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Narrabelle – Stories of Love

Artikel: Der Mann ohne Gesicht

Der Mann ohne Gesicht

Der Mann ohne Gesicht

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Schließ die Augen und fang an zu träumen.

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Der Regen fiel in Wänden, in ganzen Vorhängen aus Wasser, die sich über die Route 36 legten und alles auslöschten, was weiter als drei Meter entfernt lag. Kathrin Sommer stand neben ihrem Mietwagen und rechnete. Sie rechnete immer, wenn sie nicht wusste, was sie tun sollte. Der linke Hinterreifen: platt, offensichtlich, der Gummi eingesackt wie ein müdes Gesicht. Die Distanz zur nächsten Ortschaft: laut Karte einundzwanzig Meilen. Das Handynetz: null Balken, seit vierzig Minuten. Die Wahrscheinlichkeit, dass um Viertel nach elf auf einer Landstraße westlich von Concordia noch jemand vorbeikam: gering, aber nicht null.

Sie hatte das Reserverad schon aus dem Kofferraum gehoben. Der Wagenheber lag daneben im Kies, und ihre Finger waren zu klamm, um die Radmuttern zu lösen. Das Wasser lief ihr in den Kragen, kalt und beharrlich, und ihre Jacke war längst nur noch eine zweite, schwerere Haut. Über ihr, an der verlassenen Tankstelle, deren Zapfsäulen wie abgestorbene Bäume dastanden, flackerte ein Neonschild. OPEN. Orangefarben, zuckend, eine Lüge in Röhrenform. Nichts war hier offen. Das Vordach tropfte in einem ungleichmäßigen Takt, den ihr Gehirn gegen ihren Willen zu zählen begann.

Dann hörte sie es. Ein Motor, tief und rund, kein Auto. Ein einzelnes Licht schnitt durch die Wasserwand, schwenkte, wurde langsamer. Ein Motorrad. Schwarz, nass glänzend, eine Maschine, die aussah, als wäre sie aus dem Regen selbst geformt worden. Es hielt zwei Meter neben ihr, der Fahrer setzte einen Stiefel in den Kies, und der Motor verstummte.

Kathrin trat einen halben Schritt zurück. Reflex. Ein Mann, allein, nachts, kein Zeuge auf zwanzig Meilen. Ihre rationale Hälfte katalogisierte bereits Fluchtwege, die es nicht gab, und Waffen, die sie nicht hatte. Der Wagenheber vielleicht.

Der Fahrer sagte nichts. Er stieg ab, ging an ihr vorbei, als wäre sie ein Verkehrsschild, und kniete sich neben das platte Rad. Der Vollvisierhelm blieb auf. Schwarz, ohne Aufkleber, ohne Markierung, das Visier von innen leicht beschlagen, wo sein Atem gegen das Plexiglas schlug und wieder verging. Zwei kleine Nebelflecken, die kamen und gingen im Rhythmus einer Lunge, die sie nicht sehen konnte.

„Ich schaff das selbst", sagte sie. Es klang schärfer, als sie wollte.

Er reagierte nicht. Er griff nach dem Radkreuz, das im Kies lag, setzte es auf die erste Mutter und löste sie mit einem kurzen, festen Ruck, jede genau eine Vierteldrehung gegen den Uhrzeigersinn, solange der Reifen noch am Boden stand und Gegenhalten hatte. Im Stern, wie es im Handbuch stand, das niemand las. Kathrin, die für ein Leben lang darauf trainiert war, Chaos in Formeln zu übersetzen, registrierte die Reihenfolge, bevor sie sie beurteilen konnte: erst lösen, dann aufbocken. Genau richtig. Sie ertappte sich dabei, wie sie seine Hände analysierte, statt ihm zu danken. Große Hände, Lederhandschuhe, an der rechten eine Naht, die sich gelöst hatte. Erst als alle Muttern gelockert waren, nahm er den Wagenheber und setzte ihn an der richtigen Stelle an, am Rahmen, nicht am Schweller, wie sie es beinahe getan hätte. Dann begann er zu kurbeln, seine Bewegungen ökonomisch, kein überflüssiger Zentimeter. Er wusste, was er tat. Und er tat es, ohne sie anzusehen.

Das machte sie nervöser als alles andere. Menschen, die halfen, wollten normalerweise etwas. Ein Lächeln, ein Danke, die Bestätigung, gebraucht zu werden. Dieser Mann wollte offenbar nichts. Er streifte die durchnässte Lederjacke ab, warf sie über den Seitenspiegel des Motorrads, zog den platten Reifen ab und wuchtete das Reserverad an die Bolzen. Kathrin sah, wie sich die Muskeln unter seinem nassen Hemd spannten, das ihm klatschnass am Rücken klebte.

Er hielt inne, ein Bein schon über dem Sattel. Der Motor sprang an, tief und rund, und für einen Moment dachte sie, er würde einfach fahren. Stattdessen deutete er mit dem Kinn nach Osten, wo die Straße in einer flachen Kurve verschwand. Ein Zeichen. Folgen Sie.

Das Prairie Rest lag vier Meilen weiter, ein L-förmiger Bau aus den Sechzigern, dessen Leuchtreklame nur noch RAIRIE ES schrieb. Eine einzelne Bogenlampe warf einen kalten Kegel über den Parkplatz, in dem sich der Regen als silberner Schleier fing. Kathrin nahm Zimmer 7. Sie sah, wie er die Kawasaki unter das Vordach schob, den Helm auf den Tank stützte, ohne ihn abzunehmen, und im Schatten neben Zimmer 4 verschwand.

Sie hätte schlafen sollen. Ihr Körper verlangte danach, ihre Kleider hingen tropfend über dem Duschvorhang, und trotzdem stand sie eine Stunde später wieder draußen, in trockenen Sachen, vor dem Getränkeautomaten am Ende des Gangs, der summte wie ein müdes Insekt. Sie sagte sich, sie brauche Wasser. Der Notizblock steckte in ihrer Jackentasche, und ihre Finger fanden ihn, ohne dass sie es wollte.

Er war schon da. Lehnte an der Wand neben dem Automaten, Helm auf, eine Dose in der behandschuhten Hand, als hätte er gewusst, dass sie kommen würde. Oder als wäre das Warten sein natürlicher Zustand.

„Sie können das Ding nicht durch den Helm trinken", sagte sie.

Ein Geräusch kam aus dem Helm, das ein Lachen sein konnte. Kratzig, kurz. „Nein."

Ein Wort. Das erste. Seine Stimme war rau wie ungeschliffenes Holz, und etwas in Kathrins Brustkorb verschob sich um einen Millimeter.

Sie redeten. Länger, als vernünftig war. Sie über die Brücke, über Verkehrslasten und die Ermüdung von Stahlträgern, über die Formeln, mit denen sie ihr Leben in Ordnung hielt. Er antwortete in Bruchstücken, kurzen Sätzen, die mehr verschwiegen als sagten. Der Automat summte, das Neonlicht malete Streifen über den Boden, und irgendwann, mitten in einem Satz über nichts, legte sie die Hand auf seinen Arm. Über dem Ellbogen, wo die Lederjacke einen Wulst warf, unter dem sich etwas Hartes, Vernarbtes abzeichnete.

Er zuckte weg, als hätte sie ihn verbrannt.

„Das geht Sie nichts an." Die Stimme kippte, wurde hart, fast grob, und der Helm drehte sich weg von ihr.

„Ich wollte nicht—"

„Gute Nacht." Er ging. Die Tür von Zimmer 4 fiel ins Schloss, ein trockenes Klacken, und Kathrin blieb allein mit dem Automaten und ihrer Hand, die noch die Wärme seines Arms hielt.

An der Rezeption saß eine Frau mit grauem Zopf und einem Kreuzworträtsel, über das sie den Stift nicht hob.

Sie hob den Stift nicht, doch ihre Augen folgten Kathrin bis zur Tür von Zimmer 7, und in diesem Blick lag etwas, das keine Frage stellte und keine erwartete.

Die Nacht war lang und dünn. Kathrin lag wach, die Decke bis zum Kinn, und hörte durch die Wand hindurch, wie nebenan das Bett knarrte, wenn er sich umdrehte, immer wieder, ein Mensch, der ebenso wenig schlief wie sie. Zweimal stand sie auf. Zweimal legte sie die Hand an die Verbindungstür zwischen Zimmer 4 und 7, die es in diesem Motel gab, verriegelt von beiden Seiten, und zweimal ließ sie los.

Beim dritten Mal war es kurz nach zwei, und sie klopfte.

Es dauerte. Dann das Geräusch eines Riegels, langsam gezogen. Die Tür öffnete sich einen Spalt. Er trug den Helm nicht. Zum ersten Mal. Im Dunkel des Zimmers sah sie nur Umrisse: kurz geschorenes Haar, ein kantiges Kinn, die Andeutung einer Linie, die sich von der Schläfe herab über die Wange zog. Sie ahnte sie mehr, als sie sie sah.

„Sie sollten schlafen", sagte er. Die kratzige Stimme, jetzt ohne das dämpfende Plexiglas dazwischen, war tiefer, wärmer, gefährlicher.

„Ich kann rechnen, aber nicht schlafen." Sie schob die Tür weiter auf, und er trat zurück, ließ sie herein. Das war seine Antwort.

Sie standen im Halbdunkel, einen halben Meter voneinander entfernt, und die Luft zwischen ihnen war dick von allem Ungesagten. Kathrin hob die Hand, langsam, wie man sich einem scheuen Tier nähert, und legte die Finger an seine Wange. Er zuckte, hielt still. Sie fühlte die Narbe, eine erstarrte Landschaft unter ihrer Fingerkuppe, und diesmal zog er sich nicht zurück.

„Ich frag nicht", sagte sie leiste. „Ich will nur bleiben."

Er küsste sie. Sein Mund traf ihren mit einer Dringlichkeit, die drei Jahre alt war, und seine Hand grub sich in ihr Haar, hielt ihren Kopf, als hätte er Angst, sie könnte verschwinden. Kathrin schmeckte Salz und das Bier vom Automaten und darunter etwas Reineres, ihn selbst. Sie zog an seinem Shirt, und er ließ es zu, hob die Arme, und dann war seine Brust nackt unter ihren Händen, warm, die Schulter von einer breiten, wulstigen Narbe durchzogen, die sich bis über das Schulterblatt zog. Sie legte den Mund darauf, küsste die Narbe und spürte, wie er unter der Berührung erschauerte.

„Kathrin." Ihr Name, das erste Mal aus seinem Mund, rau und atemlos.

„Sag mir deinen."

Ein Zögern. Dann: „Cole."

Sie sog es ein wie Sauerstoff. Cole. Seine Hände fanden den Saum ihres Shirts, streiften es über den Kopf, und seine Handflächen legten sich um ihre Brüste, die Daumen fanden die Brustwarzen und strichen darüber, bis sie sich hart aufrichteten und ein Laut aus ihrer Kehle brach, den sie nicht geplant hatte. Er drehte sie, drängte sie rückwärts zum Bett, und sie fielen ineinander verkeilt aufs zerwühlte Laken, das nach billigem Waschmittel und Regen roch.

Er küsste sich abwärts. Über ihren Hals, ihr Schlüsselbein, den Bauch, jeder Kuss langsamer als der vorige, als wolle er sie berechnen, jeden Zentimeter kartieren. Ihre Jeans landete auf dem Boden. Sein Mund fand die Innenseite ihres Schenkels, und Kathrin, die immer alles im Voraus wusste, wusste plötzlich nichts mehr. Seine Zunge glitt über ihre Klitoris, ein langsamer, kreisender Druck, und ihre Hüften hoben sich dem entgegen, ohne dass sie es entschieden hätte.

Sein Rhythmus war unerbittlich, sein Mund geduldig, und Kathrin krallte die Finger in das Laken, während die Hitze in ihr eng und immer enger wurde, bis sie riss. Ihr Rücken bog sich vom Bett, ein Laut brach aus ihr, den sie nicht kannte, und Cole hielt sie durch das Beben hindurch, seine Hände fest um ihre Hüften.

Dann war er über ihr, seine Härte an ihrer Feuchtigkeit, und er sah sie an im Halbdunkel, wartete. Sie zog ihn zu sich. Er glitt in sie hinein, langsam, ein Dehnen, das ihr den Atem nahm, und für einen Moment hielten sie beide still, verbunden, atmend. Dann bewegte er sich. Tief, gemessen, jeder Stoß eine Frage, die sie mit ihren Hüften beantwortete. Sie fand seinen Mund, schmeckte sich selbst darauf, und die Narbe an seiner Schulter lag unter ihrer Hand wie ein Versprechen, das er noch nicht ausgesprochen hatte. Er kam mit ihrem Namen an ihrem Hals, und sie folgte ihm, ein zweites Mal, in ein Zittern, das keine Formel fassen konnte.

Das Café am Hauptplatz von Smith Center roch nach Kaffee und verbranntem Toast, und die Sonne lag flach und golden über den feuchten Tischen draußen. Cole saß ihr gegenüber, den Helm neben sich auf der Bank. Abgenommen. Zum ersten Mal im Licht. Die Narbe zog sich von der Schläfe herab, blass und alt, und er ließ sie sichtbar, obwohl zwei Rentner am Nebentisch schauten.

„Vor drei Jahren", sagte er, die Tasse zwischen beiden Händen. „Ein Truck an der Kreuzung. Mein Bruder saß hinter mir." Er trank. „Er wollte die 36 fahren. Ganz. Von Kansas bis Colorado. Hatte sie sich aufgezeichnet, jede Abzweigung." Seine Kiefermuskeln arbeiteten. „Er hat's nicht geschafft. Also fahr ich sie."

Kathrin sagte nichts. Das war das Schwerste, was sie je getan hatte. Keine Frage, keine Erklärung, kein Auffüllen der Stille mit ihrem Verstand. Sie ließ die Worte einfach stehen, wo er sie hingelegt hatte.

Dann zog sie den Notizblock aus der Jackentasche. Sie schrieb: die Kreuzungen, die er genannt hatte, die Namen der Orte zwischen den Zeilen seiner knappen Sätze, die Strecke, die sein Bruder geplant hatte, so vollständig, wie sie sie aus allem rekonstruieren konnte, was er ihr gegeben hatte. Sie riss nicht ab. Sie schob ihm den offenen Block über den Tisch.

Cole schaute auf das Blatt. Lange. Sein Daumen strich über die Tinte, über die Ortsnamen in ihrer sauberen Ingenieursschrift. Dann schaute er auf, zu ihr.

Er nahm den Block. Riss die Seite heraus, faltete sie einmal, zweimal, und schob sie in die Innentasche seiner Jacke, dorthin, wo das Leder am Herzen saß. Dann streckte er die Hand aus, über den Tisch, offen.

„Fahren Sie mit."

Kathrin sah die Hand an. Große Hand, die gelöste Naht am Handschuh, die sie in der Nacht des Regens gezählt hatte. Sie legte ihre hinein.

Draußen sprang die Kawasaki an, tief und rund, ein Ton, der ihr inzwischen vertraut war wie ein Puls. Cole reichte ihr den einzigen Helm, seinen, und sie setzte ihn auf. Der Morgenwind fuhr über den feuchten Asphalt der Route 36, die schnurgerade nach Westen lief, in ein Licht ohne Rand.

Sie stieg auf, hinter ihn, und legte die Hände an seine Rippen, spürte sie sich heben und senken. Cole drehte den Kopf, ein halber Blick über die Schulter, und Kathrin nickte.

Die Straße vor ihnen war lang und ungeplant. Sie steckte den leeren Horizont in ihre Tasche, als gehörte er ihnen beiden.

✧ Text, Bild und Stimme dieser Geschichte entstehen mit Hilfe von KI. Kuratiert und redigiert von Narrabelle. Wie wir arbeiten

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