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Narrabelle – Stories of Love

Artikel: Zwischen Stahl und Stille

Zwischen Stahl und Stille

Zwischen Stahl und Stille

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Schließ die Augen und fang an zu träumen.

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Der Stromausfall kam um 21:47 Uhr.

Lara spürte es zuerst an den Bildschirmen – wie sie flackerten, einmal, zweimal, dann starben. Die Klimaanlage verstummte. Das Gebäude hielt den Atem an.

Sie stand am Fenster im 28. Stock, die Stadt unter ihr ein Meer aus Lichtern, das jetzt zu erlöschen begann, Block für Block, als würde jemand Kerzen ausblasen. Ihr Spiegelbild im Glas war blass, erschöpft, die Bluse zerknittert nach vierzehn Stunden.

Hinter ihr räusperte sich jemand.

Sie drehte sich nicht um. Sie musste nicht. Sie erkannte ihn am Klang seines Atems.

„Becker."

„Winter."

Nur die Nachnamen. Immer nur die Nachnamen. Als könnten Vornamen eine Grenze überschreiten, die sie sich beide geschworen hatten zu halten.

„Das Treppenhaus ist verriegelt", sagte er, und seine Stimme klang rauer als sonst. „Automatische Sicherheitsschotten. Bis der Notstrom wieder da ist."

Sie schloss kurz die Augen. Natürlich. Natürlich war ausgerechnet er noch hier. Der einzige Mensch in diesem Turm aus Glas und Ambition, vor dem sie nicht davonlaufen konnte.

„Wie lange?"

„Keine Ahnung. Stunden vielleicht."

Stunden.

Mit ihm.

 

 

Sie wandte sich um, langsam, als würde jede Bewegung etwas kosten. Das Notlicht über der Tür warf einen schmalen, kühlen Streifen auf die Wand – genug, um Umrisse zu sehen, nicht genug, um sich zu verstecken.

Er stand am Konferenztisch, die Ärmel hochgekrempelt, die Krawatte gelöst. Seine Augen waren Schatten.

„Du hättest längst zu Hause sein können", sagte sie.

„Du auch."

„Ich arbeite noch."

„Ich auch."

Natürlich. Natürlich war das seine Antwort. Sie hatten vier Monate lang um denselben Projektleitungsposten gekämpft – höflich, professionell, mit Messern aus Zahlen und Präsentationen. Vor drei Tagen hatte die Geschäftsführung entschieden: Keiner von beiden. Zu nah beieinander. Zu kompetent. Zu gefährlich, einem den Vorzug zu geben.

Stattdessen: Co-Leitung.

Sie hasste das Wort.

„Wir sollten die Kerzen aus dem Erste-Hilfe-Schrank holen", sagte sie und ging an ihm vorbei, dicht genug, um den Geruch von seinem Aftershave zu riechen – Zedernholz und etwas Scharfem, das ihr den Atem nahm.

Er folgte ihr nicht sofort. Aber sie spürte seinen Blick.


Die Kerzen waren alt, billig, wahrscheinlich seit Jahren unbenutzt. Sie zündete drei an, stellte sie auf den Tisch, und das Licht kroch über die Wände, warm und unruhig.

„Besser."

„Ist es das?"

Sie sah ihn an. Er lehnte gegen die Wand, die Arme verschränkt, und das Kerzenlicht machte aus seinem Gesicht eine Studie in Kontrasten – harte Linien, weiche Schatten.

„Was soll das heißen?"

„Du weißt genau, was ich meine."

Ihre Finger schlossen sich um die Tischkante. „Nein. Tue ich nicht."

 

 

„Lara."

Ihr Vorname. Zum ersten Mal seit Monaten.

Die Stille danach fühlte sich an, als hätte jemand eine Tür geöffnet, die geschlossen bleiben sollte.

„Sag das nicht", flüsterte sie.

„Warum nicht?"

„Weil—" Sie brach ab. Weil es alles komplizierter macht. Weil ich nicht will, dass du real wirst.

Er stieß sich von der Wand ab, kam näher, zwei Schritte, drei. Nicht nahe genug, um sie zu berühren. Nahe genug, um die Luft zwischen ihnen zu verdichten.

„Du denkst, ich wüsste nicht, warum du mich hasst?"

„Ich hasse dich nicht."

„Lügner."

Seine Stimme war leise, fast zärtlich, und genau das machte es unerträglich.

„Du hasst mich", fuhr er fort, „weil ich das Einzige bin, was zwischen dir und dem steht, was du willst. Und weil du weißt, dass ich genauso gut bin wie du. Vielleicht sogar besser."

Sie lachte – ein kurzes, scharfes Geräusch. „Besser? Du bist arrogant, Julian."

Jetzt sein Vorname. Die Grenze zerbröckelte.

„Arrogant", wiederholte er. „Okay. Was noch?"

„Kontrollsüchtig. Kalt. Unmöglich."

„Und du bist perfekt?"

„Nein. Aber ich bin ehrlich."

„Ehrlich." Er trat noch einen Schritt näher. „Dann sei ehrlich. Warum bist du wirklich noch hier?"

Ihr Herz schlug zu schnell. „Ich habe dir gesagt—"

„Du bist nicht hier, um zu arbeiten."

„Woher willst du—"

 

 

„Weil ich auch nicht hier bin, um zu arbeiten."

Die Worte hingen in der Luft, schwer und gefährlich.

Das Kerzenlicht flackerte. Irgendwo in der Tiefe des Gebäudes ächzte die Struktur, Stahl auf Stahl, und der Klang war so menschlich, dass sie zusammenzuckte.

Julian sah sie an, und in seinen Augen war etwas, das sie noch nie gesehen hatte. Nicht Triumph. Nicht Berechnung.

Verletzlichkeit.

„Ich hasse dich nicht", sagte er leise. „Ich wünschte, ich könnte."

Sie öffnete den Mund, aber keine Worte kamen. Ihre Lungen vergaßen, wie man atmet.

„Aber ich kann nicht", fuhr er fort, und jetzt war seine Stimme nur noch ein Flüstern. „Weil jedes Mal, wenn du den Raum betrittst, vergesse ich, warum wir Feinde sein sollten."


Sie hätte gehen sollen. An ihm vorbei, an die Tür, irgendwohin. Aber ihre Füße bewegten sich nicht.

Stattdessen hörte sie sich sagen: „Du machst es mir nicht leicht."

„Gut."

„Julian—"

„Ich will dir nichts leicht machen." Er hob eine Hand, langsam, wie man sich einem verängstigten Tier nähert, und strich eine Haarsträhne hinter ihr Ohr. Seine Fingerspitzen streiften ihre Wange, kaum eine Berührung, und doch brannte es.

„Ich will, dass du kämpfst", sagte er. „Ich will, dass du mich ansiehst wie jetzt – als ob du nicht weißt, ob du mich schlagen oder küssen willst."

„Beides", flüsterte sie, bevor sie sich zurückhalten konnte.

Sein Lächeln war dunkel, gefährlich, wunderschön.

„Dann tu es."

Sie hätte Nein sagen sollen. Sie hätte an die Regeln denken sollen, an die Firma, an die Co-Leitung, an alles, was sie sich aufgebaut hatte.

Stattdessen legte sie ihre Hand auf seine Brust – nur um Abstand zu halten, sagte sie sich. Aber sie spürte seinen Herzschlag, schnell und wild, und begriff, dass er genauso verängstigt war wie sie.

„Wenn wir das tun", sagte sie, und ihre Stimme zitterte, „gibt es kein Zurück."

„Ich weiß."

„Wir werden Fehler machen."

„Ich weiß."

 

 

„Und du wirst—" Sie brach ab, weil plötzlich seine Hand auf ihrer Taille lag, warm durch den dünnen Stoff ihrer Bluse.

„Ich werde was?", fragte er, und seine Lippen waren so nah, dass sie seinen Atem spüren konnte.

„Du wirst mich trotzdem nicht gewinnen lassen."

Er lachte leute, ein Klang wie Samt über Stein. „Niemals."

Und dann küsste er sie.

Nicht sanft. Nicht fragend. Als hätte er Monate darauf gewartet, und jetzt, wo die Tür offen war, gab es keine Höflichkeit mehr.

Sie hätte zurückweichen sollen. Sie hätte protestieren sollen.

Stattdessen zog sie ihn näher.

Ihre Finger gruben sich in sein Hemd, und er stöhnte leise, tief in seiner Kehle, ein Geräusch, das sie noch nie von ihm gehört hatte. Seine Hände glitten in ihre Haare, hielten sie fest, und der Kuss vertiefte sich, wurde verzweifelter, als würden sie beide ertrinken.

„Lara—" Ihr Name war ein Gebet, ein Fluch.

„Nicht reden", keuchte sie gegen seinen Mund.

„Okay."

Er hob sie auf den Tisch, und sie schlang ihre Beine um seine Hüften, zog ihn zwischen ihre Schenkel, und die Kerzen wackelten gefährlich, aber es war ihr egal. Nichts war ihr egal außer dem Gefühl seiner Hände auf ihrer Haut, dem Gewicht seines Körpers gegen ihren, der Art, wie er sie ansah – als wäre sie das Einzige, was in diesem Moment existierte.

Seine Lippen wanderten ihren Hals hinab, fanden die empfindliche Stelle unter ihrem Ohr, und sie bog sich ihm entgegen, ein leises Wimmern entkam ihr.

„Sag mir, dass ich aufhören soll", murmelte er gegen ihre Haut.

„Nein."

„Lara—"

„Hör nicht auf."

Er löste sich von ihr, nur einen Moment, und sein Blick war dunkel, gefährlich ernst. „Bist du sicher?"

Sie hätte lügen können. Sie hätte sich schützen können.

Stattdessen zog sie ihn zurück zu sich. „Ich war noch nie so sicher."


Später – Minuten, Stunden, sie hatte jedes Zeitgefühl verloren – lagen sie auf dem Boden, ihre Jacke unter ihnen, seine Krawatte irgendwo in der Dunkelheit.

Das Notlicht über der Tür warf immer noch seinen schmalen Streifen, und die Kerzen waren fast heruntergebrannt.

Julian lag auf dem Rücken, eine Hand in ihren Haaren, die andere auf ihrer Hüfte. Sie lag mit dem Kopf auf seiner Brust, hörte seinem Herzschlag zu, wie er langsam wieder normal wurde.

Keiner von ihnen sprach.

Die Stille war anders jetzt. Nicht angespannt. Nicht feindselig.

Einfach.

„Das war dumm", sagte sie schließlich.

„Sehr dumm", stimmte er zu.

„Wir sollten es nicht wieder tun."

„Definitiv nicht."

Eine Pause.

„Aber wir werden es trotzdem tun, oder?"

Seine Hand bewegte sich in ihrem Haar, sanft, fast abwesend. „Wahrscheinlich."

 

 

Sie lächelte gegen seine Brust.

Dann, leise: „Julian?"

„Ja?"

„Ich will immer noch den Posten."

Er lachte, ein tiefes, warmes Geräusch, das durch seine Rippen vibrierte. „Ich auch."

„Gut."

„Gut."

Sie hob den Kopf, sah ihn an. Das Licht fing sich in seinen Augen, machte sie weicher.

„Dann sind wir uns einig", sagte sie.

„Worüber?"

„Dass das alles noch komplizierter werden wird."

Er setzte sich auf, nahm ihr Gesicht in beide Hände, und der Ernst darin ließ ihr Herz stolpern.

„Ich mag kompliziert", sagte er. „Wenn es mit dir ist."

Sie hätte etwas Kluges sagen sollen. Etwas Distanziertes.

Stattdessen küsste sie ihn wieder, langsamer diesmal, zärtlicher, und draußen begann es zu regnen.


Um Mitternacht kam der Strom zurück.

Die Lichter flackerten an, grell und unsentimental. Die Klimaanlage erwachte mit einem Summen. Irgendwo piepte ein Computer.

Sie standen am Fenster, ihre Bluse halb zugeknöpft, sein Hemd zerknittert. Die Stadt unter ihnen leuchtete wieder, als wäre nichts gewesen.

„Treppenhaus ist wahrscheinlich offen", sagte er.

„Wahrscheinlich."

Keiner von ihnen bewegte sich.

Der Regen lief in Strömen am Glas herunter, verzerrte die Lichter zu abstrakten Mustern. Sie sah ihr Spiegelbild – und seins, direkt hinter ihr.

„Lara."

Sie drehte sich um.

„Morgen", sagte er, „wenn wir hier reinkommen—"

„Wirst du immer noch unmöglich sein."

„Und du immer noch stur."

„Vermutlich."

Ein Lächeln zuckte um seine Lippen. „Okay."

„Okay."

 

 

Aber als sie zur Tür ging, griff er nach ihrer Hand.

Sie sah auf ihre verschränkten Finger hinab – seine groß und warm um ihre –, und etwas in ihrer Brust löste sich.

„Nur damit wir uns verstehen", sagte er leise. „Ich gebe dir nicht nach."

„Würde ich auch nicht wollen."

„Und ich werde dich nicht schonen."

„Gut."

„Aber—" Er zog sie näher, bis nur noch Millimeter zwischen ihnen waren. „Wenn du irgendwann beschließt, dass das hier—" er deutete zwischen ihnen hin und her, „—es wert ist, gekämpft zu haben... dann kämpfe ich mit dir. Nicht gegen dich."

Ihre Augen brannten. Sie blinzelte hart.

„Das ist das Romantischste, was du je gesagt hast."

„Ich arbeite daran."

Sie lachte, leise, ein Geräusch wie Erleichterung.

Dann küsste sie ihn ein letztes Mal – kurz, sanft, ein Versprechen.

„Gute Nacht, Julian."

„Gute Nacht, Lara."


Als sie das Gebäude verließ, hatte der Regen aufgehört.

Die Luft roch nach Asphalt und Frühling.

Sie sah zurück zum Turm, zu den erleuchteten Fenstern im 28. Stock, und lächelte.

Morgen würden sie sich wieder anschreien. Morgen würden sie konkurrieren, streiten, sich gegenseitig herausfordern.

Aber heute Nacht – heute Nacht hatte die Dunkelheit ihnen etwas geschenkt, das das Licht niemals hätte erlauben können.

Ehrlichkeit.

Und vielleicht, nur vielleicht, den Anfang von etwas, das weder von ihnen allein hätte bauen können.

Sie zog ihre Jacke enger um sich und ging in die Nacht hinaus.

Hinter ihr, in einem Fenster des 28. Stocks, stand ein Mann und sah ihr nach, bis sie in der Menge verschwand.

Dann lächelte er.

Und machte sich eine Notiz für morgen:

Kaffee mitbringen. Schwarz. Wie sie ihn mag.

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