Zum Inhalt springen

Narrabelle – Stories of Love

Artikel: Auf derselben Seite des Netzes

Auf derselben Seite des Netzes

Auf derselben Seite des Netzes

Geschichte anhören
Schließ die Augen und fang an zu träumen.

0:00 0:00

 

Die gefährlichste Gegnerin war nie die auf der anderen Seite des Netzes.

Serena Vance spürte den Aufschlag in der Schulter, bevor sie ihn schlug – diese Vibration zwischen Knochen und Sehne, die ihr sagte, dass der Ball genau dort landen würde, wo sie ihn haben wollte. Der gelbe Filz verließ ihre Finger, stieg in die Abendsonne über Indian Wells, und einen Herzschlag lang hing er reglos in der Luft, ein Punkt aus Gold gegen den Himmel, der in Magenta und Violett blutete. Dann der Schlag. Sauber, flach, vernichtend. Der Ball zischte über das Netz und landete auf der Linie, knapp genug, um einen Linienrichter zum Schwitzen zu bringen.

Aber die andere Seite des Platzes war leer.

Serena stand allein auf dem Court. Halb acht abends, die Tribünen geisterhaft, das Flutlicht noch nicht eingeschaltet. Nur das surrende Cyan der Halogenlampen an den Wartungshallen warf ihr Licht über den Asphalt jenseits der Anlage, wo der kalifornische Abend feucht und schwer auf den Parkplätzen lag. Sie schlug noch einen Aufschlag. Noch einen. Jeder hart genug, um etwas zum Schweigen zu bringen, das tiefer lag als Technik.

Morgen begann das Pacific Coast Invitational. Das Turnier, das sie seit drei Jahren nicht mehr gewonnen hatte. Seit er aufgetaucht war.

Rafael Cruz.

Seinen Namen auszusprechen fühlte sich an wie Barfußlaufen über heißen Beton – unvermeidlich schmerzhaft, wenn man in Südkalifornien lebte. Er war überall. Auf den Titelseiten von Tennis Magazine, auf den Werbetafeln entlang des Highway 111, auf den Lippen jedes Kommentators, der ihre Rivalität als das Beste beschrieb, was dem Mixed-Tenniszirkus der achtziger Jahre passiert war. Die Presse nannte sie verbotene Anziehung mit Grundlinienschlägen, als wäre ihre Geschichte eine Seifenoper und kein Krieg.

Serena sammelte die Bälle ein, einen nach dem anderen, die Finger im gelben Filz, der nach Gummi und Staub roch. Die Luft schmeckte nach Chlor vom Pool des nahegelegenen Hotels und nach etwas Metallischem, das vielleicht der nahende Regen war. Sie presste drei Bälle in ihre linke Hand – ein Ritual, das ihr Vater ihr beigebracht hatte, bevor er aufgehört hatte, irgendetwas beizubringen – und drehte sich zum Ausgang.

Er lehnte am Torpfosten.

Natürlich tat er das.

Rafael Cruz trug ein schwarzes Polohemd, das an den Schultern spannte, als hätte der Stoff kapituliert, und eine weiße Trainingshose, die im Licht der Halogenlampen fast leuchtete. Sein dunkles Haar war länger als bei der letzten Begegnung in Melbourne, fiel ihm in die Stirn, und seine Augen – diese Augen, die die Farbe von frisch gebrühtem Espresso hatten und genauso heiß brannten – lagen auf ihr wie auf einem zweiten Aufschlag, den er zu lesen versuchte.

„Du bist früh", sagte er. Seine Stimme war tiefer als das Brummen der Halogenlampen.

„Du bist im Weg." Serena ging weiter, zielte auf die drei Meter Freiraum zwischen seinem Ellbogen und dem Zaun. Aber er richtete sich auf, und plötzlich existierte dieser Freiraum nicht mehr.

„Wir müssen über morgen reden."

„Nein."

„Serena."

Sein Mund formte ihren Namen, als würde er ihn kosten, und sie hasste es, wie die Silben klangen, wenn er sie sprach. Weicher. Gefährlicher. Als würde er die scharfen Kanten abschleifen, die sie so sorgfältig geschliffen hatte.

„Das Mixed ist erst am Samstag", sagte sie und blieb stehen, einen Schritt vor ihm, nah genug, um sein Aftershave zu riechen – Zedernholz und etwas Bitteres, das sie nie hatte identifizieren können, das aber in ihrem Gedächtnis klebte wie Harz auf einem Schlägergriff. „Bis dahin haben wir nichts zu besprechen."

„Die Turnierleitung hat die Setzliste geändert." Er zog ein zusammengefaltetes Papier aus seiner Hosentasche. „Du und ich. Erstes Mixed-Doppel. Zusammen."

Die Worte brauchten einen Moment, um durch die Schicht aus Erschöpfung, Schweiß und strikter Disziplin zu dringen, die Serena zwischen sich und dem Rest der Welt aufgebaut hatte. Dann verstand sie.

„Das ist ein Witz."

„Der Turnierdirektor hat einen bemerkenswert schlechten Sinn für Humor." Rafael hielt ihr das Blatt hin. Sie nahm es nicht.

„Ich spiele nicht mit dir."

„Du spielst nicht gern gegen mich. Das ist ein Unterschied."

„Es gibt keinen Unterschied. Du bist auf beiden Seiten des Netzes unerträglich."

Er lächelte. Es war kein freundliches Lächeln. Es war das Lächeln, das er aufsetzte, bevor er einen Return schlug, der seine Gegner nicht nur besiegte, sondern demütigte – kontrolliert, präzise, und mit einer Wärme in den Augen, die so gar nicht zur Kälte des Schlags passte.

„Sieben Uhr morgen früh", sagte er. „Trainingsplatz vier. Wir sollten zumindest so tun, als würden wir uns vertragen."

Er ging. Serena sah ihm nach, wie seine Silhouette in das Magenta des Abendhimmels schnitt, dunkel und definitiv, und sie bemerkte, dass ihre Hand, die das Blatt Papier nicht genommen hatte, immer noch in der Luft hing.

Sie schloss sie zur Faust.

 

 

Der Regen kam gegen drei Uhr morgens. Serena lag wach in ihrem Hotelzimmer und hörte, wie er gegen die Fensterscheibe schlug – rhythmisch, insistent, als würde jemand mit den Fingern klopfen und um Einlass bitten. Das Zimmer roch nach der Klimaanlage, die zu kalt eingestellt war, und nach der Bodylotion, die sie benutzte, seit sie sechzehn war und ihr erster Sponsor sie bezahlte. Kokosnuss und Vanille. Der Geruch von Kontrolle und Routine.

Sie dachte an Melbourne. An das Halbfinale vor achtzehn Monaten, als sie gegen Rafael im Mixed angetreten war – auf gegenüberliegenden Seiten, so wie es sein sollte – und er im dritten Satz bei Seitenwechsel nah genug an ihr vorbeigegangen war, dass sein Arm ihren streifte. Eine Berührung, die vielleicht Zufall war und vielleicht nicht, und die sich angefühlt hatte wie ein Kurzschluss unter der Haut. Sie hatte den nächsten Aufschlag ins Netz geschlagen. Den einzigen Doppelfehler des Turniers.

Nach dem Match hatte er in der Pressekonferenz gesagt: „Serena Vance ist die beste Spielerin, die ich je gesehen habe. Und die schwierigste Gegnerin, die ich je hatte." Die Journalisten hatten nach dem Subtext gegraben. Er hatte nur gelächelt. Dieses Lächeln.

Sie drehte sich auf die Seite und starrte auf das Neonschild des Hotels gegenüber, das durch den Regen flackerte – türkis und rosa, die Buchstaben zu einem Farbfleck verschmolzen. Das Bett war zu weich. Alles hier war zu weich. Kalifornien, mit seinen Palmen und seinen Sonnenuntergängen und seiner Weigerung, jemals wirklich kalt zu werden. Sie vermisste die Härte des Winters in Connecticut, wo sie aufgewachsen war. Dort hatte die Kälte einen Grund gehabt. Hier war selbst der Schmerz lauwarm.

 

 

Um sechs Uhr fünfundvierzig stand sie auf Trainingsplatz vier. Die Luft war feucht vom Nachtregen, der Asphalt dunkel, und die weißen Linien leuchteten wie Narben auf nasser Haut. Sie trug ihr Aufwärmshirt mit dem hochgeschlossenen Kragen und schlug Vorhandübungen gegen die Wand, als er kam.

Pünktlich. Natürlich.

Sie trainiert schweigend. Das war das Schlimmste an Rafael Cruz – dass Schweigen mit ihm nicht still war. Es summte. Es hatte eine Frequenz, die sie in den Zähnen spürte. Jeder Ball, den sie spielten, war ein Satz, den keiner von ihnen aussprach. Seine Rückhand – geschmeidig, schnell, mit einer Rotation, die den Ball so spät springen ließ, dass er schon vorbei war, bevor das Auge es registrierte – sagte Dinge, die sein Mund nie formulierte.

Nach einer Stunde hielt er inne. Schweißnass, das schwarze Haar an den Schläfen klebend, die Brust unter dem weißen Shirt hebend und senkend. Er stützte sich auf seinen Schläger und sah sie an.

„Du spielst zu weit hinten."

„Ich spiele, wo ich spiele."

„Im Doppel musst du nach vorn kommen. Ans Netz. Zu mir."

„Ich spiele am liebsten an der Grundlinie."

„Ich weiß. Aber morgen spielst du mit mir, nicht gegen mich. Und das heißt, du musst mir vertrauen."

Das Wort hing zwischen ihnen wie ein Lob, der zu kurz geschlagen war – in der Luft, unentschieden, und sie wussten beide, dass er auf der falschen Seite landen würde.

 

 

„Vertrauen", wiederholte sie und ließ es klingen wie eine Diagnose.

„Du sagst es, als wäre es eine Krankheit."

„Vielleicht ist es eine."

Er trat näher. Drei Schritte. Zwei. Die Entfernung, in der man einen Volleyspieler spürt, bevor man den Ball sieht. Die Entfernung, in der sein Atem ihren erreichte.

„Was hast du gegen mich, Serena?"

Es war das erste Mal, dass er es direkt fragte. Nicht in einem Interview. Nicht durch eine dritte Person. Hier, auf nassem Asphalt, mit Regentropfen, die von der Überdachung fielen und zwischen ihnen aufschlugen wie verirrte Aufschläge.

„Alles", sagte sie.

Und sie meinte es. Alles an ihm war ein Problem. Seine Präsenz auf dem Platz, die so dicht war, dass sie ihren eigenen Rhythmus störte. Seine Art, sie anzusehen, als würde er durch jede Schicht blicken, die sie zwischen sich und der Welt aufgetürmt hatte. Seine Hände, groß und ruhig, die einen Schläger hielten, als wäre er eine Verlängerung seines Nervensystems. Seine Stimme, die nachts in ihrem Kopf nachhallte, auch wenn er nichts Bedeutsames gesagt hatte.

Er war das Gegenteil von Kontrolle. Und Kontrolle war alles, was sie hatte.

 

 

Sie gewannen ihr erstes Match am Samstag in zwei Sätzen. Es war brutal und schön und machte sie wütender als eine Niederlage.

Weil es funktionierte.

Sein Spiel ergänzte ihres mit einer Präzision, die sie erschreckte. Wenn sie zurückwich, rückte er vor. Wenn sie den Winkel öffnete, schloss er ihn. Sie kommunizierten nicht – kein Handzeichen, kein Blick – und trotzdem las er ihre Bewegungen, als wären sie in einer Sprache geschrieben, die nur er verstand. Im zweiten Satz, bei Breakball, spielte sie eine Cross-Vorhand, die eigentlich zu riskant war, und er war schon am Netz, bevor der Ball die Grundlinie des Gegners erreichte, und vollierte ihn ins Eck, als hätte er den Schlag in ihren Schultern gesehen, bevor sie ihn selbst gespürt hatte.

Sie schrien nicht. Sie hoben nicht die Fäuste. Sie sahen sich an, drei Meter voneinander entfernt, und die Luft zwischen ihnen war so aufgeladen, dass Serena schwor, sie konnte sie schmecken – metallisch und warm, wie der Regen der letzten Nacht auf heißem Beton.

 

 

Am Abend fand sie ihn in der Hotelbar. Er saß allein an einem Tisch nahe dem Fenster, wo die nassen Palmen im Wind schwankten und das Neonlicht der Cocktailschilder seine Züge in Magenta und Cyan tauchte. Vor ihm stand ein Glas Bourbon, das er nicht angerührt hatte.

Sie setzte sich, ohne zu fragen.

„Du hast meinen Return im zweiten Satz gelesen", sagte sie. Keine Begrüßung. Keine Einleitung. „Wie?"

Er drehte das Glas zwischen seinen Fingern. Die Flüssigkeit fing das Licht, bernstein und ruhig.

„Deine linke Schulter."

„Was ist damit?"

„Sie sinkt zwei Zentimeter, bevor du Cross spielst. Nicht longline. Nur cross."

Die Information traf sie wie ein Passierschlag, den man nicht kommen sah. Nicht weil sie wahr war – sie konnte es nicht überprüfen –, sondern weil er sie hatte. Weil er genau genug hingesehen hatte, lange genug, aufmerksam genug, um einen Unterschied von zwei Zentimetern in ihrer Schulterhaltung zu bemerken. Das war keine Analyse. Das war Besessenheit.

„Seit wann weißt du das?"

„Seit Wimbledon. Vor zwei Jahren."

Zwei Jahre. Er hatte zwei Jahre lang ihren Körper gelesen, und sie hatte es nicht bemerkt. Oder doch. Vielleicht war genau das der Grund, warum sie neben ihm nicht atmen konnte – weil ein Teil von ihr immer gewusst hatte, dass er hinsah, und ein anderer Teil wollte, dass er nie damit aufhörte.

„Das ist –" Sie brach ab.

„Was?"

„Zu viel."

Er hob den Blick. Im Neonlicht der Bar waren seine Augen nicht espressobraun, sondern fast schwarz, mit einem Rand aus Gold, der dort brannte, wo das Türkis des Schilds sie streifte.

„Zu viel wovon?"

Sie gab keine Antwort. Stattdessen nahm sie sein Glas und trank. Der Bourbon brannte in ihrer Kehle, rauchig und warm, und sie schmeckte die Reste seines Lippenabdrucks am Rand – eine Intimität, die so klein und so enorm war, dass ihr Magen sich zusammenzog.

Er beobachtete sie. Nicht ihren Mund. Ihre Augen.

„Du hasst mich nicht", sagte er leiste.

„Nein."

„Was dann?"

Stille. Der Regen klopfte gegen das Fenster. Eine Jukebox in der Ecke spielte etwas von Fleetwood Mac – Stevie Nicks' Stimme, rau und sehnsüchtig, und die Synthesizer summten wie eine Erinnerung an etwas, das noch nicht passiert war.

„Ich hasse, dass du mich siehst", sagte Serena. „Niemand sieht mich. Nicht so."

Das Geständnis hing zwischen ihnen wie ein Ball am höchsten Punkt seines Flugs – schwerelos und unvermeidlich zugleich. Er beugte sich vor, langsam genug, dass sie hätte zurückweichen können. Tat es nicht. Seine Hand legte sich auf ihre, die das Glas umklammerte. Sein Daumen strich über ihren Knöchel, einmal, und die Berührung war so präzise und so sanft, dass sie verstand: Er spielte nicht. Nicht hier. Nicht jetzt.

„Geh mit mir", sagte er.

Keine Frage. Kein Befehl. Eine Möglichkeit, die er in den Raum legte und ihr ließ.

Sie nahm sie.

 

 

Sein Zimmer lag im dritten Stock, und das Fenster zeigte auf den Parkplatz, wo die Pfützen das Neonlicht spiegelten – Cyan und Magenta auf schwarzem Asphalt, wie eine Stadt, die unter Wasser geflossen war. Er schloss die Tür, und die Geräusche der Welt fielen weg wie ausgeknipste Scheinwerfer, und plötzlich war da nur noch sein Atem und ihrer und der Regen und das Pochen in ihren Schläfen, das nichts mit Tennis zu tun hatte.

Sie standen sich gegenüber. Zwei Schritte Abstand. Die Distanz eines Netzangriffs.

„Sag mir, dass ich aufhören soll", murmelte er. „Und ich höre auf."

Sie sah ihn an. Die nasse Strähne an seiner Schläfe. Den Schatten seiner Wangenknochen im gedämpften Licht. Die Art, wie seine Brust sich hob – kontrolliert, aber nicht ruhig, und sie kannte diesen Rhythmus, kannte ihn von den Momenten auf dem Court, wenn er sich sammelte, bevor er alles gab.

„Nicht aufhören", sagte sie.

Er trat vor. Seine Hände legten sich an ihre Taille, und die Wärme seiner Handflächen durchdrang den dünnen Stoff ihres Kleides, als würde er sie direkt auf der Haut berühren. Sie legte die Hände an seine Brust. Unter dem Hemd spürte sie seinen Herzschlag – schneller als erwartet, und das war es, dieses eine Detail, das ihren letzten Widerstand durchbrach: dass dieser Mann, der auf dem Court Kontrolle wie eine Waffe einsetzte, unter ihren Händen zitterte.

Sein Mund fand ihren, und der Kuss war kein Anfang. Er war eine Fortsetzung. Als hätten sie das schon tausendmal getan, in jedem Blick, jedem Seitenwechsel, jeder absichtlich ignorierten Berührung, und als wäre dieser Moment nur die Stelle, an der alles endlich laut wurde.

Er küsste sie langsam. Gründlich. Mit einer Aufmerksamkeit, die sie entkleidete, lange bevor seine Finger es taten. Seine Zunge streifte ihre Unterlippe, und sie öffnete sich, und der Geschmack von ihm – Bourbon und Regen und etwas Dunkles, Eigenes – füllte ihren Mund, und sie vergaß zum ersten Mal seit Jahren, strategisch zu denken.

Seine Hand glitt von ihrer Taille aufwärts, über die Kurve ihrer Rippen, langsam genug, dass jeder Zentimeter eine Frage war, die sie mit dem Bogen ihres Rückens beantwortete. Er zog den Reißverschluss ihres Kleides herunter – ein Geräusch wie ein leiser Atemzug – und der Stoff fiel von ihren Schultern, und die kühle Luft des Zimmers traf ihre nackte Haut wie ein Satzwechsel, der alles veränderte.

„Serena." Er sprach ihren Namen gegen ihre Halsbeuge, und sein Atem war heiß und unregelmäßig, und sie spürte seine Lippen, seine Zähne, die Spitze seiner Zunge an der empfindlichen Stelle unterhalb ihres Ohrs, und ein Laut löste sich aus ihrer Kehle, den sie nicht geplant hatte – rau, ungefiltert, ehrlich.

Sie zog sein Hemd über seinen Kopf. Ihre Hände glitten über seine Schultern, die Muskeln, die sie aus der Ferne kannte, die sich unter ihren Fingern jetzt anfühlten wie eine Landschaft – warm, lebendig, gezeichnet von Jahren, in denen er seinen Körper als Instrument benutzt hatte. Hier eine Narbe am Schlüsselbein – Operationsnarbe, sie hatte davon gelesen, Schulter, vor drei Jahren. Dort die harte Linie der Bauchmuskeln, die sich zusammenzog, als ihre Finger darüber glitten, und ein Atemzug, den er zwischen den Zähnen einsog und der mehr sagte als jede Pressekonferenz, die er je gegeben hatte.

Sie fielen aufs Bett. Nicht elegant. Nicht wie in den Filmen, die nach Mitternacht im Hotelfernsehen liefen. Sein Knie traf die Matratze zuerst, und er zog sie mit sich, und sie lachte – leise, überrascht, ein Geräusch, das sie nicht mehr kannte –, und sein Gesicht über ihrem war so nah, dass sie die einzelnen Wimpern zählen konnte und den winzigen Leberfleck unter seinem linken Auge, der auf keinem Foto zu sehen war.

„Was?" fragte er.

„Nichts."

„Du lachst nie."

„Ich lache."

„Nicht so."

Er hatte Recht. Das war kein Lachen, das sie kontrollierte. Es war ihr entwischt wie ein Return, den man zu spät antizipiert – über sie hinweg, bevor sie es verhindern konnte.

Seine Lippen fanden die Mulde zwischen ihren Schlüsselbeinen, und er küsste sie dort, langsam, mit offenem Mund, und seine Hand lag flach auf ihrem Bauch, und die Wärme breitete sich aus wie etwas, das zu lange unter Druck gestanden hatte und endlich nachgab. Er nahm sich Zeit. Unerträgliche, absichtliche, aufmerksame Zeit. Jene Berührung ein Satz, den er in ihre Haut schrieb, und sie las ihn mit geschlossenen Augen und offenem Mund und dem Gefühl, dass jede Schicht, die sie in zwanzig Jahren aufgebaut hatte, unter seinen Händen schmolz wie Wachs.

Und dann war da kein Stoff mehr und kein Abstand und kein Netz zwischen ihnen, nur Haut auf Haut und sein Gewicht über ihr und ihre Beine um ihn und das Geräusch, das sie machte, als er sich bewegte – leise und gebrochen und so weit entfernt von Kontrolle, dass es sich anfühlte wie Fliegen und Fallen gleichzeitig.

 

 

Danach lag er neben ihr, auf dem Rücken, den Arm über die Augen gelegt. Sein Brustkorb hob und senkte sich. Der Regen hatte aufgehört, und das Neonlicht draußen warf ein stilles Muster an die Decke – Linien aus Türkis und Rosa, die sich bewegten, wenn der Wind die Palmen schüttelte.

Serena lag auf der Seite und betrachtete ihn. Die Linie seines Profils. Die Stelle, an der sein Nacken in die Schulter überging. Ihre Hand lag auf der Matratze zwischen ihnen, einen Fingerbreit von seiner entfernt, und sie überbrückte die Distanz nicht.

„Sag etwas", sagte er.

„Was soll ich sagen?"

„Was immer du denkst."

„Ich denke, dass das ein Fehler war."

Er nahm den Arm von den Augen. Drehte den Kopf. Im schwachen Licht war sein Gesicht ruhig, aber sie sah den Muskel an seinem Kiefer arbeiten – einmal, zweimal –, und sie kannte dieses Zucken. Es war das Gleiche, das sie sah, wenn er bei 30:40 stand und entschied, ob er auf Sicherheit oder auf Risiko spielte.

„Warum?"

„Weil wir morgen wieder auf dem Platz stehen. Weil die gesamte Tenniswelt zuschaut. Weil ich nicht die Spielerin sein will, die mit ihrem Mixed-Partner schläft und dann den Fokus verliert."

„Und wenn du den Fokus nicht verlierst?"

„Dann verliere ich etwas anderes."

Er verstand. Sie sah es in der Art, wie er die Lippen zusammenpresste und den Blick zur Decke zurückwandte. Er verstand, dass es nicht um ihn ging. Dass es darum ging, was sie aufgeben musste, um ihn einzulassen – die Mauern, die Disziplin, das sorgfältig konstruierte System aus Routinen und Ritualen und strikter Einsamkeit, das sie zu der Spielerin gemacht hatte, die sie war.

„Okay", sagte er.

„Okay?"

„Ich werde dich nicht zwingen, das hier zu mögen."

Er stand auf. Zog seine Hose an. Sein Rücken war ihr zugewandt, und sie betrachtete die Linie seiner Wirbelsäule, die Schatten in den Mulden neben seinen Schulterblättern, und etwas in ihrer Brust zog sich zusammen – ein Muskel, den sie nicht kannte, an einer Stelle, die kein Training erreichte.

„Rafael."

Er drehte sich halb um.

„Es war kein Fehler", sagte sie, und ihre Stimme war leiser als beabsichtigt. „Aber es macht mir Angst."

Er nickte. Einmal. Dann ging er ins Bad, und sie hörte das Wasser laufen, und sie lag allein in einem Bett, das nach ihm roch – Zedernholz und Bourbon und Haut –, und sie presste das Gesicht in sein Kissen und atmete ein und hasste sich dafür und tat es trotzdem.

 

 

Sonntag. Zweite Runde.

Das Turnier kannte keinen Regen mehr. Der Himmel über Indian Wells war makellos, ein Blau, das so aggressiv leuchtete, dass es fast aufdringlich wirkte, und die Sonne hämmerte auf den Hartplatz, als hätte sie etwas zu beweisen. Die Tribünen waren voll. Achttausend Menschen, Sonnenbrillen und Baseballcaps und der Geruch von Sonnencreme und überteuertem Bier.

Serena und Rafael betraten den Court durch getrennte Eingänge. Sie trugen die gleichen Teamfarben – Weiß und Marineblau, die Turnierleitung hatte das entschieden –, und Serena hasste es, wie gut er neben ihr aussah, wie natürlich das Bild wirkte, das sie gemeinsam abgaben, als der Fotograf vor dem Match seine Kamera hob.

Sie lächelte nicht. Er auch nicht.

Sie spielten gegen die Andersons aus Texas – Sarah und Michael, solide Spieler, gutes Netzspiel, vorhersehbare Muster. Es hätte einfach sein sollen. Es war es nicht.

Im ersten Satz spielte Serena, als wäre eine Glaswand zwischen ihr und dem Rest des Platzes. Jeder Schlag technisch perfekt, jede Entscheidung korrekt, und trotzdem – kein Fluss. Kein Instinkt. Sie dachte zu viel. Berechnete Winkel, statt sie zu fühlen, und jedes Mal, wenn sie seine Präsenz am Netz spürte, zuckte etwas in ihrer Brust zusammen, und ihre Schläge wurden einen Millimeter ungenau, und im Tennis war ein Millimeter die Differenz zwischen Genie und Scheitern.

Seitenwechsel. 4:5. Sein Handtuch. Ihr Handtuch. Die Bank zwischen ihnen, die sich anfühlte wie der Grand Canyon.

„Du denkst zu viel", murmelte er, ohne sie anzusehen. Trank aus seiner Flasche. Wischte sich den Mund.

„Halt den Mund."

„Deine Vorhand liegt drei Zentimeter zu tief. Weil du deinen Schwungarm kontrollierst, statt ihn laufen zu lassen."

 

 

„Ich sagte, halt den Mund."

Er stellte die Flasche ab. Sah geradeaus, auf den Platz, wo die Andersons sich leise besprachen und Hände schüttelten.

„Letzte Nacht hast du nicht nachgedacht", sagte er, so leise, dass nur sie es hörte. „Und es war das Beste, was ich je erlebt habe. Auf dem Platz und –" Er brach ab. „Spiel so. Nicht gegen dich. Nicht gegen mich. Mit mir."

Sie sagte nichts. Aber im nächsten Game schlug sie eine Vorhand, die aus dem Bauch kam, nicht aus dem Kopf, und der Ball landete auf der Linie, und Rafael war am Netz und vollierte den Return ins offene Feld, und plötzlich war der Rhythmus da – brutal, instinktiv, und so synchron, dass der Kommentator etwas von „telepathischer Kommunikation" murmelte und das Publikum aufstand.

Sie holten den Satz. Gewannen den zweiten 6:3.

Am Netz, beim Handshake mit den Andersons, streifte Rafaels Hand ihren Rücken. Nicht der Shoulder-Pat, den Mixed-Partner tauschten. Tiefer. An der Stelle, an der sein Daumen letzte Nacht ihre Wirbelsäule entlanggeglitten war. Eine Berührung, die eine Sekunde dauerte und ein ganzes Gespräch enthielt.

Sie sah ihn nicht an. Aber sie wich nicht zurück.

 

 

Montag. Die Presse roch Blut.

„Vance und Cruz – Chemie auf dem Court?" titelte Tennis Weekly. „Die Rivalin und der Rivale: Was passiert, wenn Feinde Partner werden?" Die Sportseite der LA Times brachte ein Foto von ihnen beim Seitenwechsel, auf dem ihre Knie sich fast berührten, und der Bildtext war so insinuierend, dass Serena das Papier zusammenknüllte und in den Mülleimer warf, der neben ihrem Frühstückstisch stand.

Ihr Trainer, Jim Harrigan – sechzig Jahre alt, Gesicht wie gegerbtes Leder, Stimme wie Schmirgelpapier –, setzte sich ihr gegenüber und legte seine Hände auf den Tisch.

„Was zum Teufel machst du?"

„Ich esse Rührei."

„Du weißt, was ich meine."

„Wir spielen ein Turnier. Mixed-Doppel. Die Turnierleitung hat mich gezwungen."

„Ich rede nicht vom Turnier." Er beugte sich vor. „Ich habe dreißig Jahre in diesem Sport verbracht. Ich kenne den Blick."

„Welchen Blick?"

„Den, den du auf dem Court hast, wenn du neben ihm stehst. Den gleichen Blick, den du nie hattest, wenn du gegen ihn gespielt hast. Da warst du fokussiert. Jetzt bist du –" Er suchte nach dem Wort.

„Was?"

„Offen."

Das Wort traf sie härter als jede Kritik an ihrer Technik. Offen. Das war das Letzte, was sie sein durfte. Offenheit war eine Lücke in der Deckung, ein unerzwungener Fehler, ein Einladungsschild für jeden, der wusste, wo man zuschlagen musste.

„Es ist ein Turnier, Jim. Nichts weiter."

Er sah sie lange an. Dann stand er auf. An der Tür drehte er sich um.

„Dein Vater hat auch immer gesagt, es sei nichts weiter. Über alles, was ihm wichtig war."

Er ging. Und Serena saß allein mit ihrem Rührei und dem Gefühl, dass Jim Harrigan gerade die eine Sache gesagt hatte, die sie am wenigsten hören wollte.

Ihr Vater. David Vance. Ehemaliger College-Tennisspieler, der seine Karriere für eine Verletzung geopfert hatte und seine unerfüllten Träume in seine Tochter gepflanzt hatte wie Setzlinge in trockenen Boden. Er hatte sie trainiert, bis sie vierzehn war. Hatte ihr beigebracht, dass der Platz der einzige Ort war, an dem Gefühle nichts zu suchen hatten. Dass Kontrolle nicht nur eine Strategie war, sondern eine Lebensform. Dass man niemanden brauchte.

Dann hatte er ihre Mutter verlassen. Und Serena hatte gelernt, dass er Recht gehabt hatte – nicht, weil er weise war, sondern weil er der lebende Beweis war, dass man Menschen nicht vertrauen konnte, die einem sagten, Gefühle seien Schwäche.

Die Ironie brannte wie Magensäure.

 

 

Dienstag. Trainingsplatz. Allein.

Sie schlug Aufschläge, bis ihre Schulter schmerzte und der Schmerz sich gut anfühlte, weil er vertraut war. Kontrollierbar. Ihr Schmerz. Nicht seiner. Sie zählte nicht mit. Irgendwann war der Ballkorb leer, und sie stand auf dem Platz und atmete, und die Luft war heiß und trocken und schmeckte nach nichts, und das war genau das, was sie brauchte.

Ihr Telefon summte. Eine Nachricht.

Du fehlst auf Platz 4. – R

Sie starrte auf den Bildschirm, und die sechs Worte leuchteten wie Neonbuchstaben im Dunkeln. Du fehlst. Nicht: Wo bist du? Nicht: Wir müssen trainieren. Du fehlst.

Sie antwortete nicht. Löschte die Nachricht. Öffnete sie im Papierkorb wieder. Löschte sie erneut. Schloss das Telefon.

Am Abend, als sie den Fitnessraum des Hotels betrat, war er da. Auf der Rudermaschine, das Shirt schweißdunkel, die Züge gleichmäßig und kraftvoll, und sie hätte umdrehen können. Sie hätte auf ihr Zimmer gehen können, den Fernseher einschalten, das Neonlicht des gegenüberliegenden Hotels betrachten und so tun, als wäre alles unter Kontrolle.

Stattdessen setzte sie sich auf das Fahrrad neben ihm und trat in die Pedale, und sie trainierten nebeneinander, schweigend, dreißig Minuten lang. Die einzigen Geräusche waren das Surren der Maschinen und ihr Atem, und das Schweigen summte wieder, hatte wieder diese Frequenz, die sie in den Zähnen spürte, und als ihre dreißig Minuten vorbei waren, stieg sie ab und sagte, ohne ihn anzusehen:

„Morgen. Platz vier. Sieben Uhr."

Sie ging, bevor er antworten konnte.

 

 

Mittwoch. Viertelfinale.

Gegen die Brennans – er Australier, sie Britin, beide mit der Aggressivität von Spielern, die nichts zu verlieren hatten. Und es war das Match, in dem etwas passierte, das Serena nicht einplanen konnte.

Zweiter Satz, Tiebreak, 5:6. Rafaels Aufschlag. Er warf den Ball, und Serena sah den Schwung, und sie wusste – in der Art, wie man Dinge auf dem Platz weiß, nicht mit dem Kopf, sondern mit der Wirbelsäule –, dass der Aufschlag zu kurz kommen würde. Der Australier stand bereit. Return auf ihre Seite. Hart, flach, Richtung Körper.

Sie reagierte. Nicht strategisch. Instinktiv. Trat vor, öffnete die Vorhand, und in der Millisekunde, in der ihr Schläger den Ball traf, spürte sie den Stich. Scharf, heiß, links im Oberschenkel. Ein Muskel, der schrie.

Sie spielte den Punkt zu Ende. Gewann ihn. Und dann stand sie da, den Schläger in der Hand, und die Welt kippte um zwei Grad zur Seite.

Rafael war sofort bei ihr. Noch bevor der Schiedsrichter die Pause ankündigte. Noch bevor der Physiotherapeut vom Rand des Platzes losrannte.

„Wo?" Seine Stimme war niedrig, drängend.

„Oberschenkel. Links. Es ist –"

 

 

„Setz dich."

„Es ist nichts –"

„Serena. Setz dich."

Die Art, wie er es sagte. Nicht als Befehl. Als etwas, das tiefer lag, ehrlicher, nackter. Sie setzte sich. Der Physio kam, tastete, dehnte, murmelte etwas von Zerrung, kein Riss, Eis, Pause. Die Tribüne raunte. Die Kamera zoomte.

Und Rafael kniete neben ihr auf dem heißen Asphalt, eine Hand auf ihrem Knie, und in seinen Augen stand etwas, das sie noch nie dort gesehen hatte. Nicht Sorge. Nicht Mitleid. Angst. Echte, ungefilterte, unkontrollierte Angst.

„Es geht mir gut", sagte sie.

„Lüg mich nicht an."

„Es ist eine Zerrung, kein Kreuzbandriss."

„Ich rede nicht von deinem Bein."

Die Worte blieben zwischen ihnen hängen, mitten auf dem Court, vor achttausend Menschen und drei Fernsehkameras, und Serena sah in sein Gesicht und verstand, dass dieser Mann – dieser unmögliche, unerträgliche, unausweichliche Mann – sich nicht um das Match sorgte. Nicht um das Turnier. Er sorgte sich um sie.

Sie spielten weiter. Sie gewannen. Serena humpelte nach dem Matchball vom Platz, und Rafael ging neben ihr, nicht berührend, aber nah genug, dass sein Schatten ihren überlagerte, und das Publikum applaudierte, und die Kameras blitzten, und sie hörte nichts davon.

Im Spielertunnel, wo das Licht kalt und neonweiß war und die Wände nach Desinfektionsmittel rochen, blieb sie stehen. Er blieb neben ihr stehen. Sie lehnte sich gegen die Wand, das Gewicht auf dem rechten Bein, und sah ihn an.

 

 

„Danke", sagte sie.

Es war das erste Mal, dass sie ihm dankte. Für irgendetwas. Und das Wort fühlte sich in ihrem Mund an wie eine Fremdsprache, die sie gerade erst zu lernen begann.

Er sagte nichts. Legte nur seine Hand an die Wand neben ihrem Kopf, und sein Arm bildete einen Bogen über ihr, und sie stand in dem Raum, den er schuf, und er roch nach Schweiß und Sonnencreme und Zedernholz und nach dem Match, das sie gemeinsam gewonnen hatten, und sie hob die Hand und legte sie an seine Wange.

Rau. Warm. Real.

Er schloss die Augen. Drehte den Kopf in ihre Berührung, ein Millimeter, und seine Lippen streiften ihre Handfläche, und die Geste war so klein und so verwüstend, dass etwas in Serena brach – nicht zusammen, sondern auf. Wie eine Tür, die zu lange verschlossen war.

„Freitag", sagte sie. „Halbfinale."

„Freitag."

„Wir sollten trainieren."

„Morgen."

„Morgen."

Er löste sich von der Wand. Ging den Tunnel hinunter, Richtung Umkleide. Drei Schritte. Fünf. Zehn. Sie zählte sie, wie sie Aufschläge zählte – automatisch, wie ein Herzschlag.

„Rafael."

Er drehte sich um.

„Meine linke Schulter", sagte sie. „Vor der Rückhand longline geht sie nach oben. Drei Zentimeter. Nicht zwei."

Ein Lächeln. Kein Raubtier-Lächeln. Kein Strategenlächeln. Ein echtes. Es veränderte sein ganzes Gesicht, machte es jünger, weicher, und sie sah zum ersten Mal den Jungen, der er gewesen sein musste, bevor der Sport ihn in eine Waffe verwandelt hatte.

„Ich weiß", sagte er. „Aber ich wollte sehen, ob du es weißt."

Er ging. Und Serena stand im Neonlicht des Tunnels und lachte. Leise. Unkontrolliert. Ehrlich.

 

 

Donnerstag. Ruhetag.

Die Zerrung war mild genug, dass der Physio sie freigab, streng genug, dass Jim Harrigan ihr das Training verbot. Serena verbrachte den Morgen im Eisbad und den Nachmittag damit, Matchaufnahmen der Halbfinalgegner zu studieren – die Petrovs, eine Geschwisterpaarung aus der Sowjetunion, die mit einer Brutalität spielten, die an Bestrafung grenzte.

Um vier Uhr klopfte es an ihre Zimmertür.

Sie öffnete. Rafael stand im Flur, in Jeans und einem marineblauen Henley, das seine Augen dunkler machte, und in der Hand hielt er eine Papiertüte.

„Was ist das?"

„Essen." Er trat ein, ohne auf eine Einladung zu warten, und sie ließ ihn, weil sie müde war und weil Widerstand gegen Rafael Cruz mehr Energie kostete, als sie heute hatte. Er stellte die Tüte auf den Schreibtisch und holte Styroporbehälter hervor. Der Geruch von gegrilltem Fleisch und geröstetem Knoblauch füllte das Zimmer.

„Carne asada", sagte er. „Vom Laden an der 111. Meine Mutter sagt, Fleisch heilt alles."

„Deine Mutter kennt mich nicht."

„Sie hat dein Halbfinale in Melbourne gesehen. Sie sagt, du hast die Augen einer Kriegerin."

Serena öffnete den Behälter. Das Fleisch war perfekt – dunkle Krusten an den Rändern, innen rosa, daneben schwarze Bohnen und eine Salsa, die nach Limette und Koriander roch. Sie aß. Er aß. Sie saßen am Schreibtisch und auf dem Bett und teilten eine Mahlzeit, als wäre es die einfachste Sache der Welt, und das Fenster stand offen, und der Abendwind trug den Geruch von Jasmin herein, und Serena dachte: Das ist es. Das ist die Gefahr. Nicht der Sex. Nicht die Berührungen. Die Normalität. Die Möglichkeit, dass das hier Alltag sein könnte.

„Erzähl mir von deinem Vater", sagte er.

Sie hielt inne. Gabel in der Luft. Sein Blick war ruhig, wartend, ohne Druck.

„Warum?"

„Weil du jedes Mal, wenn jemand von Vertrauen spricht, aussiehst wie jemand, der sich an eine Verbrennung erinnert."

Die Präzision seiner Beobachtung traf sie wie eine seiner Rückhände – spät, schnell, und an einer Stelle, die sie nicht geschützt hatte.

„Er war mein erster Trainer", sagte sie. Langsam. Die Worte kamen einzeln, wie Bälle aus einer Maschine, deren Geschwindigkeit sie nicht kontrollierte. „Er hat mich alles gelehrt, was ich über Tennis weiß. Und dann hat er uns verlassen. Meine Mutter. Mich. Ohne Erklärung. Ohne Abschied. Eines Morgens war er einfach nicht mehr da."

Stille.

„Ich war vierzehn", sagte sie. „Und ich habe gelernt, dass Menschen, die dir beibringen, wie man stark ist, nicht unbedingt stark genug sind, um zu bleiben."

Er legte seine Gabel ab. Stand auf. Setzte sich neben sie auf das Bett, nah genug, dass ihre Knie sich berührten, und nicht näher.

„Ich bin nicht dein Vater", sagte er.

„Das weiß ich."

„Weißt du es? Oder sagst du es?"

Sie sah ihn an. In seinen Augen war kein Mitleid. Keine therapeutische Sanftheit. Da war etwas Härteres, Ehrlicheres – die Direktheit eines Spielers, der weiß, dass Höflichkeit beim entscheidenden Punkt nichts verloren hat.

„Ich sage es", gab sie zu. „Das Wissen kommt langsamer."

Er nickte. Legte seinen Arm nicht um sie. Nahm ihre Hand nicht. Saß einfach da, seine Wärme neben ihrer, und ließ das Schweigen summen, und diesmal summte es anders. Nicht wie Spannung. Wie Ruhe.

Irgendwann lehnte sie ihren Kopf an seine Schulter. Er bewegte sich nicht. Sie schloss die Augen.

„Morgen spielen wir gegen die Petrovs", sagte sie.

„Ja."

„Sie werden auf meine Rückhand zielen. Wegen des Beins."

„Ich weiß. Deshalb stehe ich links."

„Du stehst immer links."

„Weil du immer rechts stehst. Selbst wenn du es nicht solltest."

Sie lächelte. Gegen seinen Ärmel. Und sein Arm hob sich, langsam, und legte sich um ihre Schulter, und sie ließ es zu, und der Jasmin wehte durchs offene Fenster, und für fünf Minuten war die Welt nichts als das.

 

 

Freitag. Halbfinale.

Die Petrovs waren alles, was die Aufnahmen versprochen hatten, und mehr. Nadia Petrova – groß, blond, mit Unterarmen wie Stahlkabel – schlug eine Vorhand, die physisch wehtat, wenn man sie blocken musste. Ihr Bruder Alexei spielte am Netz mit der Geduld einer Spinne und der Reflexe einer Katze.

Erster Satz: Petrov/Petrova. 6:4. Brutal.

Im Seitenwechsel sagte Rafael kein Wort. Aber er hielt ihr die Wasserflasche hin, mit dem Deckel schon geöffnet, und als sie trank, sagte er leiste: „Zweiter Satz. Ich stelle auf Australian Formation um. Du servierst auf Nadias Rückhand."

Es war ein Risiko. Australian Formation – beide Spieler auf der gleichen Seite des Platzes vor dem Aufschlag – war eine Taktik, die perfektes Timing verlangte und absolutes Vertrauen, dass der Partner den freien Raum decken würde, den man hinterließ.

„Das ist verrückt", sagte Serena.

„Du spielst dein bestes Tennis, wenn es verrückt ist."

„Das ist keine Analyse. Das ist ein Kompliment."

„Beides."

Zweiter Satz. Serena servierte, und Rafael stand dort, wo er nicht stehen sollte, und die Petrovs zögerten – eine halbe Sekunde Verwirrung, die im Tennis eine Ewigkeit war –, und Rafael vollierte den Return ins offene Feld, bevor Alexei sich orientiert hatte. Und dann noch einmal. Und wieder.

Sie brachen den Aufschlag der Petrovs im siebten Game. Im achten schlug Serena ein Ass auf die T-Linie, das der Radar mit 178 km/h maß, und Rafael drehte sich zu ihr um und seine Augen sagten etwas, das kein Kommentator der Welt hätte übersetzen können.

Zweiter Satz: Vance/Cruz. 6:3.

Dritter Satz. Der Court war ein Kriegsgebiet. Die Sonne brannte, der Schweiß lief, und jeder Punkt war ein eigenes Drama. Bei 5:5 schlug Nadia eine Vorhand, die wie ein Geschoss auf Serenas verletzte Seite zuflog, und Serena spürte den Stich im Oberschenkel und wusste, dass sie den Ball nicht erreichen würde, und dann war da ein Schatten neben ihr – Rafael, der den Ball hatte, der vor ihr stand, der den Return genommen hatte, der nicht seiner war, weil er ihren Körper besser kannte als sie selbst.

Der Ball landete im Netz. Sein Ball. Sein Fehler. Er hatte das Risiko genommen und verloren.

Er drehte sich zu ihr. Schweiß auf der Stirn. Atem keuchend.

„Sorry", sagte er.

Und sie sah ihn an, diesen Mann, der lieber seinen eigenen Punkt opferte, als zuzusehen, wie sie sich verletzte, und etwas in ihr brach endgültig auf – nicht wie eine Tür diesmal, sondern wie ein Damm, und alles, was dahinter gestaut hatte, strömte durch sie hindurch, warm und überwältigend und unaufhaltbar.

„Nicht sorry", sagte sie. „Nie sorry."

 

 

Sie gewannen den Tiebreak. 7:5. Als der letzte Ball landete – Rafaels Volley, genau auf der Linie, die Linienrichterin nickte mit geschlossenen Augen –, stand Serena am Netz und er hinter ihr, und sie drehte sich um, und er war da, und sie legte die Arme um ihn.

Vor achttausend Menschen. Vor drei Fernsehkameras. Vor Jim Harrigan, der am Rand des Platzes stand und den Kopf schüttelte und zum ersten Mal seit dreißig Jahren im Tennis lächelte.

Sie hielt ihn fest. Presste ihr Gesicht gegen seinen Hals. Spürte seinen Puls unter ihren Lippen, schnell und wild und lebendig. Und er hielt sie, seine Arme um ihren Rücken, fest genug, dass sie wusste: Er würde nicht loslassen. Nicht zuerst. Nicht freiwillig.

„Morgen", flüsterte er in ihr Haar. „Finale."

„Morgen", flüsterte sie zurück. „Alles."

 

 

Samstag. Finale. Abend.

Die Tribünen waren ausverkauft. Zehntausend Menschen, und die Flutlichter tauchten den Platz in weißes Licht, das so scharf war, dass es Schatten schnitt. Die Luft schmeckte nach Hochspannung und nach dem Popcorn, das drei Reihen hinter der Grundlinie verkauft wurde.

Ihre Gegner: die Caswells aus England. Er ein ehemaliger Wimbledon-Halbfinalist mit einem Aufschlag wie ein Vorschlaghammer. Sie eine ehemalige Nummer drei der Welt mit einer Rückhand, die Winkel fand, die nicht existieren sollten.

Serena stand an der Grundlinie und spürte den Ball in der Hand – gelber Filz, Gummi, Staub – und hinter dem Netz standen zwei der besten Spieler der Welt, und neben ihr stand Rafael Cruz, und sie hatte keine Angst.

Das war das Neue. Die Abwesenheit der Angst. Nicht, weil sie verschwunden war, sondern weil sie ihren Platz gewechselt hatte. Angst war nicht mehr der Gegner. Angst war die Zuschauerin, die vom Rand aus zusah und nichts tun konnte.

Sie spielten.

Erster Satz, Vance/Cruz. 7:5. Hart erkämpft. Der zweite ging an die Caswells, 6:4, und Serena spürte die Zerrung pochen und biss sich auf die Innenseite der Wange, bis sie Blut schmeckte.

Dritter Satz. Entscheidung.

Bei 4:4, 30:30, schlug Rafael einen Aufschlag, der zu kurz kam. Der Engländer hämmerte den Return auf Serenas Seite. Sie trat vor – nicht zurück, nicht an die Grundlinie, wo sie sich am sichersten fühlte, sondern vor, ans Netz, dorthin, wo Rafael sie seit dem ersten Training haben wollte. Der Ball kam. Sie vollierte. Kurz, schneidend, mit einem Handgelenkflick, der alles war, was er ihr beigebracht hatte, ohne ein Wort zu sagen.

Der Ball landete im Eck. Unerreichbar.

40:30.

Rafael sah sie an. Über das Netz, das zwischen ihnen lag – nicht mehr als Barriere, sondern als die Linie, die definierte, wo ihre Seite endete und seine begann, und die trotzdem nur eine Linie war, kein Hindernis. Seine Augen sagten: Da bist du ja.

Matchball.

Serena warf den Ball in die Luft. Er stieg in das Flutlicht, ein Punkt aus Gold gegen das schwarze Nichts des Nachthimmels, und sie spürte den Aufschlag in der Schulter, bevor sie ihn schlug – diese Vibration zwischen Knochen und Sehne, die ihr sagte, dass der Ball genau dort landen würde, wo sie ihn haben wollte.

Der Schlag. Sauber, flach, vernichtend.

Ass.

Die Tribüne explodierte. Zehntausend Menschen, auf den Beinen, und der Lärm war körperlich, eine Wand aus Klang, die gegen ihre Brust drückte. Serena stand auf dem Court und spürte den Ball nicht mehr in der Hand und den Schmerz nicht mehr im Bein und die Angst nicht mehr in der Brust.

Rafael stand neben ihr. Dann vor ihr. Dann so nah, dass sie seinen Atem auf ihren Lippen spürte, Bourbon und Regen und etwas Dunkles, Eigenes, und er legte seine Hand an ihre Wange, und sein Daumen strich über ihre Unterlippe, und er sagte nichts, und sie sagte nichts, und dann küsste er sie.

Vor zehntausend Menschen. Vor den Kameras, die live sendeten. Vor Jim Harrigan, der die Hände über dem Kopf zusammenschlug und sich umdrehte und ging und am nächsten Morgen sagen würde: „Ich trainiere Tennis, keine Seifenoper."

Es war kein strategischer Kuss. Es war kein Kuss für die Kameras. Es war ein Kuss, der schmeckte wie Salz und Sieg und das Ende eines Krieges, den sie beide zu lange geführt hatten – gegen den andere, gegen sich selbst, gegen die Möglichkeit, dass Stärke nicht bedeutete, allein zu sein.

 

 

Als sie sich lösten, legte Serena ihre Stirn gegen seine. Die Menge tobte. Das Flutlicht brannte. Irgendwo spielte jemand Musik, und sie konnte sie nicht hören.

„Ich hasse dich immer noch", flüsterte sie.

Er lächelte. Das echte Lächeln. Das, das ihn jünger machte und weicher und zu dem Jungen, der er gewesen war, bevor der Sport ihn in eine Waffe verwandelt hatte.

„Ich weiß", sagte er. „Ich hasse dich auch."

Und sie standen auf dem Court, im Licht, im Lärm, im Zentrum von allem, und Serena verstand zum ersten Mal, dass die gefährlichste Gegnerin nie die auf der anderen Seite des Netzes gewesen war.

Sie war die Stimme in ihrem eigenen Kopf gewesen, die ihr gesagt hatte, dass Kontrolle wichtiger war als Verbindung. Dass Stärke Einsamkeit bedeutete. Dass man, wenn man niemanden brauchte, auch niemanden verlieren konnte.

Die Stimme war nicht verschwunden. Sie würde nie ganz verschwinden. Aber sie war leiser geworden. Und an ihrer Stelle war etwas Neues – laut und warm und unordentlich und absolut unkontrollierbar.

Rafael nahm ihre Hand. Sie ließen den Platz hinter sich. Die Trophäe konnten sie später holen.

Sie hatten Zeit.

Deine Anmeldung konnte nicht gespeichert werden. Bitte versuche es erneut.
Danke. Bitte bestätige jetzt deine Anmeldung in der Mail die wir dir geschickt haben.

Kostenfrei anmelden und 2 exklusive E-Books erhalten

Im Narrabelle-Newsletter bekommst du von Zeit zu Zeit Updates, Infos und exklusive Geschichten.

Zum Start bekommst du 2 exklusive E-Books mit Geschichten (inklusive Audio-Version zum Anhören).


„Salz und Adrenalin“ entführt dich an die sonnenhellen Strände Portugals - warm, frei, salzig:

Bild eines kostenlosen E-Books. Auf dem Cover ist eine Frau am Strand mit einem Surfbrett in der Hand zu sehen.


„Der Funken im Schnee“ führt dich in einen Winter voller Nähe und leiser Leidenschaft:

Bild eines kostenlosen E-Books. Auf dem Cover küssen sich eine Frau und ein Mann in der Tür einer Holzhütte.

Weitere Stories

Auf derselben Seite des Netzes
Dramatic

Auf derselben Seite des Netzes

Serena Vance hat ihr Leben auf dem Court perfekt unter Kontrolle. Bis sie gezwungen wird, mit ihrem Erzfeind Rafael Cruz im Mixed-Doppel anzutreten. Er ist laut, leidenschaftlich und ihr absolutes ...

Zur Geschichte
Tinte in Chicago
Forbidden Love

Tinte in Chicago

Eine verbotene Liebesgeschichte im Chicago der 1920er zwischen einer Korrektorin und dem undurchdringlichen Druckereibesitzer, der ihre Stadt regiert.

Zur Geschichte
Von der Nacht berührt
Emotionally Guarded

Von der Nacht berührt

Einsam und schlaflos in Berlin: In Lenas Wohnung verdichten sich die Schatten. Eine mysteriöse Präsenz bietet ihr Trost an. Aber kann sie einem Wesen vertrauen, das ihre Dunkelheit mit ihr teilt?

Zur Geschichte
>