
Das Eis von Calgary
Calgary, Februar 1988. Das Eis riecht nach nichts, was man beschreiben kann, wenn man es nicht kennt: nach Kälte, die bereits Arbeit geleistet hat, nach Gummi und Metall und dem ganz spezifischen Schweigen einer Halle, in der noch keine Zuschauer sitzen.
Diane Okafor-Calloway sitzt in Reihe zwölf der Pressetribüne des Scotiabank Saddledome und hält ihren goldenen Stift so, wie andere Leute etwas in der Hand halten, das sie beruhigt. Den Stift hatte ihr Vater ihr gegeben, als sie ihren ersten Artikel für die Schulzeitung schrieb. Er hatte gesagt: Alles andere können sie dir nehmen. Was du damit aufschreibst, nicht. Sie war damals vierzehn gewesen und hatte nicht gewusst, was er meinte. Jetzt, mit dreiunddreißig, auf einer Pressetribüne in Calgary, bei minus fünfzehn Grad draußen und einem Chefredakteur, der ihr diese Akkreditierung als Gnadenakt verkauft hatte, wusste sie es.
Auf dem Eis trainierte die sowjetische Nationalmannschaft.
Diane hatte schon viele Eishockeyspiele beobachtet. Sie wusste, wie sich Körper auf dem Eis bewegten: mechanisch, effizient, auf die Schulter oder den Schläger reduziert. Die sowjetischen Spieler bewegten sich anders als amerikanische Teams, das war bekannt, aber was sie nie in einem Artikel gut beschrieben gesehen hatte, war diese spezifische Qualität der kollektiven Bewusstheit: als wären elf Körper Teile eines einzigen Tieres, das zufälligerweise getrennte Gedanken hatte.
Alexei Nesterov war kein Teil dieses Tieres.
Sie hatte seinen Namen auf der Akkreditierungsliste, hatte seine Statistiken, wusste, dass er siebenundzwanzig war und in der Saison der erfolgreichste Stürmer seiner Mannschaft. Was die Statistiken nicht sagten: Er bewegte sich auf dem Eis mit einer Selbstverständlichkeit, die fast unhöflich war. Zu leichtfüßig für einen Stürmer, zu wenig bemüht für jemanden, der unter Beobachtung stand. Und er stand unter Beobachtung. Diane hatte die zwei Männer am Rand der Halle innerhalb der ersten drei Minuten identifiziert, zu still für Trainer, zu aufmerksam für Pressebetreuer.
Sie schrieb: *Nesterov, 27, LW. Bewegt sich wie jemand, dem das Eis gehört. Oder wie jemand, der weiß, dass er verliert, und es nicht interessiert.* Sie strich den zweiten Satz durch. Zu persönlich für einen Trainingsbericht. Dann schrieb sie ihn wieder hin.
Ihr Telefongespräch mit Gary heute Morgen hatte elf Minuten gedauert.
Er hatte gefragt, ob sie genug Socken eingepackt habe. Er hatte das nicht ironisch gemeint. Gary Calloway war ein aufrichtiger Mensch, ein Buchhalter aus Arlington, der abends Jeopardy schaute und samstags den Rasen mähte und Diane wirklich liebte, auf die Weise, wie man jemanden liebt, den man sich ausgesucht hat, weil er verlässlich ist und still. Sie hatte ja gesagt, ja, genug Socken, und er hatte ihr alles Gute gewünscht mit der Stimme eines Mannes, der nicht weiß, was olympische Winterspiele für eine Frau bedeuten, die seit zehn Jahren beweisen möchte, dass sie mehr kann als Lauftexte und Spielberichte.
Auf dem Eis brüllte jemand auf Russisch. Diane sah nicht hin. Sie sah Nesterov.
Er hatte trainingsbedingt Pause, stand am Rand, Schläger locker in der Hand, und unterhielt sich auf Russisch mit einem jungen Kanadier in einem Presseausweis, der ungefähr aussah wie jemand, der für eine lokale Sportzeitschrift arbeitete und Nesterov wahrscheinlich interviewen wollte. Aber Nesterov ließ sich nicht interviewen. Nesterov berührte den Handrücken des Kanadiers, kurz, zu kurz für jeden, der nicht aufmerksam hinschaute, mit genau dem Druck, der keine Auskunft war, sondern eine Bestätigung. Der Kanadier, der höchstens dreiundzwanzig war und rote Ohren hatte, nicht vom Frost, sagte etwas, das Diane nicht hören konnte. Nesterov lächelte. Es war das Lächeln von jemandem, der genau weiß, was er tut.
Dann kam der Betreuer.
Der Mann trug einen dunklen Mantel, der in diesem Kontext falsch wirkte, zu steif, zu städtisch, und er sprach Nesterov auf Russisch an mit der Stimme von jemandem, der keine Fragen stellt, sondern Positionen korrigiert. Nesterov ließ die Hand des Kanadiers los, einen Bruchteil zu spät für Zufälligkeit, und folgte dem Mann ohne Eile. Der Kanadier sah ihm nach. Diane sah dem Kanadier nach.
Sie schrieb nichts.
Sie hielt den Stift über den Block und ließ ihn dort, in der Luft, bis das Eis wieder laut wurde und das Training weiterging.
*Das ist eine Geschichte*, dachte sie.
Im Presseraum des Palliser Hotels, zwei Stunden später, roch es nach Zigarettenrauch und dem Kaffee, der seit Stunden in Glaskannen stand und langsam bitter geworden war. Diane saß an einem Tisch in der Ecke, ihr Notizbuch aufgeschlagen, und ordnete das, was sie gesehen hatte. Sie schrieb nicht Sport. Das war das Problem ihrer Karriere, und sie wusste es.
Sie hatte die Notiz am Morgen des sechsten Tages bekommen, durch den Presseassistenten, den sie als denselben erkannte, dessen Ohren im Training rot gewesen waren. Er hatte ihr ein gefaltetes Stück Papier in die Hand gedrückt, so beiläufig wie man jemandem einen Kugelschreiber weiterreicht, und war gegangen, ohne ihr in die Augen zu sehen. Die Handschrift auf dem Papier war ordentlich, fast formell: eine Zimmernummer, eine Uhrzeit, eine Adresse, die sie auf dem Stadtplan nicht suchen musste. Regency Hotel, 4th Avenue SW. Neun Uhr abends.
Diane hatte die Notiz dreimal gelesen und dann in die hintere Tasche ihres Notizbuchs geschoben, zwischen Visitenkarten und einem Zeitungsausschnitt aus dem Jahr 1985, den sie noch immer bei sich trug, weil der Autor einen Satz geschrieben hatte, der sie nie losgelassen hatte: *The story you're afraid to file is the only story worth having.*
Sie hatte Gary um halb sieben angerufen. Er hatte von einem Abendessen mit Kollegen erzählt, von einem neuen Restaurant in Georgetown, das italienisch kochte. Seine Stimme hatte geklungen wie immer: gleichmäßig, verlässlich, ein Metronom. Sie hatte zugehört und gleichzeitig die Zimmernummer im Kopf gehabt. Siebenundzwanzig. Dieselbe Zahl wie Nesterovs Alter, was kein Zeichen war und trotzdem blieb.
Sie hatte sich das Notizbuch genommen, als sie ging. Sie hatte ihm gesagt, es wäre ein Interview.
Das Regency Hotel roch nach dem Teppich, der in nordamerikanischen Geschäftshotels dieser Kategorie immer gleich war: synthetisch, gedrückt, als hätte er zu viele Leben aufgenommen und aufgehört, sie weiterzugeben. Die Heizung summte, als sie den Flur entlangging, ein tiefes, konstantes Geräusch, das die Stille unterstrich. Tür Nummer siebenundzwanzig. Sie klopfte.
Nesterov öffnete sofort, was bedeutete, dass er gewartet hatte, und das zog irgendetwas in ihrer Brust zusammen. Er trug ein schlichtes weißes Hemd, das er nicht in die Hose gesteckt hatte, und sah aus wie jemand, der genau kalkuliert hatte, wieviel Entspanntheit angemessen war. Sein Blick ging sofort zu dem Notizbuch in ihrer Hand. Er sagte nichts. Er ließ sie eintreten.
Das Zimmer war klein, das Bett breit genug für eine Person, die sich wohlfühlen wollte, oder für zwei, die keinen besonderen Grund dafür brauchten. Ein Stuhl, ein Schreibtisch, eine volle Aschenbecherschale, obwohl Diane nicht glaubte, dass er geraucht hatte. Das Fenster zeigte auf eine Hauswand. Die Heizung arbeitete so hart, dass die Luft trocken war und sie die Wärme auf der Haut spürte, bevor sie den Mantel ausgezogen hatte.
„Wodka", sagte er und hielt ihr ein Glas hin. Eine Frage, die keine sein wollte.
Sie nahm es. Trank. Der Wodka war gut, besser als alles, was sie hier erwartet hätte, und das sagte ihr etwas über ihn, das sie lieber nicht gewusst hätte.
„Ich habe Fragen", sagte sie auf Englisch.
„Ich weiß", antwortete er, ebenfalls auf Englisch, mit einem Akzent, der schwer war, aber präzise, wie jemand, der eine Sprache gelernt hat, weil er sie für Situationen wie diese braucht. „Das Notizbuch ist für die Fragen."
„Ja."
„Dann legen Sie es auf den Tisch."
Sie legte es auf den Tisch. Sie sah ihm dabei nicht in die Augen, weil sie wusste, dass sie es müssen würde, wenn sie es jetzt tat. Dann sah sie ihm in die Augen.
Er sah aus wie jemand, der gelernt hat, exakt so viel zu zeigen, wie er zeigen wollte. Und trotzdem war da etwas, das er nicht ganz verbergen konnte: eine Art Aufmerksamkeit, die sich anders anfühlte als die höfliche Konzentriertheit eines Athleten beim Interview. Er sah sie an, als würde er abwägen, ob sie das tragen konnte, was er ihr geben würde.
„Sie haben mich beobachtet", sagte er. „Im Training. Ich habe gesehen, wie Sie den Stift in der Hand hielten, aber nicht geschrieben haben."
„Ich habe gedacht."
„Was haben Sie gedacht?"
Sie hätte sagen können: Ich habe gedacht, das ist eine Geschichte. Sie hätte sagen können: Ich habe Sie und den Kanadier beobachtet und verstanden, was das bedeutet, und ich bin trotzdem hier, obwohl ich nicht hätte kommen sollen. Stattdessen sagte sie: „Dass Sie der einzige Spieler auf dem Eis waren, der so ausgesehen hat, als würde er das wählen."
Etwas in seinem Gesicht bewegte sich, kurz, kaum sichtbar, und sie verstand, dass sie etwas Richtiges getroffen hatte, ohne zu wissen wie.
Er kam auf sie zu. Langsam, ohne Theatralik, so wie er sich auf dem Eis bewegte: als hätte er das Recht dazu und wüsste es. Er nahm ihr das Wodkaglas aus der Hand und stellte es weg, und dann stand er so nah, dass sie den Geruch seiner Haut wahrnahm, warm und leicht nach Seife, und darunter nach etwas, das sie nicht benennen konnte, das sie aber im Magen spürte.
„Das Interview", sagte er leise, „können wir gerne morgen machen."
Diane tat nichts.
Sekunden vergingen, und sie zählte sie nicht, weil sie die Kontrolle darüber aufgegeben hatte, was zählte und was nicht. Seine Wärme war vor ihr, der Geruch seiner Haut, die trocken-heiße Luft des Zimmers, das Summen der Heizung wie ein Herzschlag, der nicht ihr gehörte. Sie hätte das Notizbuch nehmen sollen. Sie hätte die Tür hinter sich geschlossen und den Flur entlanggegangen, zurück in den Presseraum, zurück zu Gary, der gerade bei einem italienischen Abendessen in Georgetown saß und wirklich nicht wissen wollte, wohin sie gegangen war.
Sie tat nichts. Und dann tat sie das Falsche.
Sie legte die Finger an seinen Kragen, oben am Hals, dort wo das Hemd offen stand, und ließ sie dort ruhen, bis sie seinen Puls unter der Haut spürte, ruhig und gleichmäßig wie alles an ihm, das sie auf dem Eis gesehen hatte. Er bewegte sich nicht. Er wartete mit der Qualität eines Mannes, der gelernt hatte, dass Ungeduld ihm noch nie etwas gebracht hatte. Dann neigte er den Kopf und küsste sie, ohne Drama, ohne Ankündigung, so direkt wie alles, was er tat.
Sein Mund war warm und schmeckte nach Wodka und etwas darunter, etwas, das sie nicht hätte beschreiben können, das aber in ihr etwas auslöste, das sie seit Monaten nicht gespürt hatte. Vielleicht länger. Sie küsste ihn zurück, und er ließ ein kurzes Geräusch hören, ein leises, überraschtes Ausatmen, als hätte er doch nicht gewusst, was sie tun würde.
Es machte es anders. Schärfer. Beides traf sie gleichzeitig.
Seine Hände fanden ihre Taille, dann ihre Jacke, die er aufschob und auf den Stuhl legte, ohne die Küsse zu unterbrechen. Sie lehnte sich gegen den Schreibtisch, ihr Rücken gegen das Holz, und zog ihn mit sich, und er kam, die Hände jetzt an ihren Hüften, fest, so dass sie genau wusste, wo sie war: in einem Zimmer im Regency Hotel in Calgary, mit einem russischen Eishockeyspieler, der sie so küsste, als wäre sie etwas, das er sich nicht leisten konnte und sich trotzdem nahm.
Er zog das Hemd aus der Hose. Sie half ihm, weil ihre Finger bereits am Stoff waren, und sie spürte die Wärme seiner Bauchmuskeln darunter, die Kante seiner Rippen, die kleinen Narben, die ein Leben auf dem Eis hinterlässt: eine am Handgelenk, eine unter der linken Schulter, die sie mit dem Daumen berührte, und er ließ sich das gefallen, ruhig, mit geschlossenen Augen, als wäre Berührtwerden etwas, das er selten kannte.
Sie zog ihr Oberteil über den Kopf. Er sah sie an: ruhig, konzentriert, so wie er auf dem Eis die Lücke im Tor sah, bevor er schoss. Dann legte er die Hand auf ihre Brust, über dem BH, und sie spürte die Wärme seiner Handfläche durch den Stoff, bevor er die Haken löste und den BH beiseite schob. Er nahm sich Zeit mit ihren Brüsten, seine Hände, sein Mund, die Zunge an der linken Brustwarze, bis sie die Finger in sein Haar krallte und die Luft durch die Zähne einsog.
Er sagte etwas auf Russisch. Leise, fast unhörbar. Sie fragte nicht, was es bedeutete.
Das Bett war enger als es aussah, aber nicht enger als sie brauchten. Ihre Kleider lagen verstreut: ihr Rock auf dem Boden, seine Hose über der Bettkante, ihre Strümpfe irgendwo. Er streifte sie ihr ab, langsam, von den Oberschenkeln abwärts, und sie spürte die Temperatur seiner Fingerkuppen auf ihrer Haut, präzise und warm.
Er küsste ihren Bauch, die Hüften, die Innenseite ihres Oberschenkels, und sie verstand, wohin das führte, und ließ es zu. Seine Lippen an den Schamlippen, seine Zunge, die erste direkte Berührung an ihrem Kitzler, und sie hörte sich aufseufzen, laut und unkontrolliert, in der Art, die ihr bei Gary nie passierte, weil Gary sie nicht so berührte, weil Gary nicht wusste, wie. Alexei wusste es. Alexei ließ sich Zeit und hörte auf ihren Körper, die Art, wie ihre Hüften reagierten, die Art, wie ihre Finger sein Haar festhielten, als sie ihm zeigten, was sie brauchte, ohne ein Wort zu sagen.
Sie kam, die Augen fielen ihr zu, der Atem stürzte aus ihr heraus, hart und vollständig.
Dann zog er sich über sie, und sie spürte seine Erektion an ihrer Hüfte, und das Ziehen in ihr, das noch nicht vorbei war, sondern sich neu ausrichtete. Sie legte die Hand zwischen sie und nahm ihn in die Hand, spürte, wie er kurz die Luft anhielt, die Kontrolle hielt und dann lockerte. Er war schwer und warm, und als er in sie glitt, langsam, mit der Geduld, die er für alles aufwandte, das ihm wichtig war, schloss sie die Augen und dachte nichts.
Das war das Merkwürdigste. Diane Okafor-Calloway, die immer dachte, die selbst beim Einschlafen formulierte, hörte auf zu denken. Sie spürte nur noch ihn.
Er bewegte sich in ihr wie jemand, der weiß, dass es das letzte Mal ist, auch wenn er es damals noch nicht wusste.
Später, als sie nebeneinander lagen und die Heizung schwieg, weil sie sich selbst abgeschaltet hatte, und die Kälte Calgarys langsam durch das Fenster tastete, hatte er ihren Arm genommen und sie so gehalten, als wäre Halten eine Sprache, die er besser beherrschte als jede andere. Sie hatte das Gesicht an seine Schulter gelegt und nicht geschlafen.
Die Abschlussfeier der sowjetischen Delegation fand im großen Saal des Palliser statt, drei Tage nach dem Goldmedaillenspiel, an dem Diane in der Pressetribüne gesessen und Alexei beobachtet hatte, wie er das Eis verließ, ohne einmal zur Tribüne zu sehen. Sie wusste nicht, ob das Disziplin gewesen war oder Absicht.
Der Saal roch nach warmem Tabak und den schweren Parfüms der Delegationsfrauen, nach dem Champagner, der hier nicht Champagner hieß, und nach dem besonderen Ernst von Menschen, die wissen, dass sie beobachtet werden. Diane trug ihr einziges formelles Kleid, das dunkelrote, das Gary ihr zu ihrem dreißigsten Geburtstag geschenkt hatte, und hielt das Notizbuch unter dem Arm wie immer, weil sie ohne es nirgendwo vollständig ankam.
Sie sah Alexei sofort.
Er stand bei einer Gruppe Funktionäre, das Goldmedaillenband um den Hals, das Jackett korrekt, das Lächeln an der richtigen Stelle. Er sah aus wie jemand, der gelernt hatte, das zu sein, was die Situation von ihm verlangte. Dann sah er sie, und das Lächeln blieb, aber etwas dahinter änderte sich: ein Grad Wärme, ein Bruchteil Offenheit, den nur jemand sah, der wusste, wo er zu suchen hatte.
Sie trat auf ihn zu, weil einer von ihnen musste, und weil sie die Journalistin war.
„Glückwunsch", sagte sie auf Englisch.
„Danke", sagte er, ebenfalls auf Englisch, und dann, leiser: „Ich dachte, Sie wären schon abgereist."
„Morgen."
Er sah sie an, ruhig, mit der Aufmerksamkeit, die sie vom ersten Training her kannte. Um ihn herum bewegten sich Menschen, die ihnen noch keine Beachtung schenkten. Einer der Männer im steifen Mantel stand zehn Meter entfernt und sprach in sein Glas.
Alexei nahm ihre Hand. Einfach so, als wäre es das Natürlichste, und hielt sie zwei, drei Sekunden, lang genug, dass sie den Druck seiner Finger auf ihren Fingerknöcheln spürte, warm und fest, die kleine Narbe an seinem Handgelenk gegen ihren Handrücken.
„In einem anderen Leben", sagte er.
Diane sah ihn an und schluckte das herunter, was sie sagen wollte, weil es in diesem Saal keinen Platz hatte und anderswo auch keinen. Sie dachte an das Zimmer im Regency, an die Heizung, die summte wie ein fremdes Herz, an das Russisch, das er geflüstert hatte, ohne Übersetzung. Sie dachte daran, dass die Sowjetunion im nächsten Jahr, im übernächsten, irgendwann, nicht mehr sein würde, was sie jetzt war, dass die Welt sich drehte, auch wenn sie es hier, in diesem Saal, unter diesen Kronleuchtern, noch nicht wusste. Und dass Alexei Nesterov trotzdem hierbleiben würde, hinter einer Grenze, die sich verschob oder verschwand, und sie trotzdem nicht erreichen könnte, weil das, was zwischen ihnen gewesen war, nie Platz gehabt hatte.
Sie ließ seine Hand los. Er ließ sie gehen.
„Auf ein anderes Leben", sagte Diane Okafor-Calloway, und drehte sich um, das Notizbuch fest unter dem Arm, den goldenen Stift in der Jackentasche, und ging durch den Saal zurück zur Tür, ohne sich umzusehen, obwohl sie wusste, dass Alexei Nesterov ihr nachsah, bis sie verschwunden war.


