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Narrabelle – Stories of Love

Artikel: Stille Seiten

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Schließ die Augen und fang an zu träumen.

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Die Espressotasse kippte. Sophia fing sie gerade noch ab, bevor der Rest über ihre Notizen schwappte. Ihre Hand zitterte.

Sie presste die Handflächen auf die kühle Tischplatte. Durchatmen. Nur ein Blick. Nichts weiter.

Aber er hatte zurückgeschaut.

Durch die hohen Fenster im zweiten Stock fiel Märzlicht in harten Winkeln. Der Lesesaal roch nach Bohnerwachs und vergilbtem Papier. Sophia starrte auf die Handschrift vor sich – eine Abschrift von Petrarca, 14. Jahrhundert – und verstand kein einziges Wort mehr.

Drei Tische entfernt schlug er eine Seite um. Das Papier raschelte.

Sie hatte ihn vor zwei Wochen zum ersten Mal gesehen. Ausgebleichtes Leinenhemd, die Ärmel hochgerollt. Dunkles Haar, das ihm in die Stirn fiel, wenn er sich über seine Bücher beugte. Sie hatte nicht hingeschaut. Nicht wirklich. Nur diese peripheren Blicke, wenn sie aufstand, um ein Buch zu holen. Wenn sie sich die Augen rieb. Wenn sie aus dem Fenster sah.

Heute Morgen hatte er den Kopf gehoben, genau in dem Moment, als sie zu ihm rübersah.

Ihre Tinte verschmierte auf der Karteikarte.

 

Nahaufnahme eines Arbeitstisches mit aufgeschlagenen Büchern und Notizen im warmen Sonnenlicht; eine Hand greift nach einer kleinen Espressotasse.

 

Das Kratzen eines Stuhls. Schritte auf dem Parkettboden.

Sophia hob nicht den Kopf. Sie sah braune Lederschuhe mit Staubrändern. Lange Finger, die ein aufgeschlagenes Buch hielten.

"Entschuldigung." Eine warme Stimme, leiser Akzent. "Dieser Absatz – kennst du die Quelle?"

Sie musste schlucken, bevor sie aufsah.

Schmales Gesicht. Hohe Wangenknochen. Eine kleine Narbe über der rechten Augenbraue. Augen so dunkel, dass sie das Licht zu absorbieren schienen.

Das Buch in seinen Händen war aufgeschlagen bei einem Kommentar zu Petrarcas Sonetten. Sie kannte die Handschrift – hatte dieselbe Passage vor zwei Wochen transkribiert.

"Codex Riccardiano," hörte sie sich sagen. Ihre Stimme klang fremder als gewollt. "Vierzehntes Jahrhundert. Die Marginalie stammt wahrscheinlich aus Padua."

Sein Lächeln erreichte seine Augen. "Grazie."

Eine Pause. Er bewegte sich nicht.

"Arbeitest du auch über Petrarca?"

"Übersetzungsfehler in Abschriften." Die Worte kamen automatisch. "Wie sich Bedeutung verschiebt."

"Kontrollverlust."

Keine Frage. Eine Feststellung.

Sophia spürte, wie sich etwas in ihrer Brust zusammenzog. "Transformation."

Er nickte, als hätte sie eine Prüfung bestanden. Seine Hand bewegte sich zum Stuhl gegenüber – eine Geste, keine Forderung.

Sie nickte.

Er setzte sich. Zwischen ihnen war zu viel Abstand für ein Gespräch. Und gleichzeitig viel zu wenig.

"Mateo."

"Sophia."

Draußen läuteten die Glocken von Santo Spirito. Das Geräusch drang dünn durch die dicken Mauern.

"Du kommst jeden Tag hierher," sagte er.

"Du auch."

"Ich dachte, ich wäre der Einzige, der zählt."

Etwas in ihrer Brust sprang auf. Wie eine Tür, die zu lange verschlossen war.

 

Ein Mann und eine Frau sitzen sich an einem langen Holztisch in einer Bibliothek gegenüber und sehen sich intensiv an, umgeben von alten Büchern, während Sonnenlicht Staubpartikel in der Luft beleuchtet.

 

Am nächsten Tag wartete er vor der Bibliothek.

Er lehnte an der Steinmauer, eine Zeitung in der Hand, die er nicht las. Als Sophia durch die Tür trat, faltete er sie zusammen.

"Kaffee?"

Sie hätte nein sagen sollen.

"Ja."

Sie liefen durch die engen Gassen von San Frediano. Wäsche hing zwischen den Häusern. Der Geruch von frischem Brot quoll aus offenen Türen. Ihre Schultern streiften sich zweimal. Beim dritten Mal zog sie den Arm nicht weg.

Das Café hatte Formica-Tische und einen Barista, der sie nicht ansah. Mateo trank seinen Espresso in einem Zug. Sophia umfasste ihre Tasse mit beiden Händen, weil sie nicht wusste, wohin damit.

"Wie lange bleibst du?"

"Sechs Monate. Vielleicht."

"Und dann?"

"Berlin. Wahrscheinlich."

"Du klingst nicht überzeugt."

Sie sah ihn an. Er hatte recht. Sie war sich über gar nichts mehr sicher.

"Und du?"

"Ich lebe hier. Drei Jahre schon."

"Warum Florenz?"

"Barcelona war zu laut. Hier—" Er zuckte mit den Schultern. "Hier bin ich niemandem im Weg."

Draußen begann es zu regnen. Leichtes Prasseln gegen die Fenster. Mateo zog seine Jacke enger, machte aber keine Anstalten zu gehen.

"Was machst du, wenn du nicht in der Bibliothek bist?"

"Nichts."

"Nichts?"

"Spazieren. Manchmal Kino."

"Allein?"

"Ja."

Er sah sie an, als wäre das die interessanteste Antwort, die er je gehört hatte.

"Ich auch."

 

Die Wochen wurden zu einem Rhythmus. Morgens die Bibliothek. Mittags Kaffee. Gespräche über Bücher, über Sprache, über Sätze, die im Kopf hängen blieben. Er zitierte Lorca. Sie antwortete mit Rilke. Ein Tanz aus Worten, ohne Berührung.

Bis zu dem Abend im April, als er fragte: "Kommst du mit zu mir?"

 

Seine Wohnung lag im dritten Stock in der Nähe von Santa Croce. Kein Aufzug. Das Treppenhaus roch nach Kalk und Feuchtigkeit.

Ein Raum. Bücher überall. Ein offenes Fenster, durch das Vespa-Lärm und ferne Glocken drangen.

Er machte Tee. Sie setzte sich auf den einzigen Stuhl. Er blieb stehen, lehnte gegen die Anrichte.

"Keine Vorhänge," bemerkte sie.

"Ich mag das Licht."

"Auch nachts?"

"Vor allem nachts."

Die Tasse war warm in ihren Händen. Minze und Zitrone.

"Warum bist du wirklich hier?"

Seine Stimme war ruhig. Keine Anklage.

"Ich musste weg."

"Von jemandem?"

"Von mir selbst."

Er nickte langsam. "Funktioniert es?"

"Manchmal."

"Und die anderen Male?"

Sie antwortete nicht.

Die Luft zwischen ihnen verdichtete sich. Mateo stellte seine Tasse ab, kam näher. Einen Schritt. Noch einen.

"Ich sollte gehen," flüsterte sie.

"Solltest du?"

Sie stand auf. Blieb stehen.

Seine Hand legte sich an ihre Wange. Leicht, fast schwebend.

Sophia schloss die Augen. Die Berührung brannte.

Seine Hand glitt zu ihrem Kinn, hob es an.

"Wenn du gehen willst, dann geh."

Sie ging nicht.

 

Ein Paar sitzt händchenhaltend auf der Bettkante in einem spärlich beleuchteten Zimmer mit offenem Fenster, durch das der blaue Abendhimmel zu sehen ist; eine einzelne Kerze brennt auf einer Holzkiste.

Der Kuss war langsam. Seine Lippen warm und fremd. Ihre Hände fanden seinen Nacken. Seine Arme ihre Taille. Nichts passte perfekt. Aber es fühlte sich richtig an.

Als sie sich lösten, strich er ihr eine Strähne hinters Ohr. Seine Finger zitterten.

"Bleib."

Sie blieb.

Sie lagen nebeneinander auf dem schmalen Bett, angezogen, nur ihre Hände berührten sich. Draußen wurde es dunkel. Das Licht der Straßenlaternen malte Schatten an die Decke.

"Erzählst du mir irgendwann, wovor du weggelaufen bist?"

"Vielleicht."

"Aber nicht heute."

"Nicht heute."

Er drückte ihre Hand.

Sie schlief ein zu dem Geräusch seines Atems.

 

Als sie erwachte, stand er am Fenster, nackt bis zur Hüfte, und sah hinaus. Goldenes Morgenlicht auf seiner Haut.

Sie betrachtete die Linien seiner Schulterblätter. Die Art, wie sein Körper das Licht fing.

Er drehte sich um. Lächelte.

"Kaffee?"

"Ja."

Er brachte ihr eine Tasse. Sie trank im Bett. Er setzte sich neben sie.

"Was jetzt?"

"Jetzt frühstücken wir."

"Ich meine—"

"Ich weiß." Er sah sie an. "Nichts muss jetzt sein. Nur das, was ist."

Ihre Brust wurde eng. Nicht vor Angst.

 

Die Wochen danach: seine Hand auf ihrem Rücken beim Durchgehen einer Tür. Ihre Finger, die seine streiften beim Griff nach demselben Buch. Abende bei ihm. Manchmal blieb sie. Manchmal nicht.

Ein Abend, an dem er ihr Dante vorlas. Sie verstand nicht jedes Wort, aber die Melodie seiner Stimme reichte.

Ein Morgen, an dem sie zusammen kochten und sie die Zwiebeln verbrannte, weil sie ihn ansah statt auf den Herd.

Eine Nacht, in der sie nicht schlafen konnte und er wach blieb, nur um neben ihr zu sein.

 

Im Mai saßen sie spät abends am Arno. Die Stadt beleuchtet, das Wasser schwarz wie Glas.

"Ich habe das nie gesucht," sagte sie.

"Was?"

"Das hier. Dich."

"Ich auch nicht."

"Aber es ist trotzdem passiert."

"Ja."

Sie lehnte den Kopf an seine Schulter.

"Was, wenn ich wieder gehe?"

"Dann gehst du."

"Und das wäre okay?"

Er zögerte. "Nein. Aber ich würde es verstehen."

 

Der Sommer kam. Ihr Stipendium lief im August aus.

Eines Abends, auf seinem Bett: "Ich könnte bleiben."

Er legte das Buch beiseite. Seine Hand fand ihre.

"Ich will, dass du tust, was sich richtig anfühlt."

"Was, wenn ich nicht weiß, was sich richtig anfühlt?"

"Dann wartest du, bis du es weißt."

"Ich habe Angst. Dass ich hier bleibe und dann merke, dass es egal ist, wo ich bin."

Er strich ihr übers Haar. "Oder du bleibst und merkst, dass es nicht egal ist."

Ihre Hand hielt seine.

 

Im August verlängerte sie ihr Stipendium nicht. Buchte auch keinen Flug.

Stattdessen zog sie in eine kleine Wohnung nahe der Bibliothek. Mateo half ihr. Sie besaß fast nichts.

"Das ist verrückt," sagte sie auf dem leeren Boden sitzend.

"Ja." Er lächelte.

 

Eine Frau mit langen roten Haaren steht bei Dämmerung auf einer Dachterrasse, hält ein Weinglas und blickt über das Panorama der Stadt Florenz.

 

Die Monate danach waren keine Märchen. Es gab Streit. Fremdheit. Zweifel.

Aber auch: Morgenkaffee im Bett. Spaziergänge durch Fiesole. Abende, an denen sie nebeneinander arbeiteten, jeder in seine Welt vertieft, und doch zusammen.

Kein Drama. Keine große Liebe wie im Film. Nur zwei Menschen, die beschlossen hatten, sich nicht im Weg zu stehen.

An einem Oktoberabend saßen sie auf seiner Dachterrasse. Der Himmel violett. Die Glocken von Santa Croce läuteten.

"Bereust du es?"

"Manchmal."

"Nur manchmal?"

Sie lächelte. "Nur manchmal."

Er reichte ihr ein Glas Wein. Sie stießen an.

Sophia sah über die Dächer. Irgendwo da draußen war ihr altes Leben. Berlin. Die Universität. Die Person, die sie gewesen war.

Aber hier war sie jetzt.

Mateo legte seine Hand auf ihre. Sie drehte ihre Handfläche nach oben.

Ihre Finger verschränkten sich.

Das Licht änderte sich. Die Stadt wurde dunkler.

Auf der Terrasse blieb es warm.

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