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Narrabelle – Stories of Love

Artikel: Die Musik des Nachbarn

Die Musik des Nachbarn

Die Musik des Nachbarn

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Schließ die Augen und fang an zu träumen.

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Das Altbauhaus atmete. Yasmin hörte es in den Dielen, die unter ihren Füßen knarrten, in den Heizkörpern, die leise tickten, in den Wänden, die jeden Schritt, jedes Räuspern, jede Stille der anderen Bewohner zu ihr trugen.

Sie hatte die Wohnung wegen des Lichts genommen, große Fenster zur Straße, die nachmittags golden wurden, und wegen des Preises. Die dünnen Wände waren der Preis des Preises.

Am ersten Abend, als sie ihre Kartons noch nicht ausgepackt hatte, hörte sie ihn zum ersten Mal.

Cello.

Nicht Aufnahme. Nicht durch Lautsprecher gefiltert. Der Klang kam durch die Wand wie Atem, warm und rau und nah. Sie saß auf dem Boden ihres leeren Wohnzimmers, den Rücken gegen die Heizung gelehnt, und lauschte.

Bach, erkannte sie. Die Suiten. Er spielte langsam, nachdenklich, als taste er sich durch die Noten. Einmal brach er ab, wiederholte eine Phrase. Dann floss die Melodie weiter, tiefer, und etwas in ihr vibrierte mit.

Yasmin schloss die Augen.

Die Musik füllte den Raum anders als Möbel es je könnten. Sie füllte auch etwas in ihr, einen Raum, den sie nicht gekannt hatte, eine Leere, die plötzlich Form annahm.

Sie arbeitete von zu Hause, Synchronsprecherin, freiberuflich, mit einem kleinen Tonstudio im Schlafzimmer. Ihre Stimme war ihr Werkzeug: warm, modulierbar, verlässlich. Sie sprach Hörbücher ein, meistens Romanzen. Liebesgeschichten mit vorhersehbarem Ende, sicheren Häfen für Frauen, die Trost suchten.

Es war ironisch, dass sie ausgerechnet diese Bücher las, während ihr eigenes Leben so still war. Keine Dates seit Monaten. Keine Berührung außer der eigenen Hand auf der Computermaus. Keine Intimität außer der, die sie mit ihrer Stimme erschuf, für Fremde, die sie nie sehen würden.

Aber die Stimme log nie. Die Stimme gab, was sie selbst nicht hatte.

Am dritten Abend spielte er wieder.

Diesmal Jazz. Etwas Langsames, Melancholisches. Die Töne dehnten sich, zögerten, sanken tiefer, strichen über ihre Haut wie unsichtbare Finger.

Yasmin saß an ihrem Schreibtisch, das Manuskript eines neuen Hörbuchs vor sich. Eine Szene, in der die Heldin erfuhr, dass ihr Liebhaber sie angelogen hatte. Trauer, Wut, Enttäuschung, alles sollte in ihrer Stimme mitschwingen.

Sie nahm auf.

Ihre Stimme brach an den richtigen Stellen, zitterte, wurde leise. Aber es war nicht gespielt. Sie fühlte es wirklich, durch die Wand, durch die Musik, die sich mit den Worten verwoben.

Durch die Wand spielte das Cello weiter, als wüsste es, was sie gerade fühlte. Als würde es antworten.

Sie begann, ihre Arbeit nach ihm auszurichten.

Wenn sie ihn spielen hörte, meistens gegen neunzehn Uhr, wartete sie. Sie sortierte ihre Aufnahmen, wählte Passagen aus, die zur Stimmung passten.

Er spielte etwas Wildes, Rasantes? Sie las die scharfe Streitszene, in der die Protagonistin ihrem Gegenüber die Wahrheit ins Gesicht schrie.

Er spielte etwas Sanftes, Trauriges? Sie las die Versöhnung, das leise Geständnis, den Moment, in dem zwei Menschen sich endlich sahen.

Es war eine Konversation, ohne Worte. Ein Dialog aus Klang und Stimme, der intimer war als jedes Gespräch, das sie je geführt hatte.

Sie wusste nicht, ob er sie hörte. Sie wusste nicht einmal, ob er wusste, dass sie existierte.

Aber es fühlte sich an wie Nähe. Wie Berührung.

Eines Abends, nach einer besonders intensiven Aufnahme, eine Szene, in der die Heldin sich erlaubte, begehrt zu werden, sich zu öffnen, verletzlich zu sein, ihre Lust nicht zu verstecken, legte Yasmin die Kopfhörer ab und lehnte sich zurück.

Ihre Wangen waren warm. Ihr Puls schnell. Ihre Haut kribbelte.

Sie hatte die Worte nicht nur gelesen. Sie hatte sie gefühlt. Hatte sich vorgestellt, wie es wäre, so berührt zu werden, so gewollt, so gesehen.

Das Cello schwieg.

 

 

Sie wartete, ihr Atem noch ungleichmäßig.

Nichts.

Die Stille fühlte sich plötzlich anders an. Nicht leer. Geladen. Als hielte jemand den Atem an, als lausche jemand.

Yasmin stand auf, ging zur Wand, die ihr Wohnzimmer von seiner Wohnung trennte. Sie legte die Handfläche dagegen. Das Holz war kühl, aber sie spürte etwas dahinter, eine Gegenwart, eine Aufmerksamkeit. Ein Bewusstsein ihrer.

Oder bildete sie sich das nur ein?

Am nächsten Morgen schob sie einen Zettel unter seiner Tür durch.

Danke für die Musik.

Mehr nicht. Keine Unterschrift. Keine Erklärung.

Sie ging zur Arbeit, ein Meeting in der Stadt, selten genug, und versuchte, nicht daran zu denken. Versuchte, die flatternde Erwartung in ihrer Brust zu ignorieren.

Als sie zurückkam, lag ein Zettel unter ihrer Tür.

Eine andere Handschrift. Etwas Kantiges, Präzises.

Danke für die Geschichten. Ich höre durch die Wand.

Yasmin blieb mitten im Flur stehen, den Zettel in der Hand. Ihre Finger zitterten leicht.

Er hatte sie gehört.

Die ganze Zeit.

Jede Szene. Jede geflüsterte Liebeserklärung. Jedes Keuchen, jedes Stöhnen, das sie mit ihrer Stimme erzeugt hatte. Auch die Szene von gestern Abend.

Ihr Gesicht brannte.

Aber darunter war etwas anderes. Ein Kribbeln. Eine Hitze, die sich in ihrem Bauch ausbreitete.

Sie schob ihm am nächsten Abend einen neuen Zettel zu.

Was hörst du am liebsten?

Die Antwort kam am Morgen.

Die Momente, in denen du vergisst, dass du liest. Wenn deine Stimme nicht mehr spielt, sondern fühlt. Wenn du dich verlierst.

Sie las den Satz dreimal. Bei jedem Mal wurde ihr Atem flacher.

Er wusste. Er hörte nicht nur die Worte. Er hörte sie.

Die Wochen vergingen.

Sie schrieben sich. Kleine Zettel, die unter Türen hindurchrutschten wie Geheimnisse.

Warum Cello?

Weil es der menschlichen Stimme am nächsten kommt. Weil es weinen kann. Weil es singen kann. Weil es berühren kann, ohne zu berühren.

Spielst du, um etwas zu sagen, das du nicht aussprechen kannst?

Spielst du nicht auch deshalb?

Sie lachte, als sie das las. Laut. Allein in ihrer Wohnung.

Dann, eines Nachts, hörte sie ihn improvisieren.

Keine Noten. Keine Struktur. Nur Klang, der sich durch die Dunkelheit tastete, suchte, fragte. Die Melodie war anders. Intim. Fast roh. Hungrig.

Yasmin setzte sich im Bett auf, das Herz plötzlich schnell. Sie trug nur ein T-Shirt, ihre Haut war warm vom Schlaf.

Die Musik floss weiter, tiefer, dringlicher. Sie spürte sie nicht nur in ihren Ohren, sondern überall – in ihrer Brust, in ihrem Bauch, tiefer.

Sie stand auf, ging zur Wand. Legte beide Hände dagegen, die Handflächen flach auf dem kühlen Holz.

Das Cello hielt inne.

Einen Atemzug lang war es still.

Dann spielte er weiter, leiser jetzt, intimer, als spreche er nur zu ihr. Als berühre er sie durch die Wand.

Yasmin schloss die Augen. Die Musik umhüllte sie, drang in sie ein, berührte etwas, das sie nicht benennen konnte. Ihr Körper reagierte, Haut empfindlich, Puls schnell.

Sie flüsterte gegen die Wand: „Ich höre dich."

Das Cello antwortete. Ein tiefes, vibrierendes Stöhnen, das durch sie hindurchging.

Sie lehnte ihre Stirn gegen das Holz, die Augen geschlossen, und ließ sich von der Musik tragen.

Am nächsten Tag fiel die Heizung aus.

Der Winter war früh gekommen, die Nächte schon eisig. Yasmin wickelte sich in Decken, aber die Kälte kroch durch die Ritzen, setzte sich in die Knochen.

Sie zögerte lange.

Dann klopfte sie an seine Tür.

 

 

Die Sekunden dehnten sich. Sie hörte Schritte. Langsam, tastend, sicher.

Die Tür öffnete sich.

Er war groß. Dunkles Haar, das ihm in die Stirn fiel. Ein Gesicht, das ernst wirkte, bis man die Augen sah, grau, aufmerksam, schön. Und sie sahen nicht.

Er war blind.

Yasmin brauchte einen Moment, ihre Stimme zu finden.

„Hallo", sagte er. Seine Stimme war tiefer, als sie erwartet hatte. Ruhig. Samtig. Sie spürte sie in ihrem Brustkorb. „Du bist die Geschichtenerzählerin."

„Yasmin", sagte sie leise. „Die Heizung ist..."

„Ich weiß. Bei mir auch." Er lächelte ein wenig, und es veränderte sein ganzes Gesicht. „Willst du reinkommen? Es ist nicht viel wärmer, aber ich habe Tee."

Sie trat ein.

Die Wohnung war sparsam eingerichtet. Klare Linien, wenig Möbel. Aber überall Musik, Noten in Brailleschrift auf einem Ständer, das Cello in der Ecke, Platten auf einem Regal.

„Ich habe die Wohnung wegen der Akustik gewählt", sagte er, als fühle er ihre Frage. „Die Wände hier... sie tragen den Klang. Man hört alles."

„Alles", wiederholte sie, und ihre Stimme zitterte leicht.

„Alles." Er wandte sich zu ihr, den Kopf leicht geneigt, als lausche er. „Ich kenne dein Gesicht nicht, Yasmin. Aber ich kenne jede Nuance deiner Stimme. Ich weiß, wann du lächelst. Wann du müde bist. Wann du etwas liest, das dich berührt." Eine Pause. „Wann du erregt bist."

Ihre Kehle wurde eng. Hitze schoss in ihr Gesicht.

„Du spielst anders, wenn du weißt, dass ich zuhöre", flüsterte sie.

„Du liest anders, wenn du weißt, dass ich zuhöre." Er kam näher, langsam. „Gestern Nacht. Du hast nicht nur gelesen. Du hast gefühlt."

„Woher—"

„Ich höre es. In deinem Atem. In der Art, wie deine Stimme zittert."

Die Luft zwischen ihnen vibrierte.

Sie blieb länger, als sie geplant hatte.

Sie tranken Tee. Sie redeten. Über Musik, über Geschichten, über die Stille zwischen den Tönen und den Worten. Über Einsamkeit. Über Sehnsucht.

„Wie heißt du?", fragte sie irgendwann.

„Luca."

„Luca." Der Name fühlte sich gut an in ihrem Mund. Intim.

„Sag es noch einmal", bat er leise.

„Luca."

„Ich liebe, wie du meinen Namen sagst. Als wäre er etwas Wertvolles."

Die Heizung wurde repariert.

Aber etwas hatte sich verschoben.

Am nächsten Abend spielte Luca wieder.

Diesmal öffnete Yasmin die Tür, trat auf den Flur, klopfte leiste an.

Er öffnete, als hätte er gewartet.

„Darf ich?", fragte sie.

„Immer."

Sie setzte sich auf sein Sofa, die Beine angezogen, und er spielte.

Für sie.

Nur für sie.

Sie beobachtete ihn – die Art, wie sich sein Körper mit der Musik bewegte, wie seine Finger über die Saiten glitten, wie sein Gesicht sich entspannte, sich öffnete. Es war intim, ihm so zuzusehen. Fast zu intim.

Als er fertig war, legte er das Cello beiseite und setzte sich neben sie. Nah. So nah, dass sie seine Wärme spürte.

„Danke", flüsterte sie.

„Wofür?"

 

 

„Dass du spielst. Für mich."

„Ich spiele schon seit Wochen für dich." Seine Hand fand ihre auf dem Sofa. „Seit dem ersten Abend."

Ihre Finger verschränkten sich.

Die Wochen danach wurden zu einem Rhythmus.

Sie arbeitete. Er spielte. Manchmal gemeinsam, manchmal getrennt.

Aber jetzt gab es keine Wand mehr zwischen ihnen.

Nur Raum. Und Klang. Und Atem. Und eine wachsende Spannung, die mit jedem Tag dichter wurde.

Eines Abends legte er das Cello beiseite und kam zu ihr, setzte sich so nah, dass ihre Oberschenkel sich berührten.

„Darf ich?", fragte er leise.

„Was?"

„Dich berühren."

Yasmins Herz hämmerte. „Ja."

Seine Hände fanden ihr Gesicht. Langsam, vorsichtig, zärtlich. Die Finger glitten über ihre Stirn, ihre Wangenknochen, ihren Kiefer. Er lernte sie, las sie wie Brailleschrift.

„Du bist warm", murmelte er.

„Du auch."

Seine Daumen strichen über ihre Lippen, langsam, forschend. Sie öffnete den Mund leicht, und sie hörte, wie sein Atem stockte.

„Erzähl mir, wie du aussiehst", flüsterte er.

„Braune Augen. Dunkles Haar, immer etwas chaotisch. Ich bin durchschnittlich."

„Nichts an dir ist durchschnittlich." Seine Stimme war rau. „Du bist ein Klang, den ich noch nie gehört habe. Einzigartig. Schön."

Sie lachte leise, zittrig. „Das ist die kitschigste Zeile, die ich je gehört habe."

„Ich meine es ernst."

„Ich weiß."

Ihre Stirn lehnte sich gegen seine. Ihre Atemzüge vermischten sich.

„Yasmin."

„Ja?"

„Ich möchte dich hören. Wenn du nicht liest. Wenn es nur du bist. Wenn du fühlst, was ich dich fühlen lassen will."

Sie verstand. Und ihr Körper reagierte, Hitze breitete sich aus, Verlangen, das sie nicht mehr verstecken konnte.

Er küsste sie.

Langsam. Tastend. Als übersetze er eine Sprache, die er erst lernte. Seine Lippen waren weich, warm, und als er tiefer ging, schmeckte er nach Tee und etwas Süßem.

Ihre Hände legten sich auf seine Schultern, fühlten die Muskeln dort, die Wärme seiner Haut durch den dünnen Stoff seines Shirts.

Seine Arme umfassten sie, zogen sie näher. Der Kuss vertiefte sich, wurde hungriger.

Sie keuchte gegen seinen Mund.

„Das", murmelte er. „Das will ich hören. Immer."

Seine Hände glitten über ihren Rücken, unter ihr Shirt. Sie zitterte.

„Kalt?", fragte er.

„Nein. Das Gegenteil."

Er lächelte gegen ihre Lippen. „Gut."

Sie liebten sich auf seinem Sofa, im sanften Licht einer einzigen Lampe.

Luca berührte sie, als sei sie Musik. Jede Kurve eine Note. Jedes Zittern ein Akkord. Seine Hände lernten sie mit einer Aufmerksamkeit, die sie noch nie erlebt hatte.

„Sag mir, was du fühlst", flüsterte er gegen ihre Haut, als er ihr Shirt über den Kopf zog.

„Ich kann nicht..."

„Doch. Erzähl mir. Ich will dich hören."

„Deine Hände", keuchte sie. „Sie brennen. Überall."

„Wo?" Seine Finger glitten über ihre Rippen, höher.

„Überall."

Er lächelte gegen ihren Hals. „Genauer."

„Hier." Sie führte seine Hand zu ihrer Brust. „Hier."

Er stöhnte leise, seine Finger schlossen sich um sie, und sie bog sich ihm entgegen.

„Du bist so schön", murmelte er. „Ich kann dich nicht sehen, aber ich fühle dich. Überall."

Seine Lippen wanderten über ihren Hals, ihre Schulter, tiefer. Er nahm sich Zeit, lernte jeden Zentimeter ihrer Haut, lauschte auf jedes Geräusch, das sie machte.

„Luca", keuchte sie, als seine Hände tiefer glitten. „Bitte—"

„Was brauchst du?"

„Dich. Mehr."

„Ich bin hier." Seine Finger fanden sie, und sie schrie leise auf.

Er hörte auf jedes Keuchen. Auf jedes Stocken ihres Atems. Auf das Zittern in ihrer Stimme, wenn sie seinen Namen sagte. Lernte, was sie brauchte, was sie zum Beben brachte.

„Luca—"

 

 

„Ich höre dich. Ich habe dich."

„Bitte. Ich brauche—"

„Sag es."

„Dich. In mir."

Er zog sie auf seinen Schoß, ihre Körper fanden zusammen, und beide stöhnten.

Sie bewegten sich, langsam zuerst, dann dringlicher. Seine Hände hielten ihre Hüften, leiteten sie, seine Lippen fanden ihren Hals.

„Sag meinen Namen", murmelte er.

„Luca."

„Noch einmal."

„Luca." Sie klammerte sich an ihn, spürte, wie sie sich der Kante näherte. „Luca, ich—"

„Ich weiß. Ich auch. Lass los."

Und sie tat es, stürzte über die Kante, seinen Namen ein Schrei auf ihren Lippen. Er folgte ihr, sein Gesicht in ihrem Hals vergraben, ihre Namen beide verwoben.

Später, als sie aneinander gelehnt dalagen, die Luft noch warm, die Körper noch vibrierend, die Herzen noch rasend, flüsterte sie: „Ich habe noch nie so gefühlt."

„Ich auch nicht."

„Wie ist das möglich? Wir kennen uns kaum."

„Ich kenne dich", sagte er leise. Seine Finger strichen durch ihr Haar. „Vielleicht nicht dein Gesicht. Aber ich kenne deine Wahrheit. Die Teile von dir, die du nicht versteckst, wenn du allein bist. Ich kenne deine Stimme, wenn sie ehrlich ist. Ich kenne dein Verlangen. Deine Einsamkeit. Deine Sehnsucht."

Yasmin schloss die Augen. Eine Träne löste sich, lief über ihre Wange.

Er spürte es. Seine Daumen wischten sie weg.

„Nicht weinen."

„Es ist gut. Es sind gute Tränen."

„Gut."

Er zog sie näher, küsste ihre Stirn. „Bleib heute Nacht."

„Ja."

Sie schliefen aneinander geschmiegt, und zum ersten Mal seit Monaten fühlte sich Yasmin nicht allein.

Die Heizung fiel nie wieder aus.

Aber Yasmin ging trotzdem jeden Abend zu ihm.

Manchmal spielte er. Manchmal las sie ihm vor, ihre Stimme weich in der Dunkelheit.

Manchmal taten sie nichts als lieben, ihre Körper eine Konversation ohne Worte.

Und in der Stille zwischen den Tönen und Worten hörten sie einander.

Nicht mit den Ohren.

Mit etwas Tieferem.

Etwas, das keine Augen brauchte, um zu sehen.

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