
16 Stockwerke bis zu dir
Die Septembernacht in Schwabing roch nach warmem Asphalt und dem süßlichen Rauch der Heizpilze, die jemand auf der Dachterrasse aufgestellt hatte, obwohl es nicht kalt war. Johanna trat aus dem gläsernen Aufzug, und für einen Moment hielt sie sich an dem Geländer fest, das die Plattform vom Abgrund trennte. Acht Stockwerke unter ihr lag die Leopoldstraße wie eine offene Ader, pulsierend in Bernstein und Rot. Über ihr stand der Himmel in jenem Ton, den sie als Achtjährige zum ersten Mal hatte mischen wollen und nie ganz traf: tiefes Indigo mit einem Rest Tagesgold am Rand.
Sie hatte die Skizzenmappe unter den Arm geklemmt, weil sie sich ohne sie falsch angezogen gefühlt hätte. Das schwarze Seidenkleid war Felix' Idee gewesen, oder eher seine SMS um sechzehn Uhr: *Bitte, zieh was an, das nicht nach Tusche aussieht.* Sie hatte gelacht und es trotzdem getan, und jetzt klebte ihr der Stoff am Rücken, weil der Aufzug zu lange gebraucht hatte.
Felix sah sie zuerst. Er kam quer über die Terrasse auf sie zu, ein Champagnerglas in jeder Hand, das Hemd halb aufgeknöpft, mit jenem Lachen, das er sich in den letzten zwei Jahren angeeignet hatte, seit er offiziell „erfolgreich" war. Investoren-Lachen, dachte sie. Lachen, das weiß, wer im Raum steht.
„Du bist gekommen", sagte er und küsste sie auf die Wange. Seine Lippen waren kalt vom Glas. „Ich dachte, du würdest absagen."
„Ich habe überlegt."
„Trink." Er drückte ihr das Glas in die Hand. „Und sei nett zu den Leuten. Sie zahlen mein Leben."
Sie wollte etwas erwidern, aber Felix war schon halb weitergedreht, die Hand hob sich winkend, und im Aufschwung dieser Geste sah sie ihn. Nico stand an der Brüstung an der Südseite, mit dem Rücken zur Skyline, ein Glas in der Hand, das er nicht trank. Er sah sie an. Er sah sie an, wie ein Mann eine Information einordnet, ruhig, sachlich, ohne Begrüßung im Gesicht.
Sie kannte diesen Blick. Sie hatte ihn als Sechzehnjährige zum letzten Mal aus der Nähe gesehen, an einem Sonntagmorgen in der Küche ihrer Eltern, als er und Felix nach einer durchwachten Nacht Toast gegessen hatten und sie in Schlafshorts hereingestolpert war. Damals hatte er sie genauso gemustert. Kurz. Eine Sekunde. Dann hatte er weggesehen, als wäre sie nichts, was ihn betraf, und sie hatte zwölf Jahre gebraucht, um zu begreifen, dass das die teuerste Art von Verachtung war: die kalkulierte Unauffälligkeit eines Mannes, der einen jüngeren Menschen einsortiert und für unwichtig befunden hat.
Sie ging nicht zu ihm. Sie ging zu dem niedrigen Tisch, auf dem Felix die Mappe deponiert hatte. Sie legte die Skizzen daneben, weil sie ihm später ein paar Entwürfe zeigen wollte, und in dem Moment, als sie sich aufrichtete, war Nico schon da.
Er war groß. Größer als in ihrer Erinnerung, oder vielleicht hatte er sich nur die Art angewöhnt, in einem Raum so zu stehen, dass man die Höhe spürte. Hellblaues Hemd, die obersten zwei Knöpfe offen, kein Sakko. Die Uhr an seinem Handgelenk war alt, kein Statussymbol, eher ein Erbstück. Daran erkannte man Männer wie ihn: an der Selbstverständlichkeit, mit der sie trugen, was sie trugen.
„Johanna." Er sagte ihren Namen, als hätte er ihn lange nicht ausgesprochen und prüfte, ob er ihm noch vertraut auf der Zunge lag.
Sie hob das Glas an die Lippen, um nichts antworten zu müssen. Der Champagner war zu warm, eine dünne Säure, die sich an der Zunge festsetzte.
„Felix hat mir gar nicht gesagt, dass du illustrierst." Nicos Stimme war leise, gerade so, dass sie unter dem Stimmengewirr lag und sie zwang, ihn anzusehen. „Er hat nur gesagt, seine Schwester macht Kunst. Das klang wie eine Krankheit, die man höflich umgeht."
„Felix hat in seiner Welt nur Platz für Zahlen, die man addieren kann."
Ein kurzes Lachen. Es entkam seinem Hals, ohne sein Lächeln zu erreichen. Sie merkte sich das.
„Darf ich?" Er nickte zur Mappe. Sie zögerte eine Sekunde länger, als sie es bei jemand anderem getan hätte, dann gab sie ihm den Karton. Er schlug ihn auf, ohne nachzufragen, welches Blatt zuerst, und sie sah, wie er die Skizzen durchblätterte, langsam, ohne Höflichkeitslächeln. Bei dem dritten Blatt hielt er inne. Es war eine Tuschestudie: ein Mann, der eine Hand auf die Brust eines anderen legte, halb Schutz, halb Drohung. Sie hatte nicht gewollt, dass Felix dieses Blatt sah. Sie hatte vergessen, es herauszunehmen.
Nico sah lange darauf. Dann klappte er die Mappe zu. „Wer hat dir das beigebracht?"
„Was?"
„Den Druck im Handgelenk. Das lernt man an keiner Akademie."
Ihr wurde heiß im Nacken. „Niemand. Das macht sich."
„Das macht sich nicht." Er legte die Mappe zurück auf den Tisch, präzise, parallel zur Kante. „Aber du willst das jetzt nicht hören. Verstanden."
Felix kam zurück, lachend, einen Arm um eine Frau in Goldhosen, und schob sich zwischen sie. „Ah, ihr habt euch gefunden. Nico, sei vorsichtig, sie zeichnet alles mit, was sie sieht."
„Das hoffe ich", sagte Nico.
Johanna trank das Glas leer.
Am nächsten Morgen wachte sie mit einem Geschmack im Mund auf, der nicht vom Champagner kam.
Das Werksviertel sah bei Tageslicht aus wie ein Architekturmodell, dem jemand zu viel Geld gegeben hatte. Beton, Glas, ein paar Birken, die so geometrisch standen, dass sie wie eingepflanzt wirkten. Im fünften Stock saß Felix in einer Glasbox und telefonierte, und Johanna wartete an einem dieser sinnlosen Stehtische, die in Großraumbüros zwischen die Wege gestellt werden, damit man nirgendwo richtig ankommt.
„Tut mir leid." Felix kam heraus, die Krawatte schon halb geöffnet, obwohl es zehn Uhr morgens war. „Hongkong. Du weißt schon."
„Ich weiß nichts."
„Eben." Er grinste. „Hör zu, wegen gestern. Nico." Er kratzte sich am Nacken, eine Geste, die er von ihrem Vater hatte, und sie zog innerlich zusammen. „Er ist mein bester Freund, klar. Aber so unter uns. Er ist so."
„So wie."
„Charmant. Berechnend. Er macht das nicht aus Bosheit, das ist sein Betriebssystem. Er hat zwei Investorinnen genau auf diese Art um den Finger gewickelt, bevor er sie professionell brauchte. Beide haben hinterher unterschrieben. Eine hat geweint." Felix sagte das, als wäre es ein technisches Detail. „Ich sag dir das nur, weil du meine Schwester bist. Bleib auf Distanz. Er ist kein Mann für etwas, das hält."
Sie nickte, einmal. „Danke."
„Bist du sauer?"
„Wieso sollte ich sauer sein."
Sie fuhr nicht hoch in das vierte Stockwerk, wo Nicos Büro lag, obwohl sie eigentlich noch zwei Entwurfsblätter abgeben wollte. Sie schickte sie per Mail.
Drei Tage lang arbeitete sie wie jemand, der einer Sache davonläuft, die schneller ist als sie selbst. Sie schloss sich im Atelier ein, einem Souterrain in der Tumblingerstraße, in dem es nach Leinöl, kaltem Kaffee und dem feuchten Stein der Außenmauer roch. Sie zeichnete, bis ihr das Handgelenk wehtat. Sie zeichnete Felix, sie zeichnete die Goldhosen-Frau von der Terrasse, sie zeichnete den Champagnerkellner. Sie zeichnete alles, was nicht Nico Hartner war, und auf jedem Blatt war seine Hand mitgewandert, der Druck im Handgelenk, von dem er gewusst hatte, dass ihn niemand sieht.
Am vierten Abend, kurz nach zehn, klingelte es an der Atelier-Tür.
Sie wusste sofort, wer das war. Niemand sonst klingelte ohne Ankündigung. Felix hatte einen Schlüssel und nutzte ihn nie. Ihre Mutter rief vorher an. Lieferdienste blieben oben an der Glastür und tippten Nummern.
Sie öffnete im hochgekrempelten Hemd ihres Vaters, mit Tusche am rechten Daumen und einem Haargummi um das Handgelenk, weil das Haar irgendwann im Weg gewesen war. Nico stand auf der untersten Stufe, eine Hand in der Hosentasche, in der anderen die Mappe, die sie auf der Terrasse vergessen hatte. Er trug keinen Mantel, obwohl die Nacht abgekühlt hatte. Er sah aus wie jemand, der nicht überlegt hatte, ob er kommt, sondern nur, wie lange er bleibt.
„Felix weiß nicht, dass ich hier bin", sagte er, ohne Begrüßung.
„Das habe ich angenommen."
„Ich gebe dir die Mappe zurück."
„Die hättest du Felix geben können."
„Ja." Er trat einen Schritt in den Türrahmen. „Hätte ich."
Sie ließ ihn rein, weil das Gegenteil eine Lüge gewesen wäre. Im Atelier brannte nur die Arbeitslampe über dem Tisch, ein Lichtkegel auf einem Blatt, das sie eine Stunde lang nicht weitergeführt hatte. Der Rest des Raumes lag in jenem warmen Halbdunkel, in dem Möbel zu Schatten werden und die Wände näher kommen, als sie sind.
Er stellte die Mappe ab. Er sah sich um, ohne zu kommentieren, und das war das Höflichste, was er hätte tun können. Sie hatte sich auf einen Satz vorbereitet, mit dem sie ihn rauswerfen würde, falls er ein Wort über das Chaos verlor.
„Felix hat dir gesagt, was ich für ein Mann bin", sagte er stattdessen. Eine Feststellung.
„Er hat mir gesagt, du seist berechnend. Dass zwei Investorinnen geweint haben."
„Eine. Und nicht meinetwegen. Aber das spielt jetzt keine Rolle." Er drehte sich zu ihr um. „Er hat recht in dem, worauf es ankommt. Ich rechne. Ich höre nicht auf zu rechnen. Auch jetzt nicht."
„Und was rechnest du gerade aus."
„Wie viel mich das kostet, hier zu stehen."
Sie spürte, wie die Luft im Raum dünner wurde. Sie hatte das in Filmen gesehen und nie geglaubt. Jetzt stand sie zwei Meter von einem Mann entfernt, und die Distanz war eine Substanz, die zwischen ihnen pulsierte, dichter als Luft.
„Geh", sagte sie. Es kam leise heraus, und sie hörte selbst, dass es keine Anweisung war.
„Sag es noch einmal."
Sie sagte es nicht.
Er kam zu ihr, langsam, als gäbe er ihr in jedem Schritt die Möglichkeit, zurückzutreten. Sie tat es nicht. Als er vor ihr stand, war er so nah, dass sie das saubere, leicht herbe Aftershave roch, etwas mit Zedernholz, und darunter Haut, die einen langen Tag hinter sich hatte. Er hob eine Hand und legte sie an ihren Kiefer, den Daumen sanft an ihrer Wange, als wäre sie etwas, das man halten, aber niemals festhalten durfte.
Sie hob die Hand und legte sie auf seinen Unterarm. Über dem Hemdstoff spürte sie die Sehne, die sich bewegte, weil er die Finger an ihrem Kiefer leicht spreizte, eine winzige Korrektur, die ihr durch den ganzen Körper ging.
„Wenn du das jetzt machst", sagte sie, „dann nicht halb."
„Ich mache nichts halb."
Er küsste sie. Es war eine Bestätigung von etwas, das seit der Terrasse gewartet hatte. Sein Mund schmeckte nach dem Espresso, den er um neun getrunken hatte, und nach etwas Salzigem, vielleicht vom Weg hierher zu Fuß. Sie öffnete sich ihm, weil alles andere eine Lüge gewesen wäre, und seine Zunge fand ihre, langsam, präzise, mit derselben Konzentration, mit der er die Mappe aufgeschlagen hatte.
Sie zog ihn am Hemd zum Arbeitstisch. Skizzen rutschten, ein Glas mit Pinselwasser kippte und ergoss sich in dunklen Bahnen über ein Blatt, das ihr egal wurde in dem Moment, als sie sah, wie er es sah und nichts sagte. Er hob sie auf die Kante. Das Seidenkleid trug sie nicht mehr, nur das Männerhemd ihres Vaters, und er öffnete die Knöpfe einzeln, von oben nach unten, ohne den Blick von ihrem Gesicht zu nehmen.
„Sag mir, wenn ich aufhören soll."
„Hör nicht auf."
Er beugte sich vor und nahm eine Brustwarze in den Mund. Die Hitze schoss ihr in den Nacken, und sie hörte sich selbst einen Laut machen, den sie nie zuvor gemacht hatte. Seine Hand wanderte zwischen ihre Schenkel, fand sie schon feucht, und der Druck seines Daumens auf ihrer Klitoris war derselbe Druck, den er in der Tuschestudie erkannt hatte, präzise, gemessen, ohne Eile. Sie öffnete die Knöpfe seiner Hose mit Fingern, die wussten, was sie taten, und nahm seinen Schwanz in die Hand. Er war hart und warm, und das winzige Beben, das durch ihn ging, als sie ihn umfasste, war das erste Mal an diesem Abend, dass sie ihn nicht rechnen sah.
„Johanna."
„Komm."
Er glitt in sie hinein, langsam, eine einzige lange Bewegung, und sie sah, wie er die Augen einen Moment schloss, als müsste er etwas sortieren, das sich nicht sortieren ließ. Dann öffnete er sie wieder, und sein Blick blieb auf ihrem, während er zu stoßen begann. Tief, ohne Hast. Die Tischkante drückte in ihre Oberschenkel, und sie zog ihn näher, ihre Beine um seine Hüften, bis kein Spalt mehr blieb.
Es kam in Wellen. Eine erste, die sie überraschte, weil sie nicht damit gerechnet hatte, dass es so schnell ging, ein Erschauern, das ihn anhalten ließ. Er wartete, bis sie atmete. Dann begann er wieder, anders, härter, und sie bog den Rücken durch und ließ ihn sehen, was sie zwölf Jahre lang nicht gezeigt hatte.
Als er kam, sagte er ihren Namen ein einziges Mal, leise, an ihren Hals.
Danach lagen sie auf dem Holzboden, weil das Bett zu weit weg gewesen war, und er zog ihr Hemd über sie beide.
„Felix", sagte sie irgendwann.
„Ich rede morgen mit ihm." Nico drehte den Kopf zu ihr. „Nicht weil ich muss. Weil ich will, dass er es von mir hört."
Johanna sah zur Arbeitslampe hinauf, an deren Schirm ein kleiner Tuschefleck klebte, den sie immer hatte abwischen wollen. Sie ließ ihn jetzt dort. Sie legte ihre Hand auf Nicos Brust, dort, wo in ihrer Skizze die andere Hand gelegen hatte, halb Schutz, halb Drohung, und merkte, dass sie es endlich richtig gezeichnet hatte, weil sie nun wusste, wie sich diese Stelle unter ihren Fingern anfühlte.


