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Narrabelle – Stories of Love

Artikel: Blackmoor Hall

Blackmoor Hall

Blackmoor Hall

Hör dir die Geschichte an
Schließ die Augen und fang an zu träumen.

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Der Frost auf dem Glas war noch nicht geschmolzen, als Eleanora die Kutsche verließ.

Sie spürte die Dezemberkälte durch drei Lagen Seide, durch das Korsett, das ihr den Atem stahl, bis in jene Stelle zwischen ihren Rippen, die sie längst aufgehört hatte zu benennen. Blackmoor Hall ragte vor ihr auf wie ein Versprechen, das niemand halten wollte – grauer Stein, blinde Fenster, ein Himmel so bleich wie unbeschriebenes Pergament.

Zwölf Monate. Sie hatte zwölf Monate, um einen Mann zu heiraten, den sie noch nie gesehen hatte, oder alles zu verlieren, was ihr Vater hinterlassen hatte. Das Testament war klar gewesen, brutal in seiner Einfachheit: Heirate Lord Adrian Vane, den Sohn seines ältesten Freundes, oder das Anwesen fällt an die Krone.

Eine Strafe, hatte ihre Tante gesagt. Eine letzte Lektion deines Vaters.

Eleanora nannte es eine Falle.

Die Eingangstür öffnete sich, bevor sie die Stufen erreichte. Ein Butler mit einem Gesicht wie geschnitztes Holz verbeugte sich, sagte etwas über das Wetter, über die Reise, über Dinge, die sie nicht hörte, weil ihre Aufmerksamkeit bereits woanders war.

Er stand am Ende der Halle.

Lord Adrian Vane trug Schwarz wie eine zweite Haut, und das Licht der Kerzen brach sich in seinem Haar wie Rauch, der nicht wusste, wohin er steigen sollte. Er war größer, als sie erwartet hatte. Schmaler. Seine Züge hatten etwas Gemeißeltes, als hätte jemand versucht, Schönheit aus Stein zu schlagen, aber auf halbem Weg aufgehört – erschrocken von dem, was er geschaffen hatte.

Und seine Augen.

Sie waren grau. Nicht das weiche Grau von Tauben oder Morgennebel, sondern das Grau von Gewehrläufen. Von Dingen, die man lieber nicht zu lange anschaute.

„Miss Ashworth." Seine Stimme war tiefer, als sie erwartet hatte. Rauer. Als würde er Worte nur ungern benutzen und jeden einzelnen als Verschwendung betrachten.

„Lord Vane." Sie knickste, wie es sich gehörte, aber ihre Knie fühlten sich fremd an, als gehörten sie jemand anderem. „Ich danke Ihnen für Ihre … Gastfreundschaft."

Das Wort hing zwischen ihnen, schwer und falsch.

Er antwortete nicht. Stattdessen musterte er sie mit jener Art von Aufmerksamkeit, die sie an Insektensammler erinnerte – präzise, distanziert, als katalogisierte er sie für eine Sammlung, die niemand je sehen würde.

„Sie sind kleiner, als ich dachte", sagte er schließlich.

Eleanora blinzelte. „Das ist möglicherweise das Seltsamste, was je jemand als Begrüßung zu mir gesagt hat."

„Ich sage selten Dinge, um zu grüßen." Er wandte sich ab, als wäre das Gespräch bereits beendet. „Mrs. Thornton wird Ihnen Ihr Zimmer zeigen. Das Abendessen ist um acht. Ich erwarte keine Konversation."

Und damit war er verschwunden, seine Schritte auf dem Marmor so leise wie das Versprechen von Schnee.

Eleanora stand still, den Geschmack von etwas Bitterem auf der Zunge.

Er hasste sie.

Das war offensichtlich. Nicht die Art von Hass, die sich in lauten Worten und zerbrochenen Dingen entlud, sondern die andere Art – die kalte, die stille, die sich anfühlte wie ein Zimmer, das niemand mehr betrat.

Sie holte tief Luft.

Zwölf Monate. Sie hatte zwölf Monate, um einen Mann zu überzeugen, der aussah, als hätte er vergessen, dass Menschen überzeugt werden konnten. Zwölf Monate, um ein Ja zu bekommen von jemandem, dessen ganzer Körper wie ein einziges, ausgedehntes Nein wirkte.

Wenigstens, dachte sie, während Mrs. Thornton sie durch endlose Korridore führte, war es nicht langweilig.


In der ersten Woche lernte Eleanora die Geographie des Hauses – seine verborgenen Winkel und verschlossenen Türen. Sie lernte, dass Lord Vane in der Bibliothek lebte wie andere Menschen in ihren Schlafzimmern, dass er Bücher las, als wären sie Sauerstoff, und dass er sie ansah, wenn sie einen Raum betrat, nur um sofort wieder wegzuschauen, als hätte der Anblick ihn verbrannt.

Sie lernte auch, dass er nicht beim Abendessen erschien.

Nicht am ersten Abend. Nicht am zweiten. Nicht an den fünf Abenden danach.

Am achten Tag hatte sie genug.

„Verzeihen Sie die Störung", sagte sie, als sie die Bibliothekstür öffnete, ohne zu klopfen. Die Lüge fühlte sich süß an auf ihrer Zunge.

Er saß in einem Sessel am Feuer, ein Buch auf den Knien, und sein Kopf fuhr hoch wie der eines Tieres, das Gefahr witterte. Für einen Moment – nur einen – sah sie etwas in seinen Augen aufflackern. Überraschung. Vielleicht sogar etwas, das entfernt an Interesse erinnerte.

Dann war es verschwunden.

„Ich habe nicht um Gesellschaft gebeten", sagte er.

„Und ich habe nicht um eine Verlobung gebeten, die ich nicht wollte." Sie trat ein, schloss die Tür hinter sich. „Es scheint, als bekämen wir beide Dinge, die wir nicht bestellt haben."

Schweigen.

Das Feuer knisterte. Draußen begann es zu regnen, und die Tropfen an den Fenstern klangen wie Fingerspitzen, die um Einlass baten.

„Was wollen Sie, Miss Ashworth?" Seine Stimme war so gleichmäßig, so kontrolliert, dass sie beinahe mechanisch klang. Beinahe. Aber da war ein Riss, irgendwo unter der Oberfläche – ein Zittern, das sie mehr fühlte als hörte.

„Verstehen", sagte sie. „Warum hassen Sie mich?"

Er legte das Buch zur Seite. Die Bewegung war langsam, präzise, als kalkulierte er jeden Muskel. „Ich hasse Sie nicht."

„Sie weichen mir aus wie einer Krankheit."

„Das ist keine Abneigung." Er stand auf, und sie merkte erst jetzt, wie groß er wirklich war, wie sein Schatten sich über den Boden erstreckte. „Es ist Vorsicht."

„Vorsicht." Sie schmeckte das Wort, fand es bitter. „Wovor?"

Er kam näher. Einen Schritt. Zwei. Dann blieb er stehen, so nah, dass sie den Geruch von ihm wahrnehmen konnte – Tinte und altes Papier und darunter etwas Dunkleres, das wie Rauch schmeckte.

„Vor mir selbst", sagte er leise.

Eleanora schluckte. Ihre Kehle fühlte sich eng an, und ihr Herz schlug zu schnell. „Das ist keine Antwort."

„Es ist die einzige, die ich habe."

Seine Augen hielten ihre, und zum ersten Mal sah sie etwas anderes darin als Kälte. Da war Hunger. Dunkel und tief und so sorgfältig versteckt, dass sie es beinahe nicht erkannt hätte.

Aber sie erkannte es.

Weil sie dasselbe fühlte.

Sie trat zurück. Einmal. Die Distanz fühlte sich an wie eine Niederlage.

„Gute Nacht, Lord Vane", sagte sie, und ihre Stimme klang fremd in ihren eigenen Ohren. „Ich erwarte Sie morgen zum Abendessen."

Sie verließ die Bibliothek, bevor er antworten konnte.


Er kam.

Am nächsten Abend, pünktlich um acht, erschien er im Speisezimmer. Er saß ihr gegenüber, die Länge des Tisches zwischen ihnen wie ein Schlachtfeld, und er aß, ohne sie anzusehen, sprach weniger als zwanzig Worte und verließ den Raum, sobald sein Teller leer war.

Aber er kam.

Und am Abend danach. Und am Abend danach.

Es wurde zu einem Ritual. Einem Krieg, der in Stille geführt wurde. Sie fragte; er antwortete in Bruchstücken. Sie erzählte von London, von den Bällen, die sie gehasst hatte, von den Büchern, die sie geliebt; er hörte zu mit jenem Gesichtsausdruck, der nichts verriet und alles verbarg.

Langsam, wie Eis, das im Frühling schmilzt, wurden die Antworten länger.

„Sie lesen Latein?", fragte er eines Abends, als sie erwähnte, dass sie Ovid im Original bevorzugte.

„Mein Vater bestand darauf." Sie drehte das Weinglas in ihrer Hand, beobachtete, wie das Kerzenlicht sich im Rot brach. „Er sagte, eine Frau, die nicht denken kann, ist wie ein Vogel ohne Flügel."

Etwas huschte über sein Gesicht. Zu schnell, um es zu greifen. „Ihr Vater war ein ungewöhnlicher Mann."

„Er war ein Tyrann." Die Worte kamen heraus, bevor sie sie aufhalten konnte. „Aber ein brillanter. Die gefährlichste Sorte."

Stille.

Dann: „Warum haben Sie zugestimmt? Zu kommen, meine ich."

Sie sah ihn an. Wirklich sah. Die scharfen Winkel seines Gesichts, die Schatten unter seinen Augen, die verrieten, dass er nicht schlief, der Mund, der aussah, als hätte er vergessen, wie Lächeln funktionierte.

„Weil ich keine Wahl hatte", sagte sie. „Und Sie?"

Er legte sein Besteck ab. Die Gabel klickte gegen das Porzellan wie ein Punkt am Ende eines Satzes.

„Weil mein Vater es wollte", sagte er. „Bevor er starb."

„Und Sie tun immer, was Ihr Vater wollte?"

„Nein." Seine Stimme war so leise, dass sie sich vorbeugen musste. „Nur die Dinge, die er niemals hätte verlangen sollen."

Die Kerzen flackerten. Draußen stöhnte der Wind, und Eleanora fühlte, wie etwas in ihrer Brust sich bewegte – etwas, das sie lange Zeit für tot gehalten hatte.

„Was ist mit Ihnen passiert?", fragte sie.

Er stand auf. Abrupt. Seine Serviette fiel zu Boden, aber er bückte sich nicht, um sie aufzuheben.

„Gute Nacht, Miss Ashworth."

Er ging. Wieder.

Aber diesmal drehte er sich an der Tür noch einmal um, und sein Blick streifte sie wie Fingerspitzen über empfindliche Haut.

„Fragen Sie nicht", sagte er. „Sie würden die Antwort nicht wollen."


Sie fragte. Natürlich fragte sie.

Nicht ihn. Das Haus.

Mrs. Thornton erzählte ihr Bruchstücke, widerwillig wie jemand, der Perlen aus einer geschlossenen Faust gibt. Lord Adrians Mutter, verstorben bei seiner Geburt. Sein Vater, ein Mann, der Liebe mit Kontrolle verwechselte. Eine Kindheit aus Pflicht, aus Erwartungen, aus dem ständigen Bewusstsein, nicht genug zu sein.

Und dann – der Brand.

Drei Jahre her. Ein Feuer im Ostflügel, das niemand erklären konnte. Lord Adrian war hineingegangen, um jemanden zu retten, und war mit Narben zurückgekommen, die niemand sah.

Außer denen, die er auf seiner linken Seite trug, versteckt unter Westen und hochgeschlossenen Hemden.

Eleanora lag nachts wach und dachte an Feuer. An Narben. An Männer, die sich selbst hassten, weil sie überlebt hatten, wenn andere es nicht taten.

Sie verstand mehr, als sie sollte.


Der Winter kroch voran.

Die Gespräche beim Abendessen wurden länger, komplizierter. Sie stritten über Philosophie, über Politik, über die Frage, ob Byron ein Genie oder ein Scharlatan war. Er hatte Meinungen – scharfe, unerwartete Meinungen, die wie Funken aus ihm herausbrachen, wenn sie ihn provozierte.

Und sie provozierte ihn. Wieder und wieder.

Weil er dann lebendig wurde. Weil seine Augen aufhörten, wie tote Dinge auszusehen, und stattdessen brannten.

„Sie sind unmöglich", sagte er eines Abends, aber seine Stimme klang anders. Weicher.

„Und Sie sind ein Feigling", erwiderte sie.

Er zuckte zusammen. Tatsächlich, physisch zusammen, als hätte sie ihn geschlagen.

„Ja", sagte er dann, und das Wort klang wie Blut. „Das bin ich."

Sie stand auf. Ging um den Tisch herum. Ihr Herz schlug so laut, dass sie sicher war, er musste es hören.

„Sehen Sie mich an", sagte sie.

Er tat es. Langsam. Widerwillig. Seine Augen trafen ihre, und da war wieder dieser Hunger, so nackt, dass es ihr den Atem raubte.

„Sie sind kein Feigling", sagte sie. „Sie haben nur vergessen, was Mut bedeutet."

Seine Hand bewegte sich. Hob sich. Für einen endlosen Moment dachte sie, er würde sie berühren – ihre Wange, ihr Haar – aber dann ließ er sie wieder sinken.

„Gehen Sie", sagte er. „Bitte."

Das Bitte war das Schlimmste.

Sie ging.


Weihnachten kam und ging in einer Stille, die nach ungesagten Dingen schmeckte.

Eleanora fand ein Päckchen vor ihrer Tür am Morgen des 25. Dezember. Ein Buch – Ovids Metamorphosen, eine erste Ausgabe, der Einband so alt und schön, dass sie weinen wollte.

Keine Karte. Keine Erklärung.

Aber als sie ihn beim Abendessen ansah, war da etwas in seinem Gesicht, das aussah wie Hoffnung, die sich schämte, zu existieren.

„Danke", sagte sie leise.

Er nickte. Seine Finger schlossen sich fester um sein Weinglas.

„Verwandlungen", sagte er. „Es erschien mir … angemessen."

Sie verstand.


Der Januar brachte einen Schneesturm, der das Haus für drei Tage von der Welt abschnitt.

Am zweiten Tag fand sie ihn in der Bibliothek, das Feuer fast erloschen, ein leeres Glas in seiner Hand. Er sah auf, als sie eintrat, und dieses Mal wandte er den Blick nicht ab.

„Sie sollten schlafen", sagte sie.

„Ich schlafe nicht." Die Worte kamen rau, ehrlich. „Nicht mehr. Nicht seit …"

Er brach ab.

Sie setzte sich neben ihn. Nicht gegenüber. Neben ihm, so nah, dass ihre Ärmel sich beinahe berührten.

„Erzählen Sie mir vom Feuer", sagte sie.

Stille. Lang. Atemlos.

Dann begann er zu sprechen.

Er erzählte ihr von der Nacht, in der er aufwachte und Rauch roch. Von den Schreien. Von dem Dienstmädchen, das er heraustrug, während die Decke über ihm zusammenbrach. Von der Hitze, die seine Haut verschlang, und von der Dunkelheit danach.

„Ich wollte sterben", sagte er. „Danach. Wochen, Monate. Ich wollte nicht mehr existieren in einem Körper, der aussah wie eine Landkarte meiner Fehler."

Eleanoras Augen brannten. „Es war nicht Ihre Schuld."

„Das ist irrelevant." Er sah sie an, sein Blick so offen, so verwundet, dass es wehtat. „Schuld hat nichts mit Logik zu tun. Sie lebt in den Knochen. In der Haut. Sie wird Teil von einem, wie Narbengewebe."

Sie verstand das. Mehr als er wusste.

„Zeigen Sie sie mir", sagte sie.

Er erstarrte.

„Die Narben", fuhr sie fort. „Ich möchte sie sehen."

„Warum?" Das Wort war wie ein Stein, schwer und gefährlich.

„Weil Sie sich hinter ihnen verstecken." Sie hob die Hand, legte sie auf seinen Arm. Durch den Stoff seines Hemdes spürte sie seinen Puls, zu schnell, zu wild. „Und ich bin müde davon, mit einem Mann zu sprechen, der nicht da ist."

Er schluckte. Seine Kehle bewegte sich.

Dann begann er, seine Krawatte zu lösen.

Eleanora atmete nicht, während er die Knöpfe seines Hemdes öffnete. Einer nach dem anderen. Die Luft zwischen ihnen war dick geworden, elektrisch.

Er zog den Stoff zur Seite.

Die Narben begannen an seiner Schulter und zogen sich über seine linke Brust, sein Schlüsselbein, hinunter zu seinen Rippen. Das Gewebe war uneben, verdickt, heller als der Rest seiner Haut – eine Landkarte aus Schmerz.

Eleanora streckte die Hand aus.

Er fing sie ab. Sein Griff war fest, aber nicht schmerzhaft. Sein Atem kam in kurzen Stößen.

„Nicht", sagte er.

„Warum?"

„Weil ich nicht weiß, was ich tun werde, wenn Sie mich berühren."

Die Worte hingen in der Luft, schwer wie Blei, süß wie Gift.

Sie zog ihre Hand nicht zurück. Stattdessen drehte sie ihr Handgelenk in seinem Griff, bis ihre Finger sich mit seinen verschränkten.

„Dann finden wir es heraus", sagte sie.

Er schloss die Augen. Ein Laut entwich ihm – halb Stöhnen, halb etwas Zerbrechliches.

Dann zog er sie zu sich.


Der Kuss war nicht sanft.

Er war hungrig, verzweifelt, all das Ungesagte, das endlich eine Sprache fand. Seine Hände gruben sich in ihr Haar, lösten die Nadeln, und sie hörte sie auf den Boden fallen wie Regentropfen.

„Eleanora", murmelte er gegen ihre Lippen, und der Klang ihres Namens in seiner Stimme – das erste Mal – fühlte sich an wie ein Geständnis.

„Adrian." Sie presste sich näher, fühlte die Hitze, die von ihm ausging. „Ich will –"

„Wissen Sie, was Sie wollen?" Er zog sich zurück, gerade weit genug, um sie anzusehen. Seine Augen waren dunkel geworden, die Pupillen so geweitet, dass sie das Grau verschluckten. „Wissen Sie, worauf Sie sich einlassen?"

„Ja."

Er hielt inne. Seine Daumen strichen über ihre Wangen, so zärtlich, dass es wehtat.

„Ich bin nicht gut", sagte er. „Nicht für Sie. Nicht für irgendjemanden."

„Dann seien Sie schlecht." Sie griff nach ihm, zog ihn wieder näher. „Seien Sie alles, was Sie sein müssen. Aber hören Sie auf, mich auszusperren."

Etwas brach in ihm. Sie sah es – den Moment, in dem seine Kontrolle zerbarst wie dünnes Eis.

Er küsste sie wieder. Tiefer. Langsamer. Seine Hände glitten über ihren Rücken, fanden die Schnürung ihres Kleides.

Sie fielen auf den Teppich vor dem Kamin.

Er hielt inne, über ihr, sein Atem schwer.

„Bist du sicher?", fragte er.

„Ja." Das Wort war alles, was sie hatte.

Er nickte. Einmal. Dann senkte er sich zu ihr.


Es war nicht sanft.

Es war auch nicht brutal. Es war etwas dazwischen – etwas, das keinen Namen hatte, das sich anfühlte wie fallen und fliegen gleichzeitig. Seine Narben pressten sich gegen ihre Haut, und sie spürte sie, jede einzelne, eine Geschichte, die er in ihren Körper schrieb.

„Schau mich an", sagte sie, als sie spürte, wie seine Kontrolle bröckelte.

Er öffnete die Augen.

In diesem Moment sah sie alles. Den Schmerz. Die Angst. Die Hoffnung, die er so lange begraben hatte.

„Ich sehe dich", sagte sie.

Und er zerbrach.


Danach lagen sie still, verschlungen, das Feuer ein sanftes Flackern neben ihnen.

Seine Finger zeichneten Muster auf ihre Schulter. Kreise. Spiralen.

„Ich habe Angst", sagte er leiste.

„Wovor?"

„Dass ich das hier ruinieren werde. Dass ich dich ruinieren werde."

Eleanora lächelte. Es war das erste echte Lächeln seit Wochen.

„Dann ruiniere mich", sagte sie. „Ich werde dasselbe tun."

Er lachte. Ein kurzes, überraschtes Geräusch, als hätte er vergessen, dass er es konnte.

„Du bist unmöglich", sagte er.

„Das hast du schon einmal gesagt."

„Ich weiß." Er zog sie näher. „Ich habe es auch schon damals gemeint."

Der Schnee fiel weiter draußen, deckte die Welt in Weiß.

Aber hier, in diesem Zimmer, war es warm.


Drei Monate später heirateten sie.

Nicht weil das Testament es verlangte. Nicht weil die Gesellschaft es erwartete. Sondern weil sie es wollten – beide, zusammen, in einem Entschluss, der sich anfühlte wie die erste freie Wahl, die sie je getroffen hatten.

Die Hochzeit war klein. Still. Der Frühling kam gerade nach Blackmoor, und die ersten Knospen brachen durch den noch halb gefrorenen Boden.

Als er den Ring auf ihren Finger schob, zitterten seine Hände.

Als sie „Ja" sagte, brach seine Stimme.

Und als er sie küsste, vor dem Altar, schmeckte sie Salz auf seinen Lippen.

„Du weinst", flüsterte sie.

„Ich weiß." Er lächelte, und es war das schönste, das zerbrechlichste Ding, das sie je gesehen hatte. „Ich hatte vergessen, wie das geht."


Die Monate vergingen.

Sie stritten. Natürlich stritten sie – über Bücher, über Politik, darüber, ob das Feuer in der Bibliothek zu heiß oder zu kalt war. Sie stritten laut und leidenschaftlich und machten es wieder gut auf Arten, die sie beide atemlos zurückließen.

Aber sie stritten nie über das Wichtige.

Weil das Wichtige feststand.

„Du hast mich gerettet", sagte er eines Abends, während sie auf dem Balkon standen und den Sommer beobachteten, der über die Felder kroch.

Sie schüttelte den Kopf. „Ich habe dir einen Spiegel gehalten. Den Rest hast du selbst getan."

Er dachte darüber nach. Lange.

„Nein", sagte er schließlich. „Der Spiegel war das Wichtigste."

Und in gewisser Weise hatte er recht.


Manchmal, nachts, wenn die Albträume kamen, wachte er schreiend auf.

Dann hielt sie ihn. Stundenlang, wenn es sein musste. Sie sagte nichts, fragte nichts, war einfach da – ein Anker, an dem er sich festhalten konnte, bis die Dunkelheit wich.

Und manchmal, wenn ihre eigenen Dämonen sie heimsuchten – die Erinnerung an einen Vater, der Liebe mit Kontrolle verwechselte, an eine Kindheit, in der Gehorsam das einzige Alphabet war – dann hielt er sie.

Sie heilten einander nicht.

Das war unmöglich. Das war nicht, wie Heilung funktionierte.

Aber sie lernten, mit den Brüchen zu leben.

Zusammen.


Ein Jahr nach der Hochzeit stand Eleanora am Fenster der Bibliothek und sah hinaus auf den Schnee.

Es war wieder Dezember. Ein Jahr. Ein ganzes Jahr.

Adrian kam hinter ihr, legte die Arme um sie, zog sie an sich.

„Woran denkst du?", fragte er.

„An den Tag, an dem ich ankam." Sie lehnte sich gegen ihn, spürte seinen Herzschlag an ihrem Rücken, gleichmäßig und ruhig. „Du hast gesagt, du erwartest keine Konversation."

Er lachte leise. Sein Atem war warm an ihrem Ohr. „Ich war ein Idiot."

„Ja." Sie drehte sich um, sah ihn an. „Das warst du."

Er küsste sie. Sanft. Langsam. Als hätten sie alle Zeit der Welt.

Und vielleicht hatten sie das.

„Ich liebe dich", sagte er, als sie sich trennten. Die Worte kamen immer noch schwer über seine Lippen, als kostete jede einzelne etwas.

„Ich weiß." Sie lächelte. „Ich liebe dich auch."

Das Feuer knisterte. Der Schnee fiel. Die Welt draußen war kalt und still und schön.

Aber hier, in diesem Zimmer, in diesen Armen, war sie zu Hause.

Endlich.

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