
Little Italy
Der Herbst kam nach Little Italy wie ein alter Bekannter, der zu früh auftaucht: mit dem Geruch von nassen Backsteinmauern, gebratenen Kastanien vom Stand an der Ecke Canal Street und diesem spezifischen Oktober-Licht, das die Fassaden der Mulberry Street in ein honigfarbenes Nichts taucht, bevor die Sonne um vier bereits wieder aufgibt.
Gia Caruso hatte ihren Stand zwischen der Lattaro-Bäckerei und Old Enzos Zeitungskiosk so aufgebaut, wie sie alles tat: ohne Erlaubnis, ohne Entschuldigung und mit einer Präzision, die jeden Zweifel an ihrer Absicht ausschloss. Zwei Klappböcke, eine Spanholzplatte, drei Kisten Vinyl in säuberlich gefetteten Plastikhüllen. Sie kannte jeden Einschnitt im Plattenrücken, jede ausgeblichene LP-Hülle, jeden Pressungsfehler, der den Wert verdreifachte. Mit sechzehn hatte sie den Namen Russo in einem Badezimmer in Queens gelassen, zusammen mit allem anderen, was sich nach jemand anderem angefühlt hatte. Zwölf Jahre später stand sie hier, und der Name Caruso passte besser zu den Rillen in ihren Händen.
Der Dienstagnachmittag war träge. Eine ältere Frau mit einem Kopftuch hielt eine Coltrane-Pressung hoch, drückte zweimal auf die Hülle, legte sie wieder hin. Gia ließ es geschehen. Das war der Rhythmus: anfassen, zögern, weglegen, zurückdenken, zurückkommen. Die meisten kamen zurück.
Sie hörte ihn, bevor sie ihn sah.
Seine Schritte auf dem Pflaster waren kaum zu hören, das war das Seltsame. Saubere Lederschuhe hätten ein mattes, regelmäßiges Klopfen ergeben. Er machte kaum eines, und trotzdem war er auf einmal da: Mitte dreißig, dunkler Wollmantel über einem Anzug, der tatsächlich saß, als wäre er für seinen Körper und keinen anderen geschneidert worden. Haare mit einem Stich zu perfekt zurückgekämmt. Matteo Ferrante, das wusste sie, weil Old Enzo ihr vor zwei Wochen den Hinweis gegeben hatte: Das ist der Älteste von den Ferrantes, der mit der Trattoria. Der macht keine Szenen.
„Signorina." Er trat näher, ohne die Grenze zu überqueren, die ihr Stand bildete. „Ich glaube, wir haben noch nicht offiziell gesprochen."
„Nein," sagte Gia, ohne aufzusehen. Sie ordnete eine Handvoll Singles in die vorletzte Rille der Box. „Und das hat auch seinen Grund."
„Dieser Platz gehört meiner Nonna." Die Stimme war ruhig, sachlich, ohne jeden Nachdruck. Das machte es schlimmer. „Die Familie hat ihn seit 1953. Es gibt keine schriftliche Vereinbarung mit dem Viertel, aber es gibt eine, wie soll ich sagen —"
„Gewohnheit?"
„Tradition." Er lächelte, und das war das Problem: Es war ein echtes Lächeln. Keine Taktik. Gia erkannte Taktiken, sie hatte sie studiert wie Druckpressen und Umschlagsfarben. Das hier war etwas anderes, und genau deswegen misstraute sie ihm sofort.
„Traditionen," sagte sie, stellte die Box ab und sah ihn das erste Mal direkt an, „sind meistens nur Macht, die sich selbst eine Geschichte erfunden hat."
Er nickte, als wäre das ein gültiger Punkt. „Möglicherweise."
Das war falsch. Er hätte argumentieren sollen. Hätte sagen sollen: Die Nonna braucht den Platz im Frühjahr wieder, oder: Das Viertel hat Regeln. Stattdessen nickte er, und Gia griff demonstrativ in die erste Plattenbox und begann, ihre Kisten neu zu schichten. Lautstark, mit Absicht.
„Ich ziehe nicht," sagte sie. „Falls das die Frage war."
„Es war keine Frage." Er steckte die Hände in die Manteltaschen. „Ich wollte mich nur vorstellen. Matteo Ferrante."
„Ich weiß, wer Sie sind."
„Und Sie sind?"
„Gia. Und Sie sind ein Anzugträger mit zu viel Gel im Haar, der mir erklären will, was Tradition bedeutet." Sie sah ihn an. „Das reicht mir als Vorstellung."
Irgendwo hinter ihm hustete Old Enzo und versuchte, die Zeitung höher zu halten, als würde er nicht zuhören.
Matteo Ferrante blieb vollkommen ruhig. Er stand still, ließ die Stimme unten, schenkte dem Tempo ihres Urteils keinen Kommentar. Er sah sie nur einen Moment an: mit etwas, das Gia nicht einordnen konnte, weil es weder Berechnung noch Belustigung war. Dann sagte er: „Buonasera, Signorina."
Und ging.
So einfach. So ohne Rest.
Gia starrte ihm nach, bis die dunkle Jacke um die Ecke der Mulberry Street verschwunden war. Dann setzte der Regen ein, dieses feine, rücksichtslose New Yorker Herbstnieseln, das nicht dramatisch genug war, um sich darunter zu stellen, und zu beharrlich, um ignoriert zu werden. Sie zog die Plane über die ersten beiden Boxen.
Ein Mann wie er hatte hier nichts verloren.
Und sie auch nicht. Das war die Wahrheit, die sie sich noch nicht erlaubte, laut zu denken.
Die Nacht verbrachte sie damit, nicht zu schlafen.
Das Dachzimmer der Ferrantes hatte schräge Wände, ein Fenster, das in den Rahmen gequetscht war wie eine Nachgeburt, und eine Heizungsleitung, die um halb drei mit einem tiefen, beruhigenden Klang zu arbeiten begann, als hätte das Haus beschlossen, ihr Gesellschaft zu leisten. Die Schallplattenanlage in der Ecke war zu gut für diese Kammer: ein Thorens-Dreher, den jemand mit Sorgfalt gepflegt hatte, mit einem Gegengewicht, das präzise kalibriert war. Man kalibriert so etwas nicht, wenn einem Klang egal ist. Jemand in dieser Familie hatte Geschmack, und Gia beschloss, dieser Gedanke sei sicherer als jeder andere, der sich in den vorangegangenen zwei Stunden aufgedrängt hatte.
Es war kein Regen mehr gewesen, als Matteo mit dem Chianti die schmale Treppe hochgekommen war.
Er hatte geklopft, einmal, kurz, eher als Ankündigung denn als Frage. Und Gia hatte geöffnet, weil sie ohnehin wach war und weil sie sich selbst gegenüber wenigstens in dieser Hinsicht aufrichtig sein wollte: Sie hatte gehofft, er würde kommen. Eine Flasche Chianti, zwei Gläser aus dem Restaurant, die offensichtlich nicht für ein Dachzimmer gedacht waren. Er hatte sie auf den Boden gesetzt, weil es keinen Tisch gab, und sich dann auf das Fensterbrett gelehnt, die Lichter der San Gennaro Street tief unten, das Herbstpflaster glänzend vom frühen Regen.
Sie hatten geredet. Das war das Überraschende gewesen: Sie hatten wirklich geredet.
Über Platten zuerst, das war ihr Territorium und sie wusste, wie man darauf besteht. Sie hatte ihm erklärt, was den Unterschied zwischen einer deutschen und einer amerikanischen Pressung von Kind of Blue macht, und er hatte nicht so getan, als wäre ihm das egal. Dann war das Gespräch an einen Ort geglitten, den sie nicht gesteuert hatte: Er sprach von seinem Vater, der die Trattoria aufgebaut hatte, als Matteo noch zu klein gewesen war, um über die Theke zu sehen, und wie er gelernt hatte, Verantwortung und Liebe in einer einzigen Bewegung zu tragen, weil die Ferrantes nie zwischen beidem unterschieden. Gia hatte in ihr Glas gesehen und irgendwann gesagt, dass sie nicht wisse, wie das sei, einer Stelle zuzugehören, die auch ohne einen weiterfunktioniert.
Er hatte nichts geantwortet. Das war der Moment, in dem sie ihn das erste Mal ansah, wirklich ansah, ohne die Bewertung dahinter.
Der Abstand zwischen ihnen auf dem Fensterbrett war schon eine Weile kein Abstand mehr gewesen. Durch das Gewicht der Stille, das war das Seltene, nicht durch Bewegung. Als sie ihn küsste, war es ihre Entscheidung, klar und unentschuldigt, und er nahm sie an wie jemand, der genau das gehofft hatte, aber nicht daran geglaubt hatte.
Sein Mund war langsam. Das war das erste, was sie registrierte. Er küsste sie mit einer Präzision, die wie Geduld aussah und etwas ganz anderes war: kein Druck, kein Drängen, das so oft Unsicherheit verkleidete. Eine Hand in ihrem Nacken, flach und ruhig, während er den Kuss führte, bis Gia merkte, dass sie sich vorgelehnt hatte, dass die Wand kalt gegen ihren Rücken war und er warm gegen alles andere.
Sie zog das Jackett von seinen Schultern, Knopf für Knopf das Hemd darunter, und er ließ es geschehen mit dieser ruhigen, aufmerksamen Intensität, die sie die ganze Woche irritiert hatte. Dann zog er ihren Pullover über den Kopf, und die Herbstluft im Zimmer schlug gegen ihre Haut wie eine Erinnerung daran, dass das hier real war.
Er legte sie zurück aufs schmale Bett, folgte ihr, und sein Mund wanderte vom Kiefer zum Hals, an ihrer Schulter entlang, bis er an ihrer Brust hielt. Er nahm sich Zeit mit ihr, eine Brustwarze zwischen den Lippen, Zunge, stetiger Druck, während seine Hand bereits an ihrer Hüfte lag und wartete. Gia schloss die Augen und öffnete sie wieder, weil sie das nicht verpassen wollte: diesen Mann, der so tat, als hätte er alle Zeit der Welt, obwohl das Zimmer um sie herum Züge machte.
„Matteo." Ihre Stimme war flacher als beabsichtigt.
„Ich weiß," sagte er, und das war alles, was er sagte.
Sie zog ihn zu sich hoch, und er verstand das korrekt als das, was es war: eine Anweisung. Der Rest ihrer Kleidung verschwand ohne Eile, ohne Dramatik, ein Gürtel, Jeansstoff, seine Hose, und dann war da kein Stoff mehr zwischen ihnen, und er war bereits hart gegen sie, das Gewicht von ihm klar und unmissverständlich. Sie griff nach ihm, seinen Schwanz in der Hand, ein Test ihrerseits, und er zog einen kurzen, kontrollierten Atem ein. Das erste Mal, dass die Kontrolle rutschte. Sie bemerkte es, und etwas in ihr wärmte sich daran.
Als er in sie eindrang, bedächtig, Zentimeter um Zentimeter, biss sie die Innenseite ihrer Wange. Sie war feucht, war es schon gewesen seit dem Moment auf dem Fensterbrett, aber trotzdem zog er sie auseinander auf eine Art, die ihr den Atem raubte.
Er hielt inne, obwohl er nicht hätte innehalten müssen.
Das war das Erste, was Gia registrierte, noch bevor die Wärme sich in etwas Kohärentes auflöste. Er hatte sie vollständig in sich aufgenommen, tief und ganz, und dann hielt er inne, und die Stille zwischen ihnen war so dicht wie der Wollmantel, der irgendwo auf dem Boden lag. Sein Atem gegen ihre Schläfe. Ihre Hände auf seinem Rücken, die Muskeln darunter gespannt.
„Gia." Er sagte ihren Namen, nur das, keinen Satz, keine Frage. Als würde er sich vergewissern, dass sie noch da war.
„Ich bin hier," sagte sie, und die Worte kamen, bevor sie darüber nachdenken konnte.
Dann begann er sich zu bewegen, und das Innehalten hatte seinen Zweck erfüllt: Es hatte ihr erlaubt, alles andere zu vergessen als diesen Moment, diesen Raum, diesen Mann. Er stieß bedächtig, und sie fühlte jeden Zentimeter davon, das Gleiten, das Ziehen, das tiefe Druckgefühl in ihrem Schoß, das sich ausbreitete wie Hitze unter der Haut. Sie wölbte sich ihm entgegen, ohne es zu entscheiden, und er nahm das als die Einladung, die es war.
Die Stille im Zimmer war nicht leer. Sie war gefüllt mit dem Atem von beiden, dem leisen Knarren des schmalen Bettes, dem fernen Rauschen der Stadt tief unten, dem gelegentlichen Pfeifen der Heizungsleitung, die um halb drei ihre Gesellschaft angeboten hatte. Matteo bewegte sich mit einer Geduld, die Gia in den ersten Minuten fast unerträglich fand, weil sie bedeutete, dass er aufmerksam war. Auf sie. Jede Reaktion ihres Körpers landete in seinem Blick, und er passte sich an, ohne ein Wort.
Sie zog ihn tiefer. Er ließ es zu.
Das Tempo änderte sich, sachte zunächst, so wie sich bei ihm alles sachte veränderte, und dann plötzlich nicht mehr. Er hob ihre Hüften, und der Winkel veränderte sich auf eine Art, die ihr den Atem aus der Lunge schob. Ihre Finger gruben sich in seine Schultern. Er stieß fester, und das Zimmer verlor seine Konturen: die schrägen Wände, das gequetschte Fenster, der Thorens-Dreher in der Ecke, alles zog sich zusammen auf einen einzigen Punkt, auf das Pulsieren, das tief in ihr saß und sich aufbaute wie ein Akkord, der noch nicht aufgelöst ist.
„Matteo." Diesmal war es ihre Stimme, die nur ein Wort sagte.
Er verstand. Er griff zwischen sie, seine Hand dort, wo sie sich öffnete, Daumen auf ihrer Klitoris, und der erste Kontakt ließ sie erschauern, ein wirkliches Erschauern, kein Theater. Er bewegte sich weiter, stieß weiter, und seine Hand arbeitete in einem Rhythmus, der präzise genug war, um zu wissen, dass er dieses Wissen über weibliche Körper schon lange in sich trug, aber achtsam genug, um zu merken, dass dieser Körper anders war als alle anderen. Ihr Körper.
Sie kam, bevor sie bereit war.
Das war das Richtige daran: Sie war nicht bereit, und es kam trotzdem, eine Welle, die anfing in ihrem Bauch und sich ausbreitete bis in ihre Schenkel, ihre Knie, bis in die Zehen, die sich gegen das Laken drückten. Sie machte einen Laut, den sie nicht kannte, rauer als erwartet, und er ließ nicht nach, er bewegte sich durch den Höhepunkt hindurch, hielt ihr Becken mit einer Hand, bis sie aufhörte zu beben und er selbst aufhörte, die Kontrolle zu halten. Sein Atem zerbrach. Er drückte sein Gesicht in ihren Hals und folgte ihr, das letzte Stoßen tief und unwillkürlich, und sie hielt ihn, während er zitterte, weil es selbstverständig war, ihn zu halten.
Danach blieben sie so.
Sein Gewicht auf ihr, schwer und warm, das Pochen seines Herzens gegen ihre Brust. Draußen zog eine Wolke über das schmale Fenster, und für einen Moment wurde das Zimmer dunkler, sanfter, als hätte die Stadt beschlossen, taktvoll zu sein.
Gia streckte eine Hand aus und legte sie auf seinen Rücken. Flach, ruhig. Ohne Plan.
Das war das Neue.
Sie hatte nie jemanden so gehalten. Sie hatte Körper gekannt, Nächte gekannt, das angenehme Ausschalten des Denkens. Das hier war anders. Das hier war: bleiben wollen, auch wenn der Verstand schon anfing, die Wände hochzufahren.
Er rollte sich zur Seite, blieb aber nah, seine Hand auf ihrer Hüfte. Das Zimmer roch nach Wein und Herbst und ihnen.
„Du kannst gehen, wenn du willst", sagte sie.
Es war kein Test. Sie meinte es.
„Ich weiß", sagte er.
Er blieb.
Das Licht im Zimmer veränderte sich nicht. Die Heizungsleitung klopfte einmal, zweimal. Irgendwo unten in der Trattoria schloss jemand eine Tür: das vertraute Geräusch eines Hauses, das um seine Bewohner weiß. Gia hörte es und dachte: Das ist das erste Mal seit Jahren, dass ich ein Haus höre und nicht das Gefühl habe, darin zu sitzen wie eine Mieterin.
Der Morgen kam mit dem Geruch von frisch gemahlenem Kaffee und warmem Brot, und Gia blieb noch einen Moment liegen, die Augen geschlossen, als könnte sie diesen Ort für immer in sich einatmen.
Matteo war schon wach.
Sie merkte es daran, wie sein Atem lag: zu gleichmäßig für Schlaf, zu bewusst. Er starrte an die schräge Decke, eine Hand auf seinem Brustbein, und Gia beobachtete ihn einen Moment lang, bevor sie sich aufsetzte. Das Licht war noch dünn, der Morgen erst halb fertig, und durch das schmale Fenster zog der Geruch von Kaffee hoch wie eine Einladung, die aus den unteren Stockwerken des Hauses kam und nirgendwo anders hin wollte als hierher.
„Deine Nonna macht um sechs Kaffee", sagte sie.
„Um halb sechs." Er drehte den Kopf zu ihr, und sein Blick war offen auf eine Art, die Gia noch nicht an ihm gesehen hatte: wach, aber ohne die sorgfältige Oberfläche, die er tagsüber trug wie den Wollmantel. „Jeden Morgen seit 1962. Das Haus riecht nach ihr."
Gia stand auf und zog sein Hemd über, das auf dem Boden gelegen hatte. Es roch nach ihm, nach Wein und Herbst, und das war eine Information, die ihr Körper speicherte, bevor sie entscheiden konnte, ob das eine gute Idee war.
„Ich gehe nach unten", sagte sie.
Er sagte nichts. Sah ihr zu.
Die Küche war klein und vollständig. Das war das Wort dafür: vollständig. Kupfertöpfe an Haken über dem Herd, ein Tisch mit einer Wachstuchdecke in Weinrot, Tassen, die voneinander abwichen und trotzdem zusammengehörten, weil sie alle aus demselben Schrank kamen. Nonna Ferrante stand mit dem Rücken zu ihr am Herd, einen blauen Morgenmantel, weißes Haar in einem sorgfältigen Knoten, und drehte sich um, als hätte sie Gias Schritt auf der untersten Treppenstufe erwartet.
Sie sagte: „Siediti." Setz dich.
Gia setzte sich.
Nonna Ferrante stellte eine Tasse vor sie hin, schwarz, ohne zu fragen, und dann eine zweite für den Platz ihr gegenüber, und das war alles, was gesagt werden musste. Als Matteo zwei Minuten später in der Küchentür stand, das Jackett in der Hand, den Hemdkragen offen, sah seine Nonna ihn kurz an und wandte sich dann wieder dem Herd zu. Kein Kommentar. Kein Lächeln, das zu viel bedeutet hätte.
Er setzte sich ihr gegenüber, und Gia betrachtete ihre Tasse.
„Ich weiß nicht, was das ist", sagte sie schließlich, leise genug, dass Nonna Ferrante es hören konnte und trotzdem so tat, als würde sie es nicht.
Matteo umfasste seine Tasse mit beiden Händen. „Ich weiß es auch nicht."
„Ich habe keinen festen Wohnsitz. Ich vertreibe Platten auf einem Klapptisch in einer Straße, die mir nicht gehört."
„Der Platz ist frei bis Mai", sagte er. „Offiziell."
Sie sah ihn an. Er erwiderte den Blick, ruhig und direkt, ohne Taktik, so wie er die ganze Woche gewesen war, und Gia merkte, dass das das Schwierigste daran war: Er verhandelte nicht. Er bot ihr einen Platz an, an dem sie bleiben konnte, ohne dafür etwas aufgeben zu müssen, was sie noch nicht benennen konnte. Dieser Platz war nicht nur der Klapptisch auf der Mulberry Street.
Sie streckte die Hand aus, über den Tisch, und legte sie auf seine.
Matteo drehte seine Hand um und schloss die Finger um ihre. Fest, aber ohne Druck. Als hätte er das schon immer gewusst und nur darauf gewartet, dass sie es auch wusste.
Nonna Ferrante stellte einen Teller Brot auf den Tisch, ohne ein Wort, setzte sich an das Kopfende mit ihrer eigenen Tasse, und das Frühstück der Ferrantes begann.
Gia Caruso aß Brot in einer Küche, die nach Kaffee und altem Kupfer roch, während draußen ein Oktober erst anfing, und zum ersten Mal seit zwölf Jahren hatte das Haus, in dem sie saß, keinen Ausgang, den sie im Kopf bereits kartiert hatte.


