht nicht sagen darf." Die Finger der Frau wanderten langsam Lailas Unterarm hinauf, so leicht, dass es fast kitzelte, Gänsehaut hinterließ.
Laila schluckte. Ihr Atem ging schneller. „Und wenn ich gehe?"
„Dann gehen Sie", sagte der Mann. Seine Stimme war ruhig. „Die Tür ist offen."
Aber Laila stand nicht auf. Ihre Beine fühlten sich schwach an. Ihr ganzer Körper war hypersensibel – sie spürte das Gewicht ihres Kleides auf ihrer Haut, den Stoff über ihren Brustwarzen, die hart geworden waren in der Wärme des Raumes.
Die Frau lehnte sich leicht zurück, die Arme auf der Rückenlehne des Sofas, und sah Laila an. Ihr Blick war offen, ohne Scham. „Wissen Sie, was das Schönste am Maskenball ist?"
„Was?"
„Dass man sich selbst vergessen kann. Und manchmal findet man sich dabei."
Laila spürte, wie sich etwas in ihrer Brust löste. Eine Enge, die sie so lange getragen hatte, dass sie vergessen hatte, dass sie da war. Tränen stiegen ihr in die Augen, ohne dass sie wusste, warum.
„Ich bin müde", sagte sie plötzlich. Nicht physisch. Emotional. „Ich bin müde davon, immer richtig sein zu müssen."
Die Frau lächelte. Ihre Hand glitt von Lailas Arm zu ihrer Schulter, warm und fest. „Dann seien Sie es hier nicht."
Der Mann kam näher. Er kniete vor dem Sofa, sodass seine Augen auf gleicher Höhe mit Lailas waren. Von hier konnte sie die einzelnen Bartstoppeln auf seinem Kinn sehen, die kleine Narbe an seiner Unterlippe. Der Duft von Zedernholz war überwältigend. „Darf ich Sie etwas fragen?"
Laila nickte. Ihr Herz raste.
„Was würden Sie tun, wenn niemand Sie kennen würde? Wenn es keine Konsequenzen gäbe?"
Sie dachte nach. Lange. Und dann sagte sie die Wahrheit: „Ich würde berührt werden. Nicht besessen. Nicht benutzt. Nur… gesehen."
Die Frau legte eine Hand auf Lailas Schulter. Leicht. Warm. Ihre Fingerspitzen glitten über den bloßen Bereich zwischen Kleid und Hals. „Dann lassen Sie sich sehen."
Die nächsten Stunden – oder waren es Minuten? Laila verlor das Zeitgefühl – waren ein Tanz aus Worten, Stille und Berührungen, die niemals forderten, aber immer fragten. Die Frau sprach über Schönheit, über Kontrolle, über die Angst, beides zu verlieren. Ihre Hand blieb auf Lailas Schulter, wanderte manchmal zu ihrem Nacken, strich dort sanft über die Haut, ließ Laila erschauern. Der Mann hörte zu, fügte Sätze hinzu, die wie Schlüssel klangen – Schlüssel zu Türen, die Laila nicht wusste, dass sie verschlossen hatte. Seine Hand ruhte auf Lailas Knie, warm durch den Samt, fest genug, um real zu sein, leicht genug, um keine Drohung zu sein.
Sie sprachen über Verlangen. Über Scham. Über die Lügen, die man sich selbst erzählt, um nachts schlafen zu können.
Irgendwann lehnte sich die Frau näher. Ihr Atem – warm, nach Honig und Wein duftend – streifte Lailas Wange. „Darf ich Sie küssen?", fragte sie.
Lailas Herz setzte einen Schlag aus. Dann nickte sie.
Der Kuss war sanft. Die Lippen der Frau waren weich, vorsichtig, fragend. Kein Drängen. Nur ein Berühren, ein Erkunden. Laila schmeckte den Wein auf ihnen, das Süße und Bittere zugleich. Sie spürte, wie ihre eigenen Lippen sich öffneten, wie ihr Atem mit dem der Frau verschmolz.
Als sie sich lösten, sah Laila zum Mann. Seine Augen waren dunkel geworden, die Pupillen geweitet. „Und Sie?", fragte Laila, überrascht von ihrer eigenen Stimme, die plötzlich fester klang. „Dürfen Sie auch?"
Er lächelte. Zum ersten Mal. Es veränderte sein ganzes Gesicht, machte es weicher, jünger. „Wenn Sie möchten."
„Ich möchte."
Er beugte sich vor. Sein Kuss war anders – fester, hungriger, aber kontrolliert. Seine Hand glitt in ihren Nacken, hielt sie fest, aber nicht grob. Laila spürte die Rauheit seiner Bartstoppeln, den Druck seiner Lippen, die Wärme seines Atems. Sie spürte, wie etwas in ihr nachgab, wie eine Tür, die sich öffnete.
Irgendwann später – die Kerzen im Kamin waren niedriger geworden, das Feuer nur noch Glut, aber der Raum war noch immer warm – lag Laila auf dem Sofa, den Kopf auf einem Kissen, die Schuhe abgestreift, die Füße nackt auf dem kühlen Holzboden. Ihr Kleid war verrutscht, der Samt hochgeschoben über ihre Oberschenkel, aber sie schämte sich nicht. Die Frau saß neben ihr, strich ihr einmal, zweimal über das Haar, über ihre Schulter, über ihren Arm. Der Mann saß am Boden vor dem Kamin, seine Hand auf Lailas Knöchel, der Daumen strich sanfte Kreise auf ihrer Haut.
Ihre Körper hatten sich gefunden in einer Sprache ohne Worte. Nichts Rohes. Nichts Gewaltsames. Nur Berührungen, die langsam geworden waren, die Zeit genommen hatten, die gefragt hatten und gewartet hatten auf Antworten.
„Ich verstehe nicht, warum ich mich hier sicher fühle", sagte Laila leise. Ihre Stimme war heiser vom Küssen, vom Flüstern, von Dingen, die sie gesagt hatte, die sie nie laut gesagt hatte.
„Weil wir Sie nicht brauchen", sagte die Frau. Ihre Finger spielten mit Lailas Haar, wickelten eine Strähne um ihren Finger, ließen sie wieder los. „Wir wollen Sie hier. Das ist ein Unterschied."
„Und was wollt ihr?"
„Nur Zeit", sagte der Mann. Seine Hand wanderte von ihrem Knöchel zu ihrer Wade, sanft, tröstend. „Zeit mit jemandem, der echt ist."
Laila schloss die Augen. Tränen – nicht aus Traurigkeit, sondern aus etwas anderem, aus Erleichterung vielleicht, oder Dankbarkeit – sammelten sich hinter ihren Lidern. Sie ließ sie fallen. Sie tropften auf das Kissen, auf die Hand der Frau, die gerade ihre Wange berührte.
Niemand sagte etwas. Die Stille war nicht leer. Sie war voll. Voll von Atem und Herzschlag und der Wärme von drei Körpern, die sich gefunden hatten in der Dunkelheit.
Irgendwann später – die Kerzen im Kamin waren fast erloschen, nur noch Asche und ein schwaches Glühen – hob die Frau den Kopf. „Es wird hell bald."
„Schon?", fragte Laila. Sie hatte das Gefühl, dass Stunden vergangen waren, aber auch, dass die Zeit stillgestanden hatte.
„Venedig wartet nicht."
Der Mann stand auf, streckte ihr die Hand hin. „Kommen Sie. Wir bringen Sie zu Ihrem Zimmer."

Das Hotel war nur wenige Gassen entfernt. Die Stadt schlief noch, aber der Himmel über den Dächern begann sich zu färben – erst grau, dann rosa, dann gold. Die Luft war kalt und feucht, roch nach Salz und Nebel.
Sie gingen zu dritt, Laila in der Mitte, die Frau links, der Mann rechts. Niemand sprach. Die Stille zwischen ihnen war nicht unbequem. Sie war wie ein vierter Körper, der mitging. Lailas Beine waren schwach, ihre Lippen geschwollen, ihre Haut überall empfindlich. Sie fühlte sich entleert und gleichzeitig voll.
Als sie die Tür zu Lailas Zimmer erreichten, blieb die Frau stehen. „Dürfen wir?", fragte sie.
„Wofür?"
„Nur um sicherzugehen, dass Sie angekommen sind."
Laila lächelte. Es war das erste Mal an diesem Abend, dass sie lächelte, ohne zu überlegen, ob es richtig war. „Ja."
Sie öffnete die Tür. Das Zimmer war genau, wie sie es verlassen hatte – das Bett unberührt, die Fenster offen, der Vorhang bewegte sich leicht im Morgenwind, brachte den Geruch von Wasser und Stein herein.
Die Frau trat ein, dann der Mann. Beide sahen sich um, nicht wie Eindringlinge, sondern wie Menschen, die prüften, ob ein Ort sicher war.
„Es ist schön hier", sagte die Frau. Sie ging zum Fenster, lehnte sich hinaus, atmete die Morgenluft ein.
„Es ist nur ein Hotelzimmer", sagte Laila.
„Nein", sagte der Mann. Er stand hinter ihr, nah genug, dass sie seine Wärme spürte. „Es ist Ihr Raum. Das macht einen Unterschied."
Er ging zum Fenster, stand neben der Frau, sah hinaus auf den Kanal. „Venedig ist eine Stadt der Masken", sagte er. „Aber manchmal, wenn man Glück hat, findet man Menschen, mit denen man sie ablegen kann."
Die Frau drehte sich um. Sie kam zu Laila, hob langsam eine Hand und berührte ihre Wange. Ihre Fingerspitzen waren kühl vom Morgenwind. Sie beugte sich vor, küsste Laila noch einmal, sanft, wie ein Versprechen. Dann ließ sie los.



