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Narrabelle – Stories of Love

Artikel: Verdient vergeben

Verdient vergeben
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Schließ die Augen und fang an zu träumen.

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I.

Maria bemerkte ihn, bevor sie ihn sah.

Eine Veränderung in der Luft des Konferenzraums, eine Verschiebung im Licht, das durch die hohen Fenster des venezianischen Hotels fiel. Sie stand am Rand der Empfangshalle, ein Glas Mineralwasser in der Hand, und beobachtete die anderen Architekten, die sich um die Ausstellungstische drängten. Athen hatte sie geschickt. Das Projekt in Thessaloniki hatte internationale Aufmerksamkeit erregt, und nun war sie hier, Venedig, ein Symposium über mediterrane Restaurierung, fünf Tage zwischen Stein und Wasser.

 

 

Dann drehte sie den Kopf.

Stavros.

Er stand in der Tür, im Gespräch mit einem älteren Mann, den Kopf leicht geneigt. Dieselbe Haltung wie früher, diese ruhige Aufmerksamkeit, als ob die Welt sich erst ordnete, wenn er zuhörte. Er trug einen dunklen Anzug, kein Schwarz, eher das tiefe Marineblau, das im Sonnenlicht fast violett schimmerte. Sein Haar war kürzer. Grau an den Schläfen.

Ihre Finger spannten sich um das Glas.

Acht Jahre.

Acht Jahre, seit er ihre Wohnung in Pangrati verlassen hatte, die Tür leise hinter sich zugezogen, als wäre Stille eine Form von Respekt. Als wäre das, was er getan hatte, etwas, das man respektvoll behandeln konnte.

Ihr Puls klopfte in ihrem Hals. Sie stellte das Glas ab, bevor ihre Hand zittern konnte.

Er sah auf.

Ihre Blicke trafen sich über fünfzehn Meter Marmorboden, und Maria spürte, wie die Luft zwischen ihnen dicker wurde. Nicht weich. Nicht nostalgisch. Etwas Schwereres. Etwas, das nach Blei schmeckte.

Stavros blinzelte einmal, langsam, als müsse er sich vergewissern. Dann sagte er etwas zu dem Mann neben sich, nickte und ging.

Er kam auf sie zu.

 

II.

»Maria.«

Seine Stimme war tiefer geworden. Oder vielleicht hatte sie nur vergessen, wie sie klang, wenn er ihren Namen sagte.

»Stavros.« Sie verschränkte die Arme. Keine Umarmung. Kein Lächeln. »Welch Zufall.«

»Kein Zufall.« Er blieb zwei Schritte entfernt stehen, als wüsste er, dass Nähe ein Fehler wäre. »Ich habe dein Projekt im Programm gesehen. Ich wusste, dass du hier sein würdest.«

Das Blut in ihren Ohren wurde lauter.

»Du wusstest es.«

»Ja.«

 

 

»Und du bist trotzdem gekommen.«

»Deswegen bin ich gekommen.«

Sie lachte, ein kurzes, hartes Geräusch, das eher Waffe als Ausdruck von Freude war. »Das ist bemerkenswert selbstsüchtig, selbst für dich.«

Er schluckte. Sie sah seinen Kehlkopf sich bewegen, die Anspannung in seiner Kieferpartie.

»Du hast recht«, sagte er leise. »Aber ich musste es versuchen.«

»Was versuchen, Stavros?« Ihre Stimme war zu laut. Ein paar Köpfe drehten sich. Sie senkte sie, zwang sich zur Kontrolle. »Was genau willst du versuchen? Dich entschuldigen? Mich um Vergebung bitten? Mir erzählen, dass es ein Fehler war?«

»Nein.« Seine Augen hielten ihre fest. Braun, fast schwarz im Schatten. »Ich will dir nicht sagen, dass es ein Fehler war. Es war eine Entscheidung. Eine falsche. Eine feige. Und du hast jedes Recht, mich zu hassen.«

Das Wort, hassen, hing zwischen ihnen wie Rauch.

Maria spürte, wie etwas in ihrer Brust nachgab, dann sich wieder verhärtete.

»Gut«, sagte sie. Ihre Stimme zitterte nicht. »Dann sind wir uns einig.«

Sie drehte sich um und ging.

 

III.

In der Nacht konnte sie nicht schlafen.

Das Hotelzimmer war zu still. Venedig draußen murmelte, Wasser gegen Stein, das entfernte Echo von Stimmen, die über Brücken hallten. Aber hier drinnen war es zu ruhig, zu leer, und ihr Kopf weigerte sich, abzuschalten.

Sie lag auf dem Bett, noch immer in der Bluse und dem Rock, die sie zur Konferenz getragen hatte, und starrte an die Decke. Das Stuckornament tanzte im schwachen Licht der Straßenlaterne draußen.

Stavros.

Sein Gesicht. Die Linien darin, die neu waren. Die Art, wie er ihren Namen gesagt hatte, nicht wie eine Frage, sondern wie eine Feststellung. Als hätte er das Recht darauf aufgegeben, ihre Aufmerksamkeit zu erwarten, aber es trotzdem versucht.

Sie erinnerte sich an die letzte Nacht in Athen.

Die Wohnung in Pangrati, die sie geteilt hatten. Der Balkon mit Blick auf den Lykabettus. Der Geruch von Jasmin und Abgasen, die Hitze, die selbst um Mitternacht nicht nachließ. Sie hatten auf dem Bett gelegen, ihre Haut feucht vom Sex und der Sommernacht, und er hatte ihre Hand gehalten, Daumen über Knöchel streichelnd, als wäre sie etwas Zerbrechliches.

 

 

»Ich bleibe«, hatte er gesagt. »Ich bleibe bei dir, was auch passiert.«

Drei Wochen später war er gegangen.

Kein Streit. Keine Erklärung, die Sinn ergab. Nur eine Nachricht am Morgen, ich kann das nicht, es tut mir leid, und eine Stille, die Monate gedauert hatte, bis sie aufhörte, auf eine weitere Nachricht zu warten.

Maria rollte sich auf die Seite, presste die Stirn gegen das kühle Leinen.

Sie hatte ihn nicht gehasst. Nicht sofort. Sie hatte ihn verstehen wollen, hatte sich Geschichten erzählt, um seine Feigheit zu rechtfertigen. Vielleicht hatte er Angst gehabt. Vielleicht hatte die Enge der Beziehung ihn erstickt. Vielleicht war sie zu viel gewesen, zu fordernd, zu...

Aber dann war die Wut gekommen. Langsam erst, wie Wasser, das sich durch Risse drängt, dann als Flut. Nicht weil er gegangen war. Sondern weil er ihr nicht einmal die Wahrheit gegeben hatte. Weil er sie im Ungewissen gelassen hatte, ohne Antworten, ohne Würde.

Und jetzt war er hier.

Deswegen bin ich gekommen.

Sie schloss die Augen.

Draußen läutete eine Kirchenglocke, einmal, zweimal, dann Stille.

 

IV.

Am nächsten Morgen begegnete sie ihm wieder.

Die Sitzung über byzantinische Bautechniken war fast voll, aber sie fand einen Platz in der dritten Reihe. Sie öffnete ihren Notizblock, ordnete Stifte, zwang sich zu atmen.

Dann kam er.

Er setzte sich nicht neben sie. Er setzte sich zwei Reihen weiter hinten, schräg rechts. Aber sie spürte seine Anwesenheit wie Wärme auf der Haut, wie das Versprechen von Regen.

Die Präsentation begann. Ein Professor aus Thessaloniki sprach über Mörtel und Ziegel, über die Physik von Gewölben. Maria machte sich Notizen. Ihre Handschrift war zu fest, die Buchstaben zu eckig.

Nach einer Stunde wurde eine Pause angekündigt.

Sie stand schnell auf, wollte zur Tür, aber er war schneller.

»Maria.« Seine Hand berührte nicht ihren Arm, aber sie spürte die Nähe. »Bitte. Nur fünf Minuten.«

Sie drehte sich um. Das Licht aus dem Fenster war gnadenlos hell. Es ließ sein Gesicht älter erscheinen, aber nicht weicher.

»Warum?« Ihre Stimme war leise, kontrolliert. »Was gibt es noch zu sagen, Stavros?«

»Nichts, das es besser macht.« Er zögerte. »Aber ich schulde dir die Wahrheit. Die echte. Nicht die, die ich mir selbst erzählt habe.«

Sie hätte gehen können. Sollte gehen. Stattdessen hörte sie sich sagen: »Draußen.«

 

V.

Der Innenhof des Hotels war leer. Ein kleiner Garten, umgeben von hohen Mauern, mit einem Brunnen in der Mitte. Das Wasser plätscherte träge. Die Luft roch nach Stein und feuchtem Moos.

Maria setzte sich auf den Rand des Brunnens. Stavros blieb stehen, die Hände in den Hosentaschen, den Blick auf das Wasser gerichtet.

»Ich hatte Angst«, sagte er schließlich.

»Das hast du bereits gesagt.«

»Nein.« Er sah sie an. »Nicht Angst vor dir. Angst vor mir. Vor dem, was ich wollte.«

»Was wolltest du?«

»Alles.« Das Wort war zu roh, zu ungeschützt. »Ich wollte dich jeden Morgen, jeden Abend. Ich wollte alt mit dir werden. Ich wollte...« Er brach ab, atmete aus. »Ich wollte so sehr, dass es wehtat. Und ich hatte Angst, dass ich es nicht verdiene. Dass ich dich irgendwie enttäuschen würde, und du würdest gehen, und ich... ich habe es selbst getan, bevor du es konntest.«

Maria starrte ihn an.

Die Stille zwischen ihnen war nicht leer. Sie war voll von all den Dingen, die sie damals nicht gesagt hatten.

»Das«, sagte sie langsam, »ist die dümmste Logik, die ich je gehört habe.«

Er lachte, ein bitteres, erschöpftes Geräusch. »Ich weiß.«

»Du hast mich zerstört, Stavros.« Ihre Stimme brach nicht, aber sie wurde dünner. »Du hast gesagt, du bleibst, und dann bist du gegangen, als wäre ich nichts. Als wären wir nichts.«

»Ich weiß.«

 

 

»Und jetzt? Was soll das hier werden? Du erzählst mir die Wahrheit, und ich soll dir vergeben, und alles ist gut?«

»Nein.« Er schüttelte den Kopf. »Ich erwarte nichts. Ich wollte nur, dass du weißt, dass es nicht an dir lag. Dass du nichts falsch gemacht hast. Dass du... perfekt warst, und ich ein Feigling.«

Die Wut in ihrer Brust löste sich nicht auf. Aber sie verschob sich. Wurde zu etwas anderem. Etwas Traurigerem.

»Ich will dich nicht hassen«, sagte sie leise. »Aber ich weiß nicht, wie man aufhört.«

»Dann hass mich.« Seine Stimme war fest. »Aber lass es nicht... lass es nicht dein Leben bestimmen. Du verdienst mehr.«

Maria sah auf ihre Hände. Ihre Finger waren verschränkt, die Knöchel weiß.

»Ich habe jemand anderen geküsst«, sagte sie plötzlich. »Vor drei Jahren. Auf einer Baustelle in Kreta. Ein Ingenieur. Nett. Intelligent. Er wollte mehr.«

Stavros sagte nichts.

»Ich konnte nicht. Weil jedes Mal, wenn er mich berührte, habe ich mich gefragt, ob du dasselbe gefühlt hast. Ob ich wieder zu viel bin.«

Er schloss die Augen, als wäre das schmerzhafter als jede Anklage.

»Es tut mir leid«, flüsterte er. »Maria, es tut mir so leid.«

Sie stand auf. Ihre Beine fühlten sich unsicher an, aber sie hielt stand.

»Ich will deine Entschuldigung nicht.« Ihre Stimme war ruhiger jetzt, fester. »Ich will, dass du verstehst, was du mir genommen hast. Und ich will, dass du... dass du besser wirst. Für die nächste Frau. Für dich selbst.«

»Ich versuche es«, sagte er. »Seit Jahren.«

»Versuch härter.«

Sie ging zur Tür. Blieb dann stehen, drehte sich halb um.

»Wo arbeitest du jetzt?«

»Rom. Restaurierung von Kirchen.«

»Gut.« Sie nickte. »Bleib dort.«

 

VI.

Die Konferenz endete drei Tage später.

Maria hielt ihre Präsentation über die Wiederverwendung antiker Fundamente in modernen Strukturen. Sie sprach klar, präzise, und als der Applaus kam, erlaubte sie sich ein Lächeln.

Stavros war nicht im Raum.

Aber am letzten Abend, bei der Abschiedsveranstaltung am Canal Grande, sah sie ihn am Rand der Terrasse stehen. Er beobachtete das Wasser, ein Glas Wein in der Hand, das er nicht trank.

Sie zögerte. Dann ging sie zu ihm.

»Hallo.«

Er drehte sich um. Überrascht. Vorsichtig.

»Hallo.«

Sie standen nebeneinander, schauten auf die Lichter, die sich im dunklen Wasser spiegelten.

»Deine Präsentation war brillant«, sagte er leise.

»Danke.«

»Du warst immer besser als ich. In allem.«

»Nein«, sagte sie. »Nur in einigen Dingen.«

Die Stille war anders diesmal. Weniger schwer. Noch nicht leicht, aber... atembar.

»Ich fliege morgen zurück nach Athen«, sagte Maria.

»Ich nach Rom.«

 

 

Sie nickte.

Dann, ohne nachzudenken, berührte sie seine Hand. Nur kurz. Ihre Finger streiften seine Knöchel, eine Berührung, die kaum existierte.

»Pass auf dich auf, Stavros.«

Er sah sie an. In seinen Augen lag etwas, das sie nicht benennen konnte. Dankbarkeit, vielleicht. Oder Trauer.

»Du auch.«

Sie ging, ohne sich umzudrehen.

Aber als sie später in ihrem Hotelzimmer stand, das Fenster offen zur Nacht, spürte sie, dass etwas sich gelöst hatte. Nicht Vergebung, nicht vollständig. Aber ein Raum, in dem Vergebung vielleicht, eines Tages, atmen könnte.

Sie schloss die Augen und dachte an die Basilika, die sie morgen in Athen besuchen würde. An das Licht, das durch zerbrochene Fenster fiel. An die Schönheit von Dingen, die zerstört wurden und trotzdem standen.

Draußen bewegte sich das Wasser.

Und Maria, zum ersten Mal seit Jahren, schlief durch.

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